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Ty Segall - Whirlybird (Original motion picture soundtrack)

Ty Segall- Whirlybird (Original motion picture soundtrack)

Drag City / Indigo
VÖ: 22.02.2022

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 3/10

Gute Aussichten

Manche Ereignisse sind so erschütternd, dass man sie nicht mehr vergisst – nicht mal dann, wenn man selbst eigentlich gar nicht dabei war, sondern nur über mehrere Ecken und Jahre später von ihnen hört. Die Aufstände in Los Angeles im Jahr 1992 nach dem Freispruch für jene vier Polizisten, die den Afroamerikaner Rodney King vor laufenden Kameras halbtot geprügelt haben, wäre da schon ein gutes Beispiel: unfassbare Gewalt, die längst nicht nur gegen die Entscheider von Stadt und Staat gerichtet war, sondern leider zu großen Teilen auch gegen die eigene Community. Und dann wäre innerhalb dieses Ereignisses auch noch die tragische Geschichte des LKW-Fahrers Reginald Denny, der zur falschen Zeit am falschen Ort war – und dafür fast mit seinem Leben bezahlen musste.

Ein Nachrichten-Helikopter – damals ein noch recht neues Mittel, um den Zuschauern daheim die aktuellsten News live auf den Fernseher zu übertragen – war dabei, als eine Gruppe junger Männer Denny aus seinem Truck zog und lebensgefährlich verletzte. Bob Tur und seine damalige Frau Marika Gerrard wurden aus mehreren Metern Entfernung von oben Zeugen dieses brutalen Anschlags. Es ist nur eine der Situationen, von denen der Dokumentarfilm "Whirlybird" handelt – eine andere wäre etwa die Verfolgung von O.J. Simpsons weißem Bronco, nachdem jener auf der Flucht vor der Polizei durch halb Los Angeles düste –, aber doch die beeindruckendste. Gerrard und Tur, die 2013 ihre Transsexualität verkündete und seitdem auf den Vornamen Zoey hört, sind in der Doku ebenso zu hören wie auch die Musik des Kaliforniers Ty Segall. Dieser hält sich hier zumindest stimmlich fast schon vornehm zurück und beschränkt sich hauptsächlich auf Instrumental-Sounds. Und doch ist seine Handschrift auch ohne Gesang klar zu erkennen.

Eine Mischung aus Synthesizer, Keyboard, Drum-Machine und einem Saxofon – die Klang-Palette bei Segall ist wie immer bunt und wild, die psychedelisch-hitzige Atmosphäre ebenfalls nicht neu und doch erfrischend anders. Durch den Soundtrack-Charakter bleiben die Songs oft kurz und knackig und stehen stets für sich selbst: Das fast schon jazzige "Lawrence Welk III" ist genauso ein Einzelstück wie der monotone Sechzigerjahre-LSD-Trip von "First date" oder das druckvolle "Getting the story", das die Zuhörer mit Originalaufnahmen des damaligen Polizeifunks genau dort absetzt, wo Segall sie haben möchte: mittendrin im Geschehen. Von dort aus hebt er mit "Sky duo" ab in den wolkenverhangenen Himmel der Stadt der Engel, in der die Grenze zwischen Arm und Reich manchmal nur eine einfache Seitenstraße breit ist.

Natürlich ist es für Segall ein Kinderspiel, genau das richtige akustische Setting für seine Heimat zu schaffen. Auch ohne den Film gesehen zu haben, läuft hier ein ganz eigener Streifen vor dem inneren Auge ab, kann man die stickige Luft riechen und den Schweiß auf der Haut spüren. "1992" ist so düster wie einlullend, das Elend lauert nur eine Ecke weiter. "High" spielt mit der Doppeldeutigkeit des nach oben steigenden Helis und dem Rausch-Hoch einer guten Story und benebelt die Sinne dementsprechend. Auf ein ganz anderes Level hingegen begibt sich "Story of the century", der mit fast sechs Minuten deutlich längste Track des Albums: Hier dreht Segall komplett durch und nimmt den Herzstillstand in schwindelerregender Höhe nach zu viel Chaos glatt in Kauf. Eigentlich merkwürdig, dass dies der erste Soundtrack des mittlerweile 34-Jährigen ist, erst recht in Anbetracht seines üppigen Outputs. Stimmungen schaffen kann er jedenfalls – bleibt zu hoffen, dass er demnächst mal wieder richtig abhebt.

(Jennifer Depner)

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Highlights

  • First date
  • Lawrence Welk III
  • 1992
  • Story of the century

Tracklist

  1. Whirlybird
  2. First date
  3. Los Angeles News Service
  4. Getting the story
  5. Sky duo
  6. Lawrence Welk III
  7. First pursuit
  8. 1992
  9. High
  10. News junkies
  11. Story of the century
  12. Whirly suite
  13. Last flight

Gesamtspielzeit: 36:22 min.

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(Neueste fünf Beiträge)
User Beitrag

fuzzmyass

Postings: 8634

Registriert seit 21.08.2019

2022-02-16 21:13:59 Uhr
Huch, was ist das? Gar nichts von mitbekommen.... von Ty hole ich mir eh alles, muss also sein...

Armin

Plattentests.de-Chef

Postings: 22687

Registriert seit 08.01.2012

2022-02-16 21:04:35 Uhr - Newsbeitrag
Frisch rezensiert.

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