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Raveena - Asha's awakening

Raveena- Asha's awakening

Warner
VÖ: 11.02.2022

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 4/10

Schwelgen im kosmischen Garten

Mittelöstliche Einflüsse in westlicher Popmusik? Schon lange ein alter Hut. Spätestens seit "Get ur freak on" – und gefühlt jeder zweiten anderen Timbaland-Produktion der Nullerjahre – überrascht es niemanden mehr, Tabla-Trommeln oder ein Sitar-Sample im Radio zu hören. Und doch fühlt es sich frisch an, was Raveena Aurora macht. Die New Yorker Sängerin mit indischen Wurzeln kreiert sanften R'n'B, der das musikalische Erbe ihrer Herkunft subtiler und weniger exploitativ verarbeitet als seine Mainstream-Vorreiter. War Raveenas Debüt "Lucid" noch ein klanggewordenes Nickerchen auf der Frühlingswiese, gestaltet sich sein Nachfolger "Asha's awakening" ungleich ambitionierter. Sein Comic-taugliches Konzept folgt einer Weltraumprinzessin aus dem antiken Punjab, die durch Zeit und Kosmos reist, spirituelle Magie von Aliens lernt, nach ihrer Rückkehr einen Kult um sich schart und schließlich doch untergeht. Je nach Perspektive ist es schade oder erleichternd, dass diese campy anmutende Story nur als loser narrativer Unterbau dient, um die dynamische Entwicklung der Musik zu begleiten. In Sachen unverkopfter Seelenschmeichelei steht die Platte ihrem Vorgänger um wenig bis nichts nach.

Der erste Bogen, den "Asha's awakening" beschreibt, lässt die Songs graduell immer mehr Wagnisse eingehen. Im luftigen, auf den Punkt gespielten Opener "Rush" blühen die Synth-Knospen auf, als würde Raveenas helle Stimme sie zum Leben erwecken. Der ebenso minimalistische, aber deutlich groovigere Banger "Secret" zeigt im Anschluss einen düsteren Unterton, schmeißt Zither-Klänge mit einem wie immer leicht nebulösen Rap-Part von Vince Staples zusammen. "Magic" kippt in ein kurzes Flöten-Intermezzo, ehe "Kismet" mit fideler Percussion, geschmeidigem Bass und teils auf Hindi gesungenen Lyrics ganz in die unbeschwerte Bewegung ausbricht. Doch Raveena feiert die indische Kultur nicht nur, sie nimmt auch deren westliche Fetischisierung aufs Korn. Allerdings nicht aus der Opferrolle heraus, wie die Studentin aus "Kathy left 4 Kathmandu", die sich im Urlaubssemester auf große Spiritualitätsreise begibt, schnell erfährt: "I can open up your third eye / As long as you can pay your price." Die eh schon schiefe Gitarre im funkigen Track gönnt sich am Ende ein kleines Anti-Solo und bildet damit eine der Produktionsmarotten, die das Album auszeichnen – und zu der Art von R'n'B machen, bei der vielleicht auch ein paar Indie-Ohren genauer hinhören. Auch der satte Achtziger-Schwelger "Mystery" schlägt wunderbar in diese Kerbe.

Nach dem griffigen Neo-Soul von "Circuit board" driftet die Platte in ihrer zweiten Hälfte zunehmend ins Abstrakte. Nirgendwo wird das so deutlich wie in "Asha's kiss", einem 50 Jahre Altersunterschied umspannenden Duett mit der legendären Asha Puthli, die als Fusion-Pop-Pionierin und Ornette-Coleman-Kollaborateurin musikhistorische Spuren auch außerhalb ihrer indischen Heimat hinterließ. Sechs Minuten lang flanieren die beiden Frauen durch einen Garten zarter Klänge, die jeden Moment zu zerstäuben drohen und doch einen handfesten Zugriff auf das eigene Wohlbefinden entwickeln. Das von Rostam Batmanglij (ehemals Vampire Weekend) produzierte "Time flies" trägt die Stimmung wunderbar weiter, zeigt seine Protagonistin tiefenentspannt bei der Bilanzierung ihres bisherigen Lebens, das auch eine frühe Abtreibung im Alter von 21 umfasst. Der Fokus auf Atmosphäre mit gleichzeitigem Verzicht auf klare Hooks ist eine mutige Entscheidung für ein Pop-Album, die jedoch voll aufgeht. Die Risikobereitschaft Raveenas kulminiert schließlich im fast viertelstündigen Closer "Let your breath become a flower" – kein Song, sondern eine, wie im Klammerzusatz verraten, "Guided meditation". Zugegebenermaßen ist dieser überlange ASMR-Ausflug trotz aller Delikatheit ein wenig redundant: Einen Zustand tiefer innerer Ruhe und Zufriedenheit hat man beim Hören von "Asha's awakening" auch vorher schon längst erreicht.

(Marvin Tyczkowski)

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Highlights

  • Secret (feat. Vince Staples)
  • Kismet
  • Mystery
  • Time flies

Tracklist

  1. Rush
  2. Secret (feat. Vince Staples)
  3. Magic
  4. Kismet
  5. Kathy left 4 Kathmandu
  6. Mystery
  7. Circuit board
  8. The internet is like eating plastic
  9. Arrival to the garden of cosmic speculation (Intermission)
  10. Asha's kiss (feat. Asha Puthli)
  11. Time flies
  12. Love overgrown
  13. Endless summer
  14. New drugs (feat. Tweaks)
  15. Let your breath become a flower (Guided meditation)

Gesamtspielzeit: 63:41 min.

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Armin

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2022-03-02 21:46:06 Uhr - Newsbeitrag
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