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Various Artists - I'll be your mirror - A tribute to The Velvet Underground & Nico

Various Artists- I'll be your mirror - A tribute to The Velvet Underground & Nico

Virgin / Universal
VÖ: 24.09.2021

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 9/10

Wem Ehre gebührt

"Evolution ist ein Arschloch. Banane?" Aber gerne doch – das Album mit der Staudenfrucht auf dem Cover hat die Entwicklung der Rockmusik so beschleunigt wie vermutlich kein anderes. "The Velvet Underground & Nico" war 1967 nicht nur von Drogenkonsum verwilderter Rock'n'Roll, ästhetisch verrauschter Folk und psychedelisches Experiment, sondern nahm auch das vorweg, was Jahre und Jahrzehnte später als Punk und Industrial populär werden sollte. So unvorbereitet das oft schroffe Wunderwerk voller Songs über Junkies, Drag Queens und Sadomasochismus die Musikwelt traf, so nachhaltig beeinflusste es ganze Generationen von Bands – auch jene, die ihm auf dieser Compilation ihre Aufwartung machen. Und der federführende Lou-Reed-Intimus Hal Willner hat bei der Würdigung von "The Velvet Underground & Nico" ganze, wiewohl leider seine letzte Arbeit geleistet.

Das fängt schon beim Titel an, den sich "I'll be your mirror" vom harmonischsten, spielerischsten, ja unschuldigsten Stück der ganzen Platte borgt. Courtney Barnett interpretiert es leicht angeknackst zu windschiefer Akustikgitarre und Schellenkranz weitaus störrischer als einst Nico, aber nicht minder charmant. Weniger hemdsärmelig geht Michael Stipe mit dem ebenfalls balladesken, blendenden Opener "Sunday morning" um und überführt ihn in eine delikate Electronica-Schwebe, während der hektische Besenkammer-Boogie "I'm waiting for the man" bei The Nationals Matt Berninger auch ohne Punk-Attitüde so wirkt, als würde er nur von Rost und Kaugummi zusammengehalten. Und wenn einer der dienstältesten Boomer des Indie-Rock mit gewohnt sonorem Bariton den schluffigen Strichjungen mimt, zeugt das nicht zuletzt von feiner Selbstironie.

Doch insgesamt erweisen sich sämtliche Beteiligte als viel zu große Verehrer von The Velvet Underground, als dass sie ihrem epochalen Erstling allzu sehr am Zeug flicken würden. Muss aber auch gar nicht sein, wie Kurt Viles Version von "Run run run" zeigt: Ein rumpeliger, in den Vordergrund geschobener Backbeat und eine frenetisch zwirbelnde E-Gitarre reichen zusammen mit fidelem Background-Chor aus, um den Vorzeige-Slacker aus Pennsylvania genauso dynamisch abzischen zu lassen wie King Princess in "There she goes again". Den potenziell misogynen Zwischenruf "you better hit her" dichtet die New Yorkerin dabei natürlich listig um oder lacht ihn gleich komplett weg – ein subtiler, aber nicht zu überhörender Hinweis darauf, dass sich in rund 55 Jahren nicht nur musikalisch, sondern auch gesellschaftlich einiges getan hat. Recht so.

Eher bedeckt halten sich indes Thurston Moore und Iggy Pop, indem sie "Heroin" beziehungsweise "European son" zwar akkurat nachspielen, aber auch voller Respekt vor den Originalen zu erstarren scheinen. Besser macht es Sharon Van Etten, die ihre Fassung von "Femme fatale" mit Angel Olsens Stimme im Hintergrund als schleifenden Slowcore inszeniert – noch so ein Genre, an dem Lou Reed und Kollegen sicher nicht ganz unschuldig sind. Aber zugegeben: Dass St. Vincent und Neoklassik-Pianist Thomas Bartlett "All tomorrow's parties" zur bizarren Barmusik-Etüde mit Spoken Word im Sprachprozessor-Stil umfunktionieren würden, hätten sich wohl nicht einmal The Velvet Underground selbst träumen lassen. Was wiederum auch irgendwie für ihre Unverwüstlichkeit spricht – und für den hohen Unterhaltungswert von "I'll be your mirror".

(Thomas Pilgrim)

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Highlights

  • Sunday morning (Michael Stipe)
  • Femme fatale (Sharon Van Etten)
  • Run run run (Kurt Vile)
  • I'll be your mirror (Courtney Barnett)

Tracklist

  1. Sunday morning (Michael Stipe)
  2. I'm waiting for the man (Matt Berninger)
  3. Femme fatale (Sharon Van Etten)
  4. Venus in furs (Andrew Bird & Lucius)
  5. Run run run (Kurt Vile)
  6. All tomorrow's parties (St. Vincent & Thomas Bartlett)
  7. Heroin (Thurston Moore feat. Bobby Gillespie)
  8. There she goes again (King Princess)
  9. I'll be your mirror (Courtney Barnett)
  10. Black angel's death song (Fontaines D.C.)
  11. European son (Iggy Pop & Matt Sweeney)

Gesamtspielzeit: 55:16 min.

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