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Boris - W

Boris- W

Sacred Bones / Cargo
VÖ: 21.01.2022

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 6/10

Die Ruhe nach dem Sturm

Das Spiel mit den Gegensätzen, es ist Tradition bei Boris. Im Laufe der Jahre hat sich daraus eine stilistische Palette geformt, die wohl ihresgleichen sucht, von beinahe zärtlicher Fragilität bis zu brutalen Noise-Stürmen beinahe jede Klangfarbe im Repertoire hat, die man im weitesten Sinne mit Gitarrenmusik assoziieren kann. Selten ließ das Tokioter Trio jedoch sein Pendel so stark ausschlagen wie auf dem 2020er-Release "No", der gleichermaßen Verjüngungskur und Akt radikaler Negation wurde. Mit nach vorne preschenden, geifernden Riffs spien Boris ihre Frustration hinein in die Frühphase der globalen Pandemie; die Hardcore-Ästhetik fand ihren Widerpart im Release des Albums, der sich in bester DIY-Manier plötzlich und ohne Label ereignete. Doch die Antwort war bereits geplant: Ihren letzten Song auf "No" nannten Boris "Interlude", ließen das vorangegangene Getöse in träumerischem Ambient verebben. Kein Abschluss, sondern ein Aufbruch und -brechen des Albums als geschlossene Form.

"W" ergänzt zunächst den Titel um einen Buchstaben und steht entsprechend nicht nur für sich: Aus "No" wird "Now", die reine Ablehnung verwandelt sich in ein Projekt der Selbstverortung und Bestandsaufnahme zum 30. Bandjubiläum – diesmal wieder mit Label und erstmals auf Sacred Bones. So greift der etwas sperrig betitelte Opener "I want to go to the side where you can touch..." die Melodie von "Interlude" auf, beginnt mit Stimmengewirr und aufwallendem Feedback, das sich nach zwei Minuten durch schwere Drones zu einem ozeanischen Rauschen verdichtet. Im Verbund mit der Single "Drowning by numbers", deren metallisches Klirren, sacht glitchender Beat und unheilvoller Countup irgendwo zwischen Björk und Fever Ray das Zwielicht der Welt erblickt haben könnten, stellt sich sogleich ein Eindruck her: Wo "No" rastlos lärmte, zoomt "W" auf die Texturen, verlangsamt und beruhigt seine Erkundungen. So hat Gitarristin Wata erstmals beinahe alle Vocals übernommen, die mitunter nicht viel mehr als ein Wispern oder Säuseln sein müssen. Kühl und beinahe gefällig inszeniert sich dann auch der sanfte New-Age-Ambient von "Icelina", geloopte Gitarren und pluckernde elektronische Beats inklusive. Und sobald nach den Feedback-Fanfaren am Anfang von "You will know (Ohayo version)" das Schlagzeug einsetzt, weben seine neun Minuten den wohl dichtesten harmonischen Teppich des Albums.

Dass die meisten Songs sich nicht allzu weit von ihrem Ausgangspunkt entfernen, fungiert zwar einerseits als spannendes Kontrastmittel zum rasanten Tempo von "No", das Gegenteil wäre manches Mal jedoch wünschenswert gewesen. Denn insbesondere der hervorragende Mittelteil auf "W" besitzt eine Dynamik, die im gleichbleibenden Schweben der Traumlandschaften anderso bisweilen zurücktreten muss. "Invitation" markiert eine Art Ruhepol und klingt zugleich wie ein Deftones-Intro: Seine cleanen Gitarren verhallen in nächtlichen Hochhausschluchten, während der dezente Gesang und tröpfelnde Ambient direkt aus einem ASMR-Video stammen könnten. "The fallen" arbeitet als einziger Track mit schrillerem Noise, der in Kombination mit Watas monotonem Sludge-Riff und Atsuos donnernd-schleppendem Schlagzeug ordentlich Gewicht auf die Waage bringt. Und als intimer Dream-Pop tritt das bezaubernde "Beyond good and evil" zunächst scheu auf die Bildfläche, bis ein plötzlicher Euphorieschub es in den Shoegaze-Himmel hebt, der nur durch einen kurzen dissonanten Ausflug unterbrochen wird. "W" setzt als gelungene Replik den Aufwärtstrend der Band fort und zeichnet zugleich einen Gegenentwurf zum Vorgänger, der auf seine Weise nicht weniger konsequent ist. Denn wenn der Closer "Jozan" so leise abgemischt wurde, dass man ihn bei normaler Lautstärke kaum noch hören kann, zeigt das noch etwas anderes: Was als extrem gilt, definiert sich manchmal vor allem durch die Position des Sprechers.

(Viktor Fritzenkötter)

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Highlights

  • Invitation
  • Beyond good and evil
  • You will know (Ohayu version)

Tracklist

  1. I want to go to the side where you can touch...
  2. Icelina
  3. Drowning by numbers
  4. Invitation
  5. The fallen
  6. Beyond good and evil
  7. Old projector
  8. You will know (Ohayo version)
  9. Jozan

Gesamtspielzeit: 41:38 min.

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(Neueste fünf Beiträge)
User Beitrag

salarias

Postings: 58

Registriert seit 09.09.2016

2022-01-27 15:47:09 Uhr
Ich find ist ne völlig okeè platte und passt wunderbar zum derzeitigen Wetter. das vinyl klingt super.cover ist auch toll und stabil...wat will man mehr:-=

Clown_im_OP

Postings: 421

Registriert seit 13.06.2013

2022-01-27 09:48:00 Uhr
Kann man sich was drunter vorstellen. Wata hat allerdings schon mal 2011 auf Attention Please komplett die Lead Vocals übernommen.

Armin

Plattentests.de-Chef

Postings: 22497

Registriert seit 08.01.2012

2022-01-26 20:52:46 Uhr - Newsbeitrag
Frisch rezensiert.

Meinungen?

Hierkannmanparken

Postings: 98

Registriert seit 22.10.2021

2022-01-21 14:52:50 Uhr
Das erste Lied ist dann gleich mal eine Einladung, in das Albumcover einzusteigen und sich ein Bad zu nehmen, ziemlich unheimlich...

hidden

Postings: 332

Registriert seit 22.07.2020

2021-12-16 23:42:38 Uhr
Hatte jetzt von der Beschreibung an ein Album wie "New Album" von 2011 gedacht,

Ebenfalls, weshalb ich mich gar nicht getraut hatte, in den Vorabsong reinzuhören :D Aber der ist wirklich super. Referenzen würde ich exakt so einorden wie Clown_im_OP.

PS: Echt krass, dass "New Album" auch schon wieder zehn jahre alt ist.
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