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And So I Watch You From Afar - Jettison

And So I Watch You From Afar- Jettison

Velocity
VÖ: 18.02.2022

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 7/10

Gestrichen toll

Alles muss man heutzutage selbst machen. Eigentlich ist gewissen Industrie-Verantwortlichen schon seit geraumer Zeit aufgefallen, dass Post-Rock in all seiner cineastischen Grandeur wunderbar dazu geeignet ist, auch tatsächliche Filme und Serien zu begleiten. Doch im Gegensatz zu den etwa an Natur-Dokus oder Mafia-Dramen geschulten Explosions In The Sky und Mogwai haben And So I Watch You From Afar offenbar noch kein passendes Angebot auf den Tisch bekommen. Anstatt auf andere zu warten, nahm Gitarrist und Haupt-Songwriter Rory Friers die Sache einfach selbst in die Hand und konzipierte "Jettison", das sechste Studio-Album seiner Band, als multimediales Projekt. Der Künstler Sam Wiehl lieferte exklusiv bei Live-Shows gezeigte Visuals dazu und das ganze Werk gestaltet sich wie ein einziger, zusammenhängender Soundtrack – weswegen es zumindest in der digitalen Version am Ende noch einmal die ganze Platte als "Full score" ohne Track-Abgrenzungen gibt. Die Ambitionen der Nordiren gingen sogar noch weiter, da sie nicht nur mit Wiehl, sondern auch dem ebenfalls in Belfast beheimateten Arco String Quartet kollaborierten. Mit orchestraler Schlagseite und ohne die Brachialität von früher fügen And So I Watch You From Afar ihrem Schaffen eine spannende neue Facette hinzu – und haben dabei vielleicht ihre beste Platte seit dem Ausstieg von Gründungsmitglied Tony Wright aufgenommen.

Im zweigeteilten Eröffnungsstück "Dive" darf zunächst die großartige Emma Ruth Rundle in betrübtem Spoken Word über eine vergangene Liebe sinnieren, während die Streicher langsam aufklappen wie ein Buch, das alle trostreichen Antworten enthält. Drummer Chris Wee klopft einen sachten Rhythmus ab und baut mit Chören und Saiten-Schwung ein Momentum auf, für das jeder offensichtliche Ausbruch viel zu plump wäre. Kurz darauf mimt Clutch-Frontmann Neil Fallon Rundles männlichen Konterpart zwischen dem Bass-Grummeln und den fast schon folkigen Melodien von "In air". Spätestens hier wird klar: So nah am klassischen Post-Rock, am fein ornamentierten und austarierten Wohlklang, haben sich And So I Watch You From Afar bisher nie bewegt. Einerseits funktioniert das wunderbar, weil sich beide Vierergruppen viel Raum zum Atmen lassen und aus diesem luftigen Zusammenspiel eine durchweg packende Dynamik wächst. Andererseits fehlen jedoch auch ein wenig die Überwältigungsmomente und es ist etwas schade, dass sich Friers und Co. augenscheinlich die meisten Kanten abgeschliffen haben – auch wenn "Lung" zumindest für knapp zwei Minuten die Math-Rock-Einflüsse zurückbringt.

In der zweiten Hälfte beseitigt das Album allerdings die letzten Zweifel an seiner Klasse. "Hold" ist ein minimalistisches Meisterstück, das einen mit stoischem Puls und leisen Pinselstrichen tief in seinen Wellness-Sumpf hineinzieht. "Submerge" betont dann doch die zweite Silbe von "Post-Rock", scheint direkt von den steinernen Lungenflügeln des Covermotivs abzubröckeln und entlädt sich in einem Solo, das J Mascis aus der Mähne gefallen sein könnte. Kurz darauf täuscht der Track an, zur Ruhe zu kommen, ehe Wee nochmal anzieht und eine Startrampe für "Emerge" knüppelt, das mit noch höherem Krach-Faktor regelrecht explodiert. Das berauschende Titelstück lässt im Anschluss alle Fesseln fallen und überführt die euphorische Spielfreude der Band mit voller Wucht in den neuen Kontext. Klar, dass danach nur noch die Seelenschmeichelei von "A.D. poet" folgen kann, das – wie es sich für jedes gute Konzeptwerk gehört – die anfänglichen Streichermotive aufgreift und in dem Rundles finales "I've missed you" tief ins Mark hallt. Da müssen sich And So I Watch You From Afar nicht grämen, wenn mal wieder keine Nachricht von HBO im Briefkasten steckt: Die Erzählkunst ihrer Musik braucht überhaupt kein Drehbuch.

(Marvin Tyczkowski)

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Highlights

  • V Hold
  • VI Submerge
  • VIII Jettison

Tracklist

  1. I Dive pt 1
  2. II Dive pt 2
  3. III Lung
  4. IV In air
  5. V Hold
  6. VI Submerge
  7. VII Emerge
  8. VIII Jettison
  9. IX A.D. poet
  10. Jettison (Full score)

Gesamtspielzeit: 38:44 min.

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(Neueste fünf Beiträge)
User Beitrag

pounzer

Postings: 134

Registriert seit 24.08.2019

2022-03-16 22:39:50 Uhr
Joah, dem würde ich im Großen und Ganzen zustimmen. Ich mag Jettison wirklich sehr, auch oder gerade weil es dem Oeuvre der Band eine neue Facette hinzufügt. Das haben sie für mich aber auch mit den meisten anderen Alben seit Wrights Ausstieg geschafft. Nur Heirs fällt für mich bis auf 2-3 Songs ab.

Außerdem würde ich noch anmerken, dass Rory Friers und Niall Kennedy zusammen sehr wohl schon einen Filmsoundtrack komponiert haben (The Cured, 2017). Ich weiß allerdings nicht, wie gut der gelungen ist.

Armin

Plattentests.de-Chef

Postings: 22687

Registriert seit 08.01.2012

2022-03-16 20:19:34 Uhr - Newsbeitrag
Frisch rezensiert.

Meinungen?


kiste

Postings: 154

Registriert seit 26.08.2019

2022-02-27 10:39:04 Uhr
Die Spoken Words Passagen erinnerten mich sehr an die Supergiant Spiele mit Logan Cunningham als Erzähler. Doch ist es hier wohl Neil Fallon von Clutch, den kenne ich nicht, werde da wohl auch mal reinhören.
Ansonsten läuft das Album mittlerweile fast in Dauerschleife bei mir. Die angenehme Länge, der unaufgeregter Spannungsaufbau funktionieren gut bei mir zum Entspannen.

Martinus

Postings: 100

Registriert seit 13.01.2014

2022-02-23 20:23:19 Uhr
Taugt mir echt grad voll das Album.
Das erste Mal überhaupt bei dieser Band, die waren mit bisher irgend immer viel zu fickrig und piepsig.
Aber bei dem hier hat es jetzt klick gemacht.

Akim

Postings: 167

Registriert seit 17.04.2016

2022-02-22 08:58:18 Uhr
Ich höre heute Nachmittag/Abend mal rein. Danke für die Erinnerung.
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