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40 Watt Sun - Perfect light

40 Watt Sun- Perfect light

Svart / Membran
VÖ: 21.01.2022

Unsere Bewertung: 9/10

Eure Ø-Bewertung: 7/10

Ganz bei Trost

Die Evolution von Patrick Walkers Musik ist von Reduktion gezeichnet. Anfangs toste noch ein Doom-Sturm bei Warning, bevor die Nachfolgeband 40 Watt Sun nach dem ebenfalls lärmigen Debüt "The inside room" mit ihrem zweiten Album "Wider than the sky" die Verzerrung herunterdrehte, in Alternative-Rock-Gefilden wilderte. Der Nachfolger "Perfect light" besinnt sich nicht nur auf vorwiegend akustische, im Slowcore beheimatete Instrumentierung, sondern streicht außerdem gleich ganz jegliches Bandgefüge: 40 Watt Sun ist nun offiziell ganz allein Patrick Walkers Vision, mit wechselnden Gefährten. Was bleibt, ist neben der üblichen Spanne von fünf bis sechs Jahren zwischen zwei Werken diese markante Stimme, welche nun nicht mehr gegen aufbrausende Gitarrenwände ansingen muss, sondern sich melodisch in das behagliche, traumhafte Setting einfügt. Was für Melodien das sind? Mit die schönsten, die Walker je in Songs festgehalten hat.

Der perlige Sound erinnert vor allem an Red House Painters und ruhige Momente von Folk- und Post-Rock-Bands, die ausgedehnten Stücke haben es entsprechend wenig eilig. Was "Perfect light" vor allem zu Beginn an Harmonie in den Äther gleiten lässt, ist nicht von dieser Welt. Der Opener "Reveal" ist womöglich die schönste Komposition in einer an Highlights nicht gerade armen Vita. Walkers Trost und Zuversicht nehmen wie ein Mantra den Song ein: "However wide the silence seems / Wherever you want me / I will be." Intensiv strebt das Stück seiner Klimax entgegen, während Walker "Oh Ophelia / I'm strong enough to lift you up" ruft. Er trägt sie im überlangen und überwältigenden "Behind my eyes" weit über ein glitzerndes Meer aus Klaviertönen. "Nothing in this life is unchangeable / Or unchanging." Was Walker mit seinem musikalischen Ansatz ohnehin schon selbst beweist.

Nirgendwo wird "Perfect light" so intensiv, fast schon schmerzhaft, wie in "Until", das sich nach einem elektrisch verstärkten Solo immer, immer weiter in sein Motiv hineinsteigert. Auch hier brilliert Walker, der sich zwischen Flehen und Drängen verausgabt. Die Worte sprudeln ungehemmt aus dem emotionalen Zentrum, schlagen Haken, Sätze driften ab oder enden unvollendet: "You'll hold me together / Wholly in your arms / And know how much I need you then and until ...". Wie ein sanftes Kissen fließt "Until" direkt in "Colours" hinein, eine akustische Coda, welche die Motive fortführt und eine kleine lyrische Bitternote hinterlässt. "You know my colours / You span the best of me / But you could never understand a human heart." Schon jetzt verwundert, warum der Promotext zu "Perfect light" von einem transitionalen Werk spricht. Walker wirkt so sehr angekommen, als hätte er bereits jahrzehntelang genau diesen Sound perfektioniert.

"The spaces in between" rückt dichter an die Ohren heran, streichelt mit der Percussion sanft die Muscheln. Auch das Klavier bleibt intim, als ob diese Liebeserklärung ein einziges Geheimnis wäre, das man bloß nicht teilen dürfte. "In another time, in another place / You are standing there above me / My head in your hands / And you know ..." – was wir wissen, sagt uns Walker nicht, er lässt sich zurückfallen, die Musik für ihn sprechen. Man weiß jedoch definitiv, dass für die nächste Gänsehaut "Raise me up" zuständig ist, das nach dem atmosphärischeren Vorgängersong wieder Fokus auf eine atemberaubende Dynamik legt. Eine solche Eindringlichkeit und einen so majestätischen Höhepunkt mit diesen sanften Mitteln zu entwickeln, ist ganz große Kunst. "Am I strong enough to carry this / Or too weak to let it go?" Es hilft ja nichts. Diese zehn Minuten wären auch doppelt so lang noch zu kurz.

Wenn es einen Part von "Perfect light" gibt, der sich weniger einladend gestaltet, dann sind es die beiden Abschlussstücke. "A thousand miles" und "Closure" sind so verhalten, letzteres ausschließlich mit Walker an der Akustischen, dass sie nach der vergangenen emotionalen Katharsis vielleicht zu unspektakulär, zu banal wirken. Der Schein trügt jedoch. Ihre Melodien schälen sich schlichtweg später heraus und da "Perfect light" ohnehin eine Platte ist, die sich völlig zu Recht Zeit nimmt, ist eine verlängerte Coda die richtige Geste, um aus dieser entrückten Welt hinauszugeleiten. "So much beauty, it can make you cry", hieß es mal ironisch bei einer Indie-Kapelle. Bei 40 Watt Sun ist das völlig ernst. "Perfect light" braucht in der Summe nicht viele Teile, aber fügt diese Elemente eben so goldrichtig zusammen, dass es eine wohltuende Herzmassage ist. "Whatever you can find / Refine it / And make it into something beautiful." Aufgabe erledigt.

(Felix Heinecker)

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Highlights

  • Reveal
  • Until
  • Raise me up

Tracklist

  1. Reveal
  2. Behind my eyes
  3. Until
  4. Colours
  5. The spaces in between
  6. Raise me up
  7. A thousand miles
  8. Closure

Gesamtspielzeit: 67:11 min.

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(Neueste fünf Beiträge)
User Beitrag

VelvetCell

Postings: 4653

Registriert seit 14.06.2013

2022-06-17 09:58:59 Uhr
Ja, ganz stark.
Schon jetzt ein Herzensalbum.

Old Nobody

User und News-Scout

Postings: 2737

Registriert seit 14.03.2017

2022-06-16 16:29:02 Uhr
Mir hat's besonders Raise me up angetan.Wegen seiner Intensität (wobei natürlich das ganze Album intensiv ist), dem unfassbar starken Mittelteil und wegen so berührenden Zeilen wie
"I will cover up the scars for you
and the dead parts of the past for you
uncover your eyes for you to see
that no one has loved you this way"

Wahnsinn

köttbullar

Postings: 125

Registriert seit 03.10.2019

2022-06-16 11:31:08 Uhr
Die einzige Platte die mich dieses Jahr bisher ähnlich berührt und greift (durch Story, Songs und Arrangements) ist die Gang of Youths.

Felix H

Mitglied der Plattentests.de-Chefredaktion

Postings: 8195

Registriert seit 26.02.2016

2022-06-15 23:06:27 Uhr
Für mich auch dieses Jahr bisher ganz vorne. Wirkt mittlerweile, als ob ich damit schon ewig vertraut bin.

köttbullar

Postings: 125

Registriert seit 03.10.2019

2022-06-15 21:53:58 Uhr
Ein Album das mich immer wieder aufs neue bewegt. Mein absolutes Highlight ist The Spaces in between das mich aus ganz persönlichen Gründen mit Text und Stimmung sehr sehr berührt. Ganz große Musik.
Zum kompletten Thread

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