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Aoife O'Donovan - Age of apathy

Aoife O'Donovan- Age of apathy

Yep Roc / H'Art
VÖ: 21.01.2022

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 7/10

Keep the car running

Wann wird einem das eigene Erwachsensein eigentlich zum ersten Mal so richtig bewusst? Was ist das erste private oder gesellschaftliche Ereignis, das die Wahrnehmung von sich selbst und der Welt so auf den Kopf stellt, wie es keine Volljährigkeit auf dem Papier vermag? Aoife O'Donovan muss da – wie sicher auch einige andere in den 1980ern Geborene – an die Anschläge vom 11. September denken. In "Age of apathy", dem Titeltrack ihres dritten Albums, erzählt sie über zitternder E-Gitarre und im Wind wiegenden Streichern, wie sie kurz nach dem Angriff an einer Totenwache teilnahm, ein trostvolles Auffangbecken für ihre existenzielle Verwirrung fand: "Was it the end or the beginning? / All I remember is the singing and the music, trying to drive away the fear." Doch die Platte verharrt nicht in der Schockstarre, sie steht vielmehr unter dem Stern des ständigen Aufbruchs. In ihrer 20-jährigen Karriere stand die irisch-amerikanische Songwriterin selten still, machte sich als Sängerin der experimentellen Bluegrass-Band Crooked Still, als Teil des Grammy-prämierten Trios I'm With Her oder eben als Solo-Künstlerin einen Namen in der US-Roots-Szene. Ihr reduzierter, jazziger Folk atmet den Geist Joni Mitchells, ohne je Zweifel an ihrer eigenständigen Klasse als Geschichtenerzählerin und Musikerin aufkommen zu lassen.

Bereits der Opener "Sister starling" konzentriert alle Charakteristika in ihrer hypnotischsten Form: die kristallklare Stimme, ein paar ganz dezente Holzbläser und ein intimes Band-Arrangement, dem man zu keiner Sekunde anhört, aus innerhalb der Staaten herumgeschickten Soundfiles entstanden zu sein. O'Donovans Musik nimmt oft unerwartete Wendungen, folgt kunstvoll flüchtigen Strukturen, die nur selten zu greifbaren Hooks oder Höhepunkten zusammenlaufen. Was nicht heißt, dass es hier gar nichts Konkretes gebe. Mit autobiografischer Unmittelbarkeit berichtet die Piano-dominierte Ballade "B61" von der Buslinie zu einer vergangenen Liebe, während "Phoenix" Fieber als Metapher für die wiederkehrende Inspiration nutzt und mit seinen knisternden Saiten und der sanft treibenden Percussion geradezu poppig daherkommt. Überhaupt sind, im Kontrast zu seinem Titel, weite Teile von "Age of apathy" dezidiert "upbeat". "Elevators", von seiner Erschafferin selbst als Herzstück ausgemacht, stolpert sich erwartungsvoll aus der grauen amerikanischen Gegenwart hinaus in die Prärie. In "Galahad" pointiert O'Donovan kurz darauf die Seele des Albums mit dem simpelstmöglichen, aber effektiven Mantra: "I'm alive."

Dabei geht es in den Texten meistens alles andere als sonnig zu. "Prodigal daughter" zeigt sich an der Oberfläche als frühlingshaftes Folk-Duett mit Allison Russell, erzählt in Wahrheit aber von einer Mutter, die ihre Tochter abweist und in die Verzweiflung treibt: "She's drowning in the pain." Im hinteren Drittel der Platte offenbart auch die musikalische Schale wiederholt Risse. Mal auffällig, wie in "Lucky star", das sich mit seiner nervösen Elektrischen in den Strophen fast Richtung Experimental-Rock lehnt; mal subtiler, wie in den Dissonanzen, die sich immer wieder zwischen die wohlklingenden Tasten von "Town of mercy" schieben. In den Vergänglichkeitsreflexionen von "What do you want from yourself?" brechen die alten Zweifel dann endgültig wieder nach draußen, verästeln sich in ein Gestrüpp aus Harfen, Flöten und anderen Instrumenten, die den Raum um einen herum lebendig werden lassen. Doch mit "Passengers" wählt O'Donovan ganz bewusst den leichtesten, lieblichsten Track als Schlusspunkt, setzt sich von fluffigen Kolibri-Riffs umschwirrt ins Auto und fährt damit straight in den Weltraum. Manchmal muss man eben auch einfach wieder Kind sein.

(Marvin Tyczkowski)

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Highlights

  • Sister starling
  • Phoenix
  • Age of apathy
  • What do you want from yourself?

Tracklist

  1. Sister starling
  2. B61
  3. Phoenix
  4. Age of apathy
  5. Elevators
  6. Prodigal daughter (feat. Allison Russell)
  7. Galahad
  8. Town of mercy
  9. Lucky star
  10. What do you want from yourself?
  11. Passengers (feat. Madison Cunningham)

Gesamtspielzeit: 39:59 min.

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User Beitrag

MopedTobias (Marvin)

Mitglied der Plattentests.de-Schlussredaktion

Postings: 18757

Registriert seit 10.09.2013

2022-02-02 22:15:07 Uhr
Ne, Ricky Lee Jones kenne ich nicht. Merke ich mir vor, auch wenn der Berg an nicht gehörter und vermeintlich großartiger Musik bei mir sowieso schon ein gewaltiger ist.

Ansonsten freut es mich natürlich, dass ihr euch freut, und das schöne Album hier schon ein paar Fans hat :)

Grizzly Adams

Postings: 2432

Registriert seit 22.08.2019

2022-02-02 21:51:50 Uhr
Wenn gleich zwei sehr geschätzte Foristen dieses Album liken, dann werde ich mir das zu Herzen nehmen und eine Hörprobe. :-)

dreckskerl

Postings: 7889

Registriert seit 09.12.2014

2022-02-02 21:47:05 Uhr
...und auf weitere Ohren und Begeisterung trifft.
Ich habe mich bereits als großer Fan des Albums geoutet und freue mich über die positive Kritik.
Aber auch Marvin erwähnt, die für meine und kingbritts Ohren so offensichtliche (stimmliche) Nähe zu Ricky Lee Jones bei den Referenzen nicht.
Kennt man die nicht?
Unbedingt nachholen, bereits das Debut von 1979 ist ein Klassiker.

kingbritt

Postings: 4806

Registriert seit 31.08.2016

2022-02-02 21:36:28 Uhr

. . dreckskerl, sein Tipp, und ich hatten schon unsere Freude im "welches Album . . " geteilt. Schön das es hier auch ein Ohr findet.

Armin

Plattentests.de-Chef

Postings: 22687

Registriert seit 08.01.2012

2022-02-02 21:05:23 Uhr - Newsbeitrag
Frisch rezensiert.

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