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Thurston Moore - Screen time

Thurston Moore- Screen time

Southern Lord
VÖ: 25.02.2022

Unsere Bewertung: 6/10

Eure Ø-Bewertung: 5/10

The detox

Spoiler: Krachen tut da gar nichts. Kein Geschrammel. Kein Störgeräusch. Und trotzdem ist das vom ersten Ton an unverkennbar Thurston Moore. Man könnte es sich jetzt bequem machen, mit Moores neuem Album "Screen time", sowohl als Hörer, als auch als Rezensent. Akustischer Widerstand geht von dem Machwerk erstmal keiner aus. Sogar voll aufgedreht klingt der Sound eher nach Qualitätszeit im Hobbykeller als nach nächtlicher Baustelle. Hier eine wärmende Gitarre, da eine sanft verzerrte. Soweit die simple Rezeptur von Moores siebtem Soloalbum. Oder anders: Erstmal klingt jeder einzelne Track wie ein verworfenes Prequel zum Intro von "Teen age riot". Kann man schon mal machen, wenn man Thurston Moore ist und die Indie-Musik erfunden hat, wie wir sie kennen.

Noch immer gilt: Wenn der Frontmann von Sonic Youth zur Gitarre greift, dann nicht nur, um neue Songs zu erschaffen. Gefühlt will Moore dabei immer auch ein bisschen die Welt zerstören, oder sie verbessern. Ganz genau lässt sich das nicht sagen. Diesmal sogar noch weniger als auf seinen anderen Releases, denn "Screen time" ist ein akustisches Album geworden, das komplett ohne Lyrics auskommen muss. Ein Blick auf die Tracklist eröffnet immerhin einen ersten dringenden Verdacht: oh, ein Konzeptalbum! Und genau das ist "Screen time" wirklich auf besonders schmucklose, aber auch gehaltvolle Weise geworden.

Zunächst zeigt sich das an den gut aufeinander abgestimmten Tracks wie etwa dem meditativen "The station", dem meditativen "The view", oder dem meditativen "The walk". Überhaupt ähneln sich die Songs nicht nur musikalisch – es beginnt auch jeder Trackname mit "The", als wäre das ein Adelstitel, welcher der Musik neue Gravität verleiht. Es ist nicht bloß ein Bahnhof, eine Aussicht oder ein Spaziergang, was wir hier musikalisch präsentiert bekommen. Es ist das alles in puristischster Form. Gut nachhörbar auch im meditativen "The realization".

In einem angenehm schlanken Manifest zum Album wird dann auch nochmal erklärt, was "Screen time" so will. Die Stücke hat Moore allesamt 2020 eingespielt, einem Jahr, in dem die Bildschirmzeit durch Lockdowns und Homeschooling wohl so stark strapaziert wurde wie selten zuvor. Das Cover des Albums zeigt die Skulptur eines Jungen, der mit ganzem Körpereinsatz ein Buch verschlingt. Es ist ein passendes Symbol für das Album, das vom ersten Riff an sehr simpel, aber auch hartnäckig vertieft wirkt.

Moores Tracks, die zunächst wie bloße Intros klingen, schaffen bei genauerem Hören etwas, was man sich von Musik eigentlich viel öfter wünscht: Sie sind gut genug, um mit voller Aufmerksamkeit gehört werden zu können, aber sie wirken auch, wenn sie nebenbei laufen. Eine große Stärke von "Screen time" ist, dass es trotzdem keine Hommage an das Multitasking geworden ist, sondern eher eine organische Art von Digital Detox. Das Album ist wie eine Speichertür in eine vergessene, analoge Welt. Es braucht etwas Eigeninitiative und Körpereinsatz, das schwere Ding aufzubekommen, aber in dem Raum dahinter wird klar: Die Mühe hat sich gelohnt. Wieder zurück von diesem Raum sieht die Welt dann gleich viel besser aus. Oder zerstörter. Je nach dem, was man gerade so will. Diese Entscheidung überlässt uns Thurston Moore wie immer selbst.

(Dominik Steiner)

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Highlights

  • The view
  • The walk
  • The realization

Tracklist

  1. The station
  2. The town
  3. The home
  4. The view
  5. The neighbor
  6. The walk
  7. The upstairs
  8. The dream
  9. The parkbench
  10. The realization

Gesamtspielzeit: 39:32 min.

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User Beitrag

Herr

Postings: 1592

Registriert seit 17.08.2013

2022-03-03 13:35:42 Uhr
Sehr gute Rezi, nachvollziehbar ... also Rauf auf die Liste der Alben für die Autrofahrt ...

Und tatsächlich trifft es den Kern: "Es braucht etwas Eigeninitiative und Körpereinsatz, das schwere Ding aufzubekommen, aber in dem Raum dahinter wird klar: Die Mühe hat sich gelohnt".

Mein Schlüssel klemmt, und in der Tat ist das Ding schwerer als viele Noise-Attacken von Sonic Youth und Herrn Moore persönlich... ich versuchs nochmal, in den Raum dahinter zu gelangen. Vielleicht gibt's da ja zumindest Bienenstich oder Streuselschnecken.

Armin

Plattentests.de-Chef

Postings: 22687

Registriert seit 08.01.2012

2022-02-23 22:50:40 Uhr - Newsbeitrag
Frisch rezensiert.

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