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Jenny Hval - Classic objects

Jenny Hval- Classic objects

4AD / Beggars / Indigo
VÖ: 11.03.2022

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 8/10

Die Anti-Vampirin

Jenny Hval sticht dahin, wo es wehtut. Auf "Blood bitch", ihr Konzeptwerk über das menschliche Blut, ließ sich diese Metapher sogar wörtlich anwenden. Doch auch sonst strotzte ihr Schaffen immer schon vor schmerzvollen Gedanken über Sex und Gewalt, Kapitalismus und Feminismus, Körper und deren Entgrenzung. "Classic objects" wendet sich davon nun bewusst ab. Hval spricht nicht mehr über Tabus, sondern über das, womit man gerade in Isolationszeiten am meisten beschäftigt ist: sich selbst. Eine Künstlerin, die ihre Kunst nicht mehr ausüben kann, sei ja nur noch eine Privatperson, reflektiert die Norwegerin im Pressetext, und genau ihr eigenes, privates Menschsein möchte sie hier ergründen. Sie wollte einfache Geschichten über das Leben erzählen, gespeist aus assoziativen Erinnerungen und konkreten biografischen Momenten, und jeder Song sollte Strophe und Refrain haben. Zum ersten Mal inszeniert sich ein Jenny-Hval-Album im Vorfeld so, nur ein Baum unter vielen im dicht bewachsenen Art-Pop-Wald zu sein.

Um diesen Eindruck als trügerisch zu entlarven, reicht im Grunde schon ein Blick auf die direkte Vorgänger-Platte: Bereits "The practice of love" gab sich betont zugänglich, ohne auf verschrobene Herausforderungen wie die zwei gleichzeitig ablaufenden Interviews im Titeltrack zu verzichten. "Classic objects" geht in Sachen Bekömmlichkeit zwar noch einen Schritt weiter, aber der Opener "Year of love" führt dennoch auf eine falsche Fährte. Dieser groovt unheimlich, fließt mit funky Gitarre, griffigem, Keyboard-unterstütztem Rhythmus und schwebender Hook sofort in den Kreislauf, steht in seiner konventionellen, kompakten Struktur allerdings nicht repräsentativ für das restliche Album. Dort halten sich die Instrumente stärker im Hintergrund, bilden freiförmige, teils sechs- bis sieben-minütige Teppiche, auf denen Hval ihre dichten Lyrics und ausdrucksstarken Gesangsmelodien ausbreitet. Das geschieht ganz mit der Qualität, die man von der in Musik, Schrift und Bild versierten Frau gewohnt ist, dieses Mal nur ununterbrochen von akustischen oder textlichen Synapsenzwirblern.

Auf "Blood bitch" mussten noch Vampire als zentrale Metapher herhalten, hier tut Hval quasi das Gegenteil der mythischen Blutsauger: Sie pumpt jede noch so tot erscheinende Szenerie mit Leben voll. Das wundervoll gleißende "Cemetery of splendour" kippt zur Halbzeit in eine Aufzählung der Eindrücke eines verlassenen Stadtparks: Müll wie "gum" und "cigarette butts", aber auch Naturalien wie "trees", "sticks" und "rocks", die aus Hvals staunendem Mund wie Wunder klingen. Eine Kartografie vergangener und zukünftiger Orte wolle "Classic objects" erstellen, und tatsächlich fühlen sich die Texte der 41-Jährigen hier ungemein plastisch und weniger verkopft als früher an. Selbst wenn jener Track nach besagtem Spoken Word noch zwei Minuten Field Recordings hinterher schiebt, ist das keine analytische Provokation, sondern schlicht die natürliche Entwicklung dieser präzise gemalten Lokalporträts.

Stilistisch gestaltet sich das Album organischer als sein Vorgänger, schraubt dessen Techno- und Rave-Einflüsse merklich zurück. Stattdessen ergeht es sich in einer Art rhythmischem Ambient-Pop, für den warme Orgel-Flächen, vielfältige Percussion-Instrumente und zurückgenommene Rock-Band-Arrangements das Fundament bilden. Aufs erste Ohr mag das alles etwas gleichförmig erscheinen, doch im Grunde jeder Song offenbart Aspekte, die ihm eine eigene Kontur verschaffen – sei es die Tribal-artige Dauer-Klimax von "Year of sky" oder die Drone-Fluten, die "Jupiter" am Ende unter sich begraben. Spätestens, wenn der Closer das Piano funkeln lässt und optimistisch "The revolution will not be owned" verkündet, ist die spezielle Magie dieser im besten Sinne des Wortes eigenartigen Künstlerin wieder komplett präsent, die neben brutalen Gesellschaftssektionen immer auch purste Schönheit vermitteln kann. Wieder einmal hat Jenny Hval ein Album wie kein anderes in ihrem Œuvre gemacht.

(Marvin Tyczkowski)

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Highlights

  • Year of love
  • Cemetery of splendour
  • The revolution will not be owned

Tracklist

  1. Year of love
  2. American coffee
  3. Classic objects
  4. Cemetery of splendour
  5. Year of sky
  6. Jupiter
  7. Freedom
  8. The revolution will not be owned

Gesamtspielzeit: 42:33 min.

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(Neueste fünf Beiträge)
User Beitrag

squand3r

Postings: 118

Registriert seit 24.01.2019

2022-03-16 22:47:25 Uhr
Die Mennes ist definitiv acquired taste, da geb ich dir recht :) „Losing Something“ und „Love, Lovers“ find ich beides Übernummern wo mir doch tatsächlich die Stimme bis eben heute im Kopf geblieben ist, davor hatte ich Jenny Hval nicht am Schirm, geschweige kannte ich sie als Interpretin.

Freu mich jdfs auf die kommenden Playthroughs mit der Neuentdeckung!

Unangemeldeter

Postings: 723

Registriert seit 15.06.2014

2022-03-16 22:27:31 Uhr
Ich hab mich ja total auf die Menneskollektivet-Platte gefreut und dachte dass das sicher genau was für mich ist - kann damit aber bis heute fast nichts anfangen.
Classic Objects dagegen wieder ein Volltreffer. Super Album!

squand3r

Postings: 118

Registriert seit 24.01.2019

2022-03-16 21:44:05 Uhr
eben reingehört und ich denk mir schon die Stimme kenn ich ja von irgendwoher - ist mir letztes Jahr beim Kollektivalbum Menneskollektivet untergekommen. Ganz feine Interpretin, werd ich mir wohl die ganze Diskographie zu Gemüte führen müssen!

Unangemeldeter

Postings: 723

Registriert seit 15.06.2014

2022-03-10 23:16:39 Uhr
Oh Mann so viel gute neue Musiiiiik! Die Practice of Love war ein absoluter Grower bei mir, tolles Album. Bin sehr gespannt auf das neue!

Armin

Plattentests.de-Chef

Postings: 22687

Registriert seit 08.01.2012

2022-03-09 19:47:37 Uhr - Newsbeitrag
Frisch rezensiert.

Meinungen?


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