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Beach House - Once twice melody

Beach House- Once twice melody

Bella Union / [PIAS] Cooperative / Rough Trade
VÖ: 18.02.2022

Unsere Bewertung: 9/10

Eure Ø-Bewertung: 9/10

Four walls and a roof

Als Beach-House-Fan ist man regelmäßige Euphorieschübe gewohnt. Mehr als zwei Jahre braucht das Duo aus Baltimore selten für eine neue Veröffentlichung, und als es einmal doch so kam, hauten sie gleich zwei Platten innerhalb von gut 50 Tagen raus. "Once twice melody" toppt diese Frequenz sogar noch: Das knapp anderthalbstündige Werk teilt sich in vier Kapitel, die – separat mit je einmonatigem Abstand zueinander herausgebracht – dem Jahresübergang 2021/22 einen besonderen Dreampop-Winter schenkten. Trotzdem lässt sich über diese ungewöhnliche Release-Politik sicher auch streiten. Bei kaum einer anderen Band weisen die Kompositionen schließlich eine so raumfüllende wie nahbare Architektur auf. Wenn Victoria Legrand und Alex Scally gemeinsam musizieren, hüllen sie uns in einen vielschichtigen Schutzpanzer, der uns trostvoll unter die Haut dringt, die Zeit anhält und jedes aufwühlende Alltagsgeschäft in konturlose Bewegungen hinter Milchglas verwandelt. Warum sollte man also nach nur 20 Minuten den Kokon schon wieder aufreißen?

Gerade am Stück gehört ist "Once twice melody" das sechste – manche würden auch sagen das siebte oder achte – Meisterwerk von Beach House in Folge, ringt den darüber Schreibenden wieder einen ganzen Strauß verknoteter Metaphern ab, die im Grunde nur eine wesentliche Wahrheit umschreiben: Es ist einfach atemberaubend schöne Musik. Für diese Feststellung reicht bereits der eröffnende Titeltrack, aus dessen initialem Synth-Schimmern sich schnell ein traumhaft treibender Beat entpuppt, während Legrand die um sie herum aufblühende "belle de jour" besingt. Die auf dem Album zum ersten Mal nicht aus der Konserve stammenden Streicher führen dabei den Vorwurf ad absurdum, Beach House würden stets nur den gleichen Song aufnehmen. Über die 18 Tracks hinweg reichern sie ihren Trademark-Sound mit dynamischen wie stilistischen Variationen an, die sich immer wieder neue Dimensionen des Wohlklangs erschließen.

Ein rastloser Vorwärtsdrang prägt vor allem die ersten zwei Kapitel. Das direkt zum Bandklassiker gewordene "Superstar" baut sein verrauschtes Arrangement auf einem monotonen Rhythmus, "Through me" kippt wiederholt in technoide Ekstase-Parts mit schwerelosen Vocals – und selbst das fragile "Pink funeral" steht mit einem Fuß im zum Club umfunktionierten Betonklotz, der mit einem verzerrten Irgendwas-Solo am Ende langsam zu Bröckeln beginnt. Wie die Tür zu einer eigenen Welt habe sich die Platte für Legrand und Scally angefühlt, doch ihr Umgang mit dieser Flut an neuen Eindrücken äußert sich nicht in einem "pointless aiming in the dark", wie es im halbakustischen Karamell-Pop von "ESP" heißt. Sorgfältig kartographieren sie einen Abschnitt nach dem anderen und drücken uns einen Atlas in die Hand, der sich beim Durchblättern gleichzeitig vertraut wie aufregend anfühlt.

Der Detailreichtum und die Üppigkeit von "Once twice melody" dürften dabei nicht nur diejenigen beeindrucken, welche noch den Lo-Fi-Geist des selbstbetitelten Debüts vor Ohren haben. Roboterhaft entfremdet gleitet die in Paris geborene Sängerin auf der Arpeggio-Überholspur von "Runaway" und kommt fernab jeglicher Zivilisation beim astralen Feuerwerk von "New romance" an. Die endlose Hypnose des umwerfenden "Over and over" leitet schließlich in den dritten Part über, in dem der Pool an vielfältigen akustischen Wundern noch lange nicht erschöpft ist. Da stößt aus dem elektronischen Shoegaze-Meer von "Only you know" eine Hook in der Größe eines Blauwals an die Oberfläche, bevor "Another go around" mit ungleich zarterer Instrumentierung seine elegante Melodie balanciert. Das düster funkelnde "Masquerade" leuchtet dann auch die Schatten der Seitengassen aus und bringt seine morbid-faszinierende Wirkung selbst auf den Punkt: "Drowning in a state of grace."

Nicht jedes Stück erweitert den Bandkosmos essenziell, doch jedes einzelne hat seine eigene Kontur und nahezu jedes überwältigt ob seiner außerirdisch scheinenden Brillanz. Das bleibt auch im vierten und letzten Chapter so, das etwas unscheinbarer als der Rest daherkommt. Anstatt nach vorne zu blicken, erinnert sich "The bells" lieber mit Slide-Gitarre und feierlichem Schwung an selige "Devotion"-Zeiten zurück, und auch die Drumcomputer-unterstützten Orgeln von "Hurts to love" erzeugen einen unerwartet charmanten Homerecording-Vibe. Erst der fulminante Closer "Modern love stories" packt die mächtige Geste wieder aus, lässt Legrand verheißungsvoll "The end is the beginning" versprechen, ehe die Streicher kurz vorm Gipfel kehrtmachen und einen Instrumental-Western aus der Prärie heben, der ohne Worte zu Tränen rührt. Es sind solche Landschaften in ihrer cineastischen Wandelbarkeit, die den Rückzug in die altbewährte Schutzschale auch in der zigsten Wiederholung noch spannend gestalten. Beach House malen uns die Welt an die Decke und kein noch so gewaltiger Sturm wird die Wände dieses Refugiums je erschüttern können.

(Marvin Tyczkowski)

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Highlights

  • Once twice melody
  • Superstar
  • Through me
  • ESP
  • Over and over
  • Masquerade
  • Modern love stories

Tracklist

  • Part 1
    1. Once twice melody
    2. Superstar
    3. Pink funeral
    4. Through me
  • Part 2
    1. Runaway
    2. ESP
    3. New romance
    4. Over and over
  • Part 3
    1. Sunset
    2. Only you know
    3. Another go around
    4. Masquerade
    5. Illusion of forever
  • Part 4
    1. Finale
    2. The bells
    3. Hurts to love
    4. Many nights
    5. Modern love stories

Gesamtspielzeit: 84:28 min.

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(Neueste fünf Beiträge)
User Beitrag

AliBlaBla

Postings: 1765

Registriert seit 28.06.2020

2022-06-10 08:56:26 Uhr
..finally...

Once twice melody 8,5
Superstar 9
Pink funeral 8
Through me 8,5
Runaway 7,5
ESP 8
New romance 7,5
Over and over 8,5

..........to be ctd.....................

boneless

Postings: 4250

Registriert seit 13.05.2014

2022-05-22 19:18:01 Uhr
Props für Kassetten- und Cd-Käufe. Letztere bei mir zwar nur noch ganz selten, aber trennen mag man sich auch nicht von der Sammlung.

Ich hab mir die Silver-Edition bestellt. Die Gold sieht zwar schick aus, aber die Preise, die hierzulande dafür verlangt werden, sind eine Unverschämtheit.

Earl Grey

Postings: 385

Registriert seit 14.06.2013

2022-05-21 20:17:08 Uhr
Ich auch :)
Ich glaube wir gehörten damals zu den Letzten die einen CD Player hatten. Da bereitet die Kassette mir so ein wohlig warmes Gefühl von Kindheit…

AliBlaBla

Postings: 1765

Registriert seit 28.06.2020

2022-05-21 19:44:50 Uhr
@Earl Grey
Kenne ich, ..ich kann mich bei Kassetten kaum bremsen, echt wahr, besitze auch noch sehr viele, also Originsl Alben und natürlich MIX KASSETTEN (von mir oder anderen aufgenommen)

Earl Grey

Postings: 385

Registriert seit 14.06.2013

2022-05-21 19:40:33 Uhr
Ich habe nur einen eher kleinen tragbaren Kasettenplayer :) habe es mir eher aus nostalgischen Gefühlen geholt…
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