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Jethro Tull - The zealot gene

Jethro Tull- The zealot gene

InsideOut / Sony
VÖ: 28.01.2022

Unsere Bewertung: 6/10

Eure Ø-Bewertung: 8/10

Biblisches Alter

Man sagt ja vielen verdienten Musikern nach, sie würden den Zeitpunkt ihres Rücktritts deutlich verpassen, mit Album-Releases, die eher einem Akt der Verzweiflung gleichen als der Tatsache, künstlerisch noch irgendwie relevant zu sein. Die 1968 gegründeten Prog-Pioniere von Yes sind schon fast ein Extrembeispiel dafür, zögern sie doch ihren längst überfälligen Abgang schon über Jahrzehnte heraus. Auf der anderen Seite stehen die im selben Jahr gegründeten Deep Purple, deren Kreativität auch im hohen Rocker-Alter nicht mehr zu versiegen scheint. Insofern kann man Ian Andersons Entschluss, seine eigentlich in Ehren zu Grabe getragene Band Jethro Tull wieder auferstehen zu lassen, fast schon als tollkühn bezeichnen. Denn das letzte reguläre Studioalbum "J-Tull dot com" erschien 1999, also vor einer gefühlten Ewigkeit, als ein juveniler Musikfreak aus dem Schwäbischen gerade den Gedanken herumtrug, dass es doch ganz spaßig sein könnte, seine Gedanken zu seiner Lieblingsmusik auf diesem gerade so wahnsinnig angesagten Medium namens World Wide Web mit der Allgemeinheit zu teilen.

Der Grund für Andersons Sinneswandel ist simpel – schon seine letzten Soloalben behandelten das Erbe der Folk-Prog-Pioniere überaus würdevoll, und vor allem seit "Homo erraticus" aus dem Jahr 2014 schien sich so etwas wie ein konstantes Line-up herauszustellen. Und dass der Mann, der der Querflöte zu rockmusikalischen Meriten verhalf, sich als alleiniges Gesicht der Band versteht, zeigt schon das Artwork von "The zealot gene", welches den Frontmann dennoch erstaunlich introvertiert, geradezu verwundbar, darstellt. Doch der Opener "Mrs Tibbets" zeigt, dass Anderson so gut wie nichts verlernt hat und auch im Alter von 74 Jahren noch ein begnadeter Geschichtenerzähler ist. Denn besagte Dame hieß mit Vornamen Enola Gay und war die Mutter des Piloten, der mit gleichnamigen Flugzeug und seiner Fracht Tod und Verwüstung über Hiroshima brachte.

Ob Andersons lyrischer Bogen von dieser Urkatastrophe des nuklearen Zeitalters zur Zerstörung von Sodom und Gomorrha legitim ist, mag jeder für sich selbst ausmachen. Dennoch ist der Ansatz, reale Begebenheiten auf Erzählungen aus der Bibel zu übertragen, durchaus spannend, zumal Anderson relativ frei und mit gewohntem Augenzwinkern interpretiert – man muss also nicht zwingend sonderlich bibelfest sein. Es reicht vielmehr, sich auf die Musik zu konzentrieren, und die ist weit davon entfernt, als müdes Alterswerk dahin zu plätschern. Natürlich muss der Brite seinem Alter und bekanntermaßen angeschlagenen Stimmenbändern Tribut zollen, so dass die frühere Variabilität im Gesang etwas verloren gegangen ist. Doch die kleinen Feinheiten, die Jethro Tull schon immer ausgezeichnet haben, sie sind immer noch da.

So klingt vor allem "Mrs Tibbets" erstaunlich ruppig und lässt den langjährigen Gitarristen Martin Barre zwar nicht vergessen, sieht aber dessen Erbe würdig vertreten. Da sind vor allem die zum Niederknien schönen Flötensoli wie bei "Mine is the mountain" oder bei dem zauberhaften "Where did Saturday go?", aber auch die herrlich kauzig erzählten Geschichten wie beim Titeltrack. Selbst die seltsam plüschige Produktion, die dem Sound jedwede Kantigkeit nimmt, kann am Entdeckerdrang unter dem Kopfhörer nichts mehr ändern. Klar muss aber auch sein, dass "The zealot gene" nichts mehr mit den exaltierten Folk-Prog-Ausbrüchen früherer Tage tun hat. Das ist per se nicht schlimm, sorgt aber auch dafür, dass die Platte erheblich mehr Aufmerksamkeit benötigt, soll sie nicht als langweiliges Gedudel vorbeirauschen. Dass genau dies gegen Ende der Spielzeit zwischendurch kurz passiert, tut dem Ganzen keinen Abbruch. Jethro Tull mögen leiser geworden sein, doch sie gehören weiterhin zu den ganz großen Ikonen der Rockmusik. Und "The zealot gene" ist ein würdiges Zeugnis davon.

(Markus Bellmann)

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Highlights

  • Mrs Tibbets
  • Mine is the mountain
  • Where did Saturday go?

Tracklist

  1. Mrs Tibbets
  2. Jacob's tales
  3. Mine is the mountain
  4. The zealot gene
  5. Shoshana sleeping
  6. Sad city sisters
  7. Barren Beth, wild desert John
  8. The betrayal of Joshua Kynde
  9. Where did Saturday go?
  10. Three loves, three
  11. In brief visitation
  12. The fisherman of Ephesus

Gesamtspielzeit: 46:49 min.

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(Neueste fünf Beiträge)
User Beitrag

ExplodingHead

Postings: 1193

Registriert seit 18.09.2018

2022-02-14 00:48:24 Uhr
Immerhin hörbares Spätwerk, ich mag die alten Sachen trotzdem lieber.

michael15647

Postings: 1

Registriert seit 03.02.2022

2022-02-03 17:04:50 Uhr
Das letzte Tull Album war 2003 und nicht 1999 Herr Bellmann. Es hies " the Jethro Tull Christmas Album". The zealot gene ist ein würdiges Alterswerk. Die Band spielt auch ohne Perry und Barre sehr perfekt. Ian macht es wie Mike Oldfield: Er pfeift auf die Meinung der Medien, sondern macht sein Fing- weil er es lebt und liebt. Auch wenn die Stimme nachlässt: Querflöte kann er noch bis er 100 ist spielen. Dann gibt's halt nur noch instrumental Alben- so what, alles gut

Peacetrail

Postings: 3105

Registriert seit 21.07.2019

2022-01-26 23:30:36 Uhr
Ach Du ahnst es nicht. Ian Anderson war 1993 ja erst 46 Jahre alt. Der war doch voll alt. Jetzt bin ich fast genauso alt.

Peacetrail

Postings: 3105

Registriert seit 21.07.2019

2022-01-26 23:25:50 Uhr
Jethro Tull - mein allererstes Konzert! Capitol Hannover, 1993 oder 1994
*schwelg*

konsipura

Postings: 1

Registriert seit 26.01.2022

2022-01-26 23:20:37 Uhr
Find es irgendwie seltsam, ein Jethro Tull Album ohne Martin Barre zu bekommen. Warum er es nicht unter seinem eigenen Namen (wie schon Thick as a brick 2) veröffentlicht, wird das Geheimnis von Andersons Ego bleiben (das er ja auch noch auf dem Cover zelebriert).
Nach der Rezension werd ich aber mal reinhören und mich (hoffentlich positiv) überraschen lassen.
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