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Sea Power - Everything was forever

Sea Power- Everything was forever

Golden Chariot / Rough Trade
VÖ: 18.02.2022

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 8/10

Flotte versenkt

Die Zeit für Ironie ist erst einmal vorbei. Natürlich hatte auch bislang niemand den Bandnamen als ernsthaften Salut an die imperialistischen Flotten der einstigen Weltmacht verstanden, doch seit dem aufflackernden Nationalismus der Post-Brexit-Ära haben Sea Power so gar keinen Bock mehr auf falsche Assoziationen. Kurzerhand tilgt die Band formerly known as British Sea Power den Bezug zum Mutterland vom Albumcover und schreibt damit konsequent ihren zweiten kreativen Frühling fort. Die typisch englische Gitarrenband waren sie ohnehin nie: Der famose Soundtrack zu "Disco Elysium", der 2019 die surreal-gesellschaftskritische Noir-Ästhetik des Videospiels mehr als nur untermalte, hielt das Vermögen des Quintetts noch einmal so richtig vor Augen. Düstere Ambientflächen, resignierte Kammermusik und die verregnete Epik des Post-Rock ließen die knapp zwei instrumentalen Stunden tatsächlich zum besten Release seit dem Debüt vor rund 20 Jahren werden. Logisch also, dass "Everything was forever" nun im etwas engeren Korsett an dessen atmosphärische Dichte anknüpft. Der Albumtitel zitiert aus dem eigenen Oeuvre – als Textzeile von "Heavy water" – und gerät zu einer Symbiose aus Abgesang und Aufruf. Die Ewigkeit im Präteritum: Es gilt neu anzufangen, auf der persönlichen und planetaren Ebene.

Dezent nostalgische Psychedelik eröffnet "Everything was forever", eine Meeresbrise weht Traumbilder und subtile Harmonien heran, dann beschwichtigt Sänger und Gitarrist Scott Wilkinson alias Yan entrückt: "Scaring at the sea / It's okay to go down." Betört folgt man gerne, auch wenn da irgendetwas Unbekanntes im Nebel lauern mag. Sea Power basteln behutsam an ihrer eigenen Form eines sanften, eingängigen Shoegaze, getragen von einer verwaschenen Produktion, die ihre feinen Details lieber gleich zur Wirkung kommen lässt, als sie zu fixieren. Mal treibt eine hypnotische Basslinie ("Transmitter"), dann spuken Synthies, die an singende Sägen erinnern ("Fear eats the soul"), stets verlassen sich die Songs jedoch auf die suggestive Kraft unter der Oberfläche: ein Ansatz, der den "Disco Elysium"-Erkundungen direkt entlehnt zu sein scheint. Nachdem "Two fingers" den titelstiftenden Trinkspruch als ambivalente Welthaltung inszeniert, wird sein freundlicher Gitarren-Pop in der Coda davongeweht; Bläser tönen aus einem tiefen Brunnen empor und leiten über ins bezaubernde "Fire escape in the sea". Sea Power greifen das einprägsame Leitmotiv des Soundtracks auf, dort als "Whirling-In-Rags" verzeichnet, und spendieren dem Instrumental Worte. Dass sie das mit melancholischer Zurückhaltung erreichen, lässt eine der schönsten Gitarrenmelodien der letzten Jahre in ihrer Schlichtheit nur noch heller strahlen.

Aus diesem reichen Fundus wird sich völlig zurecht noch an anderer Stelle bedient. "Turn the tape on / That's a grand track", behauptet "Lakeland Echo" eingangs, schlüpft aus dem Kokon verhuschten Dream-Pops und flattert auf Klavier und Bläsern majestätisch-versonnen davon. Auch hier entstammt das vielschichtige Grundgerüst einem bereits veröffentlichten Track – für alle, die sich auf Spurensuche begeben wollen: "La Revacholiere" – nun grundiert es sanft gesungene Erinnerungsfetzen. Zwischendurch erhöht "Everything was forever" immer wieder das Tempo. Zwar wartet der zunächst etwas zahnlose Synth-Pop der Single "Folly" lange auf die Arena-Rock-Umarmung der Hook, doch auch die flotteren Songs gelingen zumeist: "Doppelgänger" nickt mit präzise schneidenden Gitarren und hektischem Identitätsverlust dem New Yorker Post-Punk der 00er-Jahre zu, "Green goddess" erfreut sich seiner Harmonieseligkeit, indem es eine feine Melodie unter den Refrain mischt. "Will you be more than a witness to the weather?", fragt "Transmitter" an einer Stelle programmatisch, subjektive und globale Probleme überblendend. Auch das Meer bleibt ein konstanter Bezugspunkt der Band. Sea Power gegen den Strich gebürstet: Durch Gischt und Nebel zeichnen sich manche Konturen sogar klarer ab.

(Viktor Fritzenkötter)

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Highlights

  • Scaring at the sky
  • Fire escape in the sea
  • Doppelgänger
  • Lakeland Echo

Tracklist

  1. Scaring at the sky
  2. Transmitter
  3. Two fingers
  4. Fire escape in the sea
  5. Doppelgänger
  6. Fear eats the soul
  7. Folly
  8. Green goddess
  9. Lakeland Echo
  10. We only want to make you happy

Gesamtspielzeit: 48:29 min.

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(Neueste fünf Beiträge)
User Beitrag

carpi

Postings: 1112

Registriert seit 26.06.2013

2022-04-02 11:50:49 Uhr
Stimmt, neben "Transmitter " aber nicht "Doppelgänger" vergessen, tolle Hymne auch. Netter Wechsel zwischen den typischen Sea Power-Hymnen und sphärischen Tracks, sage mal alles wie gehabt ohne Überraschungen, aber ordentlich.

qwertz

Postings: 782

Registriert seit 15.05.2013

2022-02-22 16:50:36 Uhr
Wieder kein schlechtes Album, wenn auch für mich diesmal eher unauffällig in der Diskografie. "Transmitter" ist für mich dabei der Topsong. Geht ordentlich vorwärts und rumpelt so schön.

The MACHINA of God

User und Moderator

Postings: 28108

Registriert seit 07.06.2013

2022-02-18 14:21:52 Uhr
Interessant, wie vage und sphärisch das Album geworden ist. Der Vorgänger war ja recht direkt.

The MACHINA of God

User und Moderator

Postings: 28108

Registriert seit 07.06.2013

2022-02-09 20:50:45 Uhr
Dank der Rezi freu ich mich jetzt richtig drauf. Die ist schön. Das Album hoffentlich auch. Gute Band.

Armin

Plattentests.de-Chef

Postings: 22687

Registriert seit 08.01.2012

2022-02-09 19:21:19 Uhr - Newsbeitrag
Frisch rezensiert.

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