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FKA Twigs - Caprisongs

FKA Twigs- Caprisongs

Young / Atlantic / Warner
VÖ: 14.01.2022

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 4/10

Heavy lifting

Die Musik von FKA Twigs glich stets einem körperlichen Kraftakt. Mit schmerzvoller Anstrengung bohrte sich Tahliah Barnett durch scharfkantige R'n'B-Eisblöcke, legte dabei ihre intimsten Traumata offen und bewies nicht zuletzt mit ihren Schwertkampf-Skills auch visuell eine stählerne Athletik. Doch wie viele andere spannende Art-Pop-Ikonen vor ihr dreht sie ihre unnahbare Persona nun auf links. Auf "Caprisongs", ihrem dritten Release in LP-Länge, lockert Twigs die Muskeln. Umgeben von einer Vielzahl an Features und Co-Produzent*innen nutzt sie die freiere Form eines Mixtapes, um unverbindlich zwischen den Genres zu springen und sich mit einladenderen Hooks und Rhythmen allen Ballast von der Seele zu tanzen. Privataufnahmen aus dem Freundeskreis der Britin pflastern die Platte, meistens in Form von Pep Talks, und genau einen solchen aufmunternden Schubser scheint sie auch an ihre Hörer*innen weitergeben zu wollen.

Ein Party-Album von FKA Twigs also? Irgendwie schon, aber dass es sich dennoch deutlich komplexer und unvorhersehbarer als der durchschnittliche Club-Soundtrack darstellt, sollte selbsterklärend sein. "I'm still a mysterious being", verkündet gleich der Opener "Ride the dragon", der im seltsamen Zwiegespräch mit einer tiefgepitchten Stimme beginnt, bis er sich als Schmelztiegel verzerrter Bässe und asiatischer Flöten entfaltet. Ihr zumeist in spektralen Falsett-Höhen schwebendes Organ holt Twigs im Anschluss wiederholt auf die Erde runter, doch die Instrumentals wahren sich einen fragilen Kern. Zusammen mit dem (zu Recht) gehypten Newcomer Pa Salieu rappt sie in "Honda" über einem Beat, der klapprige Percussion mit Kirchenchören verbindet. Manchmal will die 34-Jährige jedoch auch ohne jeden doppelten Boden Spaß haben: in "Jealousy" etwa, einer Afropop-Kollabo mit dem Nigerianer Rema, oder dem von Shygirl unterstützten "Papi bones", das mit seinen Dancehall-Einflüssen der jamaikanischen Wurzeln huldigt – und dessen charmant billig klingenden Bläser- und Piano-Samples den intuitiven Geist des Mixtapes perfekt auf den Punkt bringen.

Als erste Veröffentlichung nach ihrer Missbrauchsklage gegen einen Ex-Partner scheint der befreite Optimismus von "Caprisongs" exakt die Reaktion zu sein, die Twigs selbst gebraucht hat. Mit diesem Kontext gewinnt die Rückeroberung des eigenen Körpers, die "Tears in the club" als zerbrechlich-majestätischer Banger mit Superstar The Weeknd zelebriert, eine noch tiefere Bedeutung: "I wanna take my clothes off, wanna touch my hips / My thighs, my hair, not yours, all mine." Das nebulöse "Lightbeamers" verdichtet sich im Selbstermächtigungsmantra "Don't do it again", während "Oh my love" mit seinen verdrogten Saitenanschlägen romantische Unklarheiten beklagt. Doch Twigs steckt trotz ihrer Erfahrungen immer noch voller nicht nur an sich selbst gerichteter Liebe, der sie sich in "Careless" wieder ganz hingibt – auch wenn jenes, um eine gedämpfte Orgel gebautes Duett mit dem Kanadier Daniel Caesar erstaunlich statisch und wenig sinnlich klingt.

Ein Vorwurf, den man dem Rest der Platte freilich nicht machen kann. Die Intensität der Vorgänger erreicht sie ihrem Ansatz geschuldet zwar nicht, doch steckt sie dafür an allen Ecken und Enden voller Leben. "Darjeeling" blickt auf die Londoner Kindheit zurück, spannt ein engmaschiges Netz aus Ortsnamen und musikalischen Wegweisern: Gastauftritte von Jorja Smith und Unknown T, ein sanfter Drill-Beat, Harfenklänge und irgendwie passt auch noch der Refrain von Olives 1996er-Hit "You're not alone" dazwischen. Nur wenige Stücke verweisen auf frühere Schmerzskulpturen, wobei neben dem leicht an Björk erinnernden "Minds of men" unbedingt "Meta angel" zu erwähnen ist: Twigs ringt mit den Stimmen in ihrem Kopf, die sie durch ihre eigenen geloopten Vocals symbolisiert, seufzt in den Autotune-Himmel und findet die perfekte Balance zwischen Schönheit und Verstörung. "I wanted to die, I'm just being honest", heißt es dann im finalen "Thank you song", der nur mit Piano und Synth-Schwallen ebenfalls tief ins Fleisch sticht. Doch die Botschaft ist eine positive, ein Dankeschön an ein nicht näher definiertes Du, das Twigs zur entscheidenden Erkenntnis bringt: "I'm okay." Die Gewichte einfach auf den Boden zu schmeißen, kann manchmal der lohnendste Kraftakt von allen sein.

(Marvin Tyczkowski)

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Highlights

  • Meta angel
  • Tears in the club (feat. The Weeknd)
  • Darjeeling (feat. Jorja Smith & Unknown T)
  • Thank you song

Tracklist

  1. Ride the dragon
  2. Honda (feat. Pa Salieu)
  3. Meta angel
  4. Tears in the club (feat. The Weeknd)
  5. Oh my love
  6. Pamplemousse
  7. Caprisongs interlude (feat. Solo)
  8. Lightbeamers
  9. Papi bones (feat. Shygirl)
  10. Which way (feat. Dystopia)
  11. Jealousy (feat. Rema)
  12. Careless (feat. Daniel Caesar)
  13. Minds of men
  14. Track girl interlude
  15. Darjeeling (feat. Jorja Smith & Unknown T)
  16. Christi interlude
  17. Thank you song

Gesamtspielzeit: 48:10 min.

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(Neueste fünf Beiträge)
User Beitrag

Felice

Postings: 106

Registriert seit 10.04.2020

2022-02-02 15:07:57 Uhr
bestes album in diesem jahr bisher

Felice

Postings: 106

Registriert seit 10.04.2020

2022-02-02 15:07:21 Uhr
guter text gutes album

ijb

Postings: 3345

Registriert seit 30.12.2018

2022-01-28 11:21:38 Uhr
Den Mixtape-vs-Album-Unterschied finde ich mittlerweile auch eher unnötig, seit Mixtapes nicht mehr das sind, was sie im eigentlichen Sinne waren (meist von DJs zusammengemixte Songs/Mixes/Alternativversionen, meist umsonst auf den Markt geworfen, wo's keine Taps mehr sind) und auch als (Doppel-)LPs gepresst und für teures Geld verkauft werden - ... und andererseits "Alben" wie "Donda" auch eher Mixtape-Charakter haben und gar nicht mehr als klassische Alben in irgendeinem greifbaren Format erhältlich sind.
Demnach wären Led Zeppelins "Coda" oder manch andere salopp hingeworfene Resteverwertung auch eher ein Mixtape...

In Fällen wie diesen kann man "Caprisongs" oder Kelelas Debüt "Cut 4 Me" sicher besten Gewissens als Album bezeichnen; ich denke, die Bezeichnung wird mittlerweile eher gewählt, damit die Erwartungshaltungen des Publikums nicht schlecht reagieren.

Z4

Postings: 1256

Registriert seit 28.10.2021

2022-01-28 10:53:21 Uhr
Vielleicht wars ein Kompromiss mit ihrem Label, erst ein kommerzielles Mixtape für die Streamingzahlen, um dann das nächste "schwierigere" Avantgarde-Pop-Album rauszubringen. Find das Mixtape aber auch so schon außerordentlich gut, jede andere Künstlerin hätte daraus ein Album gemacht.

MopedTobias (Marvin)

Mitglied der Plattentests.de-Schlussredaktion

Postings: 18652

Registriert seit 10.09.2013

2022-01-28 10:48:38 Uhr
Da es mit den Worten "Hey, I made you a mixtape" beginnt, sollte die Antwort auf die Eingangsfrage klar sein :)

Finde es daher auch absolut nicht einschätzbar, wie es bei ihr weitergeht. Würde sie diese mainstreamigere Richtung konsequent weiterverfolgen wollen, hätte sie das Ding ja auch einfach als ihr reguläres drittes Album betiteln können. Lassen wir uns überraschen.
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