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Peter Doherty & Frédéric Lo - The fantasy life of poetry & crime

Peter Doherty & Frédéric Lo- The fantasy life of poetry & crime

Strap Originals / Bertus
VÖ: 18.03.2022

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 8/10

Jenseits von Albion

Peter Dohertys Frankophilie ist seit geraumer Zeit verbürgt, bildet eine Art Folie für sein eigenes Schaffen. Ob im Namen seiner ersten großen Band, deren Exzesse sich an die Libertinage im Sade'schen Sinne rückkoppelten, oder in seinen Referenzen an die poètes maudits, die verfemten Dichter Frankreichs: Immer wieder scheint es, als imaginiere Doherty den Rock'n'Roll-Songwriter als eine wilde Wiedergeburt Baudelaires im 21. Jahrhundert. Auch das vielbeschworene Albion, das in Dohertys Texten das triste England zum mythologischen Sehnsuchtsort, einer ästhetischen Utopie zu verändern sucht, kann das Fernweh nicht vollends bändigen. So nimmt er bereits sein zweites Album in Folge jenseits des Ärmelkanals auf, zwischen Étretat, einem kleinen Küstenstädtchen in der Normandie, und Paris sind die zwölf Songs auf "The fantasy life of poetry & crime" entstanden. Und doch ist diesmal einiges anders: War "Peter Doherty & The Puta Madres" noch von einer beschwingten Wehmut angetrieben, vermählte irische Geigen mit Songmaterial, dessen Ursprung in die frühen Libertines-Tage zurückreichte, so prägt nun eine rotweinschwere Eleganz die Stücke. Das hängt nicht zuletzt mit Partner Frédéric Lo zusammen: Der französische Produzent komponierte und arrangierte das gesamte Album, wodurch sich Doherty voll und ganz auf Wort und Gesang konzentrieren konnte.

Schwelgerische Streicher und Bläser umhüllen die einsame Gitarre im Opener, der mit cineastischer Opulenz ein weiches Zuhaus für Dohertys leicht windschiefes Crooning bereitet. "Have I begun this too weirdly?", fragt dieser besorgt, lokalisiert seine angedeutete Erzählung zwischen "Haute Normandie and Seine-Maritime", um dann doch noch mit einem Bild schillernden Unbehagens zu enden: "A vicious low whine of a chainsaw's grind in the summertime." Ohnehin präsentiert Doherty in vielen der Songs ein präzises lyrisches Gespür wie in besten Zeiten. "The epidemiologist" mit seinen würdevoll abwärts wandernden Klavierfiguren lässt ihn zum scharfzüngig-zynischen Film-Noir-Protagonisten mutieren, welcher der globalen Pandemie immerhin kühne Metaphern zu entreißen vermag: "I lurch headlong into atrocity / With an exponential known only to epidemiologists." Nach diesem gelungenen Auftakt schneidert Lo seine musikalischen Gewänder vor allem entlang zweier Muster: Zum einen wären da die dramatischen Balladen, in denen Akustikgitarren und Streicherteppiche einen verletzlichen und nackten Doherty einkleiden. Raunen und Stammeln halten "The ballad of…" nicht davon ab, sich zu einem beachtlichen Crescendo aufzuschwingen, und auch im ängstlichen "The monster" oder der durch hektische Spoken-Word-Einlagen unterbrochenen Sinnkrise "Invictus" bilden Dohertys Schlingern und Los Arrangements einen spannenden Kontrast.

Auf der anderen Seite findet sich der bittersüße Indie-Pop der starken ersten Single "You can't keep it from me forever", in der Doherty spielerisch Idiome seines eigenen Dialekts um sich schmeißt: "I know every trick in the book." Die Jangle-Gitarren von "Rock & roll alchemy" schicken ihn mühelos von Victor-Hugo-Verweisen zu simplen Einsichten, die im Doherty-Kosmos als kanonisch gelten dürften: "Drinking too quick and feeling so sick." Und in der sommerlichen Schlichtheit von "Keeping me on file" reichen wenige Pinselstriche für eine tiefere Wirkung. Stoisch wiederholt Doherty den Wunsch nach Gedächtnis und Erinnerung, während die Sonne langsam hinter ihm untergeht: "I hope you're keeping me on file / As the days are slipping away."

Zum Ende wird es noch einmal sehr konkret: "Far from the madding crowd" greift Thomas Hardys Romantitel auf, um ein reduziertes Barpiano-Stück über den Lockdown in der Kulturszene zu spielen. "Where can I sing my song?" – fragt Doherty, dem das Publikum ganz offenbar mehr ist als Staffage. Dann ergießt sich der Song in die Weite. "The fantasy life of poetry & crime" ist ein Album geworden, dessen glasige Augen ruhig auf Eskapaden zurückblicken, ohne neue hinzufügen zu wollen. Los Kompositionen sind dabei von genau der unaufgeregten Zeitlosigkeit getragen, die Dohertys Texte vielleicht schon länger suchen. Den Paradoxien Oscar Wildes zunickend, stellt jener fest: "Fashions, they come and go / Well, fashionable people know."

(Viktor Fritzenkötter)

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Highlights

  • The fantasy life of poetry & crime
  • The epidemiologist
  • You can't keep it from me forever
  • Far from the madding crowd

Tracklist

  1. The fantasy life of poetry & crime
  2. The epidemiologist
  3. The ballad of...
  4. You can't keep it from me forever
  5. Yes I wear a mask
  6. Rock & roll alchemy
  7. The monster
  8. Invictus
  9. The glassblower
  10. Keeping me on file
  11. Abe Wassenstein
  12. Far from the madding crowd

Gesamtspielzeit: 36:23 min.

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(Neueste fünf Beiträge)
User Beitrag

Glynis

Postings: 198

Registriert seit 13.02.2022

2022-04-14 22:09:13 Uhr
Von wegen nicht mehr süchtig lieber peter.
Auf arte raucht er ne stange und hat ständig irgendeinen alk aufm tis h oder in der hand. Jetzt säuft er wie n loch. Album is ok.

Takenot.tk

Postings: 1893

Registriert seit 13.06.2013

2022-04-07 14:35:50 Uhr
Fand es auch überraschend schön zu hören. Nichts, was sich direkt festgesetzt hat, aber habe es mal zum wiederhören abgespeichert, vielleicht sticht ja doch noch was hervor...

VelvetCell

Postings: 4653

Registriert seit 14.06.2013

2022-04-05 14:11:19 Uhr
Bei ARTE gibt es einen schönen Beitrag zum Album.

https://www.arte.tv/de/videos/106740-000-A/peter-doherty-frederic-lo/

Z4

Postings: 1404

Registriert seit 28.10.2021

2022-04-05 14:08:58 Uhr
Bekommt kaum Promo, vielleicht ist er für sein Label noch zu fett. Geht jedenfalls völlig unter das Album.

VelvetCell

Postings: 4653

Registriert seit 14.06.2013

2022-04-05 13:53:33 Uhr
Erstaunlich wenig Aufrufe bei Spotify bisher. Ich mag den Sound des Albums, aber es plätschert auch ein wenig vor sich hin.
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