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Lordi - Lordiversity

Lordi- Lordiversity

AFM / Soulfood
VÖ: 26.11.2021

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 3/10

Fantasy Finn festival

Als Horrorfilm-Fan hat man es nicht leicht. Kaum ein Genre wird so überflutet von mittelmäßigen Sequels, ideenlosen Remakes oder billigen Kopien, die im Windschatten der erfolgreichen Originale einen schnellen Dollar machen sollen. Oder eine gute Idee wird auf 90 Minuten ausgewalzt, obwohl sie besser als Kurzfilmsegment in einer Anthologie funktionieren würde. Bei Mr. Lordi und seiner Band verhält sich das zum Glück ein bisschen anders, denn für knappe drei Minuten sind seine Ideen meistens gut genug. Jetzt darf er bloß nicht den Fehler machen und ein absolut größenwahnsinniges Konzept umsetzen. Und tut natürlich genau das.

Schon Anfang 2020 veröffentlichten Lordi mit ihrer "Killection" ein fiktives Best-Of-Album aus ihrer nicht-existenten frühen Schaffensphase von den Siebzigern bis in die Neunziger. Ein augenzwinkerndes Prequel zu ihrem Debüt "Get heavy" quasi, das 2002 erschien. Das Konzept muss in Lordis Augen offensichtlich aufgegangen sein, denn mit "Lordiversity" schieben die finnischen Schminke-Fans sieben Alben auf einmal hinterher beziehungsweise vor ihre eigentliche Diskografie. Ganz nach dem Motto: Wie hätten unsere Platten geklungen, wenn wir die Band schon vor 50 Jahren gegründet hätten? Inklusive authentischer Songstrukturen und Instrumente der jeweiligen Epoche?

Dass die Qualität innerhalb der sieben Platten und insgesamt 284 Minuten schwankt, liegt vermutlich in der Natur der Sache, wenn man versucht, eine Schnapsidee zu einer Jahrzehnte umfassenden Diskografie aufzublasen. Umso überraschender ist deshalb, dass kein Album das "Freitag der 13. Teil VIII – Todesfalle Manhattan" der Reihe ist. Im Gegenteil ist schon das eröffnende "Skeletric dinosaur", das die Siebziger heraufbeschwören soll, mit seinem puristischen Classic-Rock-Ansatz ein echter Hinhörer. Mr. Lordi hat dem Genre zwar nichts Neues hinzuzufügen, aber nimmt die Sache durchaus ernst genug.

Das erste große Highlight ist allerdings "Superflytrap". Wer erinnert sich nicht an die Disco-Zeit der Finnen, als sie im Abendprogramm direkt nach ABBA die TV-Sendungen crashten, in voller Montur den Dancefloor stürmten und mit den Plateau-Schuhen aufstampften, bis der Plattenteller sprang? Dass Lordi zu keinem Zeitpunkt von ihren humorvollen Gewaltexzessen abrücken, macht die Gassenhauer nur umso charmanter. So klingt musikgewordenes Exploitation-Kino.

Das Album "The masterbeast from the moon" schielt schon mit einem Auge auf den Glam, verwandelt sich bei Mondschein aber doch noch in ein haariges Heavy-Metal-Biest, während "Church of Succubus" es mit satten zwölf Minuten mal so richtig wissen will und zur Rock-Oper wird. Auf dem vierten Album "Humanimals" channelt Mr. Lordi seine innere Madonna, das ganze Monsterchor darf für mehrstimmige Hymnen ins Studio und man kann sich kaum entscheiden, ob man zuerst bei der Stretchleggins-Montage "Borderline" oder dem Empowerment-Lobgesang "Heart of a lion" mitgrölen soll. Das ist Pegel-bis-zum-Anschlag-Musik.

Nach so viel Harmonien muss "Abracadaver" zeigen, wie Lordi klingen würden, wenn sie sich ein bisschen zu ernst genommen hätten. "Devilium" brettert über alles hinweg, was Widerstand wagt und hätte auch die Truppen von "Mad Max"-Bösewicht Immortan Joe in die Schlacht treiben können. Lordis härtestes ist leider aber auch das langweiligste dieser sieben Alben, denn so etwas haben in diesem Umfang einfach zu viele ihrer Vorbilder schon besser gemacht. Wenn "Spooky sextravaganza spectacular" den Sarg dann zumacht und mit Industrial-Sounds und Elektro-Säge Rammstein, Marilyn Manson oder Static-X hinterherläuft, dann ist das handwerklich immer noch solide umgesetzt, aber die Übersättigung lässt mittlerweile die Magensäure aus dem Mund schäumen, auch wenn "If it ain’t broken (must break it)" noch einmal alles rausknüppelt.

Was macht man nun also aus diesen über viereinhalb Stunden neuem altem Material? Aus dieser Schnapsidee eines größenwahnsinnigen Konzepts? Am besten stellt man sich aus den persönlichen Highlights der 70 Songs seine eigene kleine "Killection" zusammen. Vom trashigen Genre-Kino über Effekt-Ballerei bis zum computeranimierten CGI-Gemetzel ist auf "Lordiversity" vielleicht nicht jede Idee ein Cult Classic. Trotzdem sind diese sieben Alben Megalomanie die beste Idee, die Mr. Lordi je hatte.

(Arne Lehrke)

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Highlights

  • Macho freak
  • Church of Succubus
  • Borderline

Tracklist

  • CD 1
    1. SCG minus 7: the arrival
    2. Day off of the devil
    3. Starsign spitfire
    4. Maximum-o-lovin'
    5. The king on the head staker's mountain
    6. Carnivore
    7. Phantom lady
    8. The tragedy of Annie Mae
    9. Blow my fuse
    10. ... and beyond the isle was Mary
  • CD 2
    1. SCG minus 6: delightful pop-ins
    2. Macho freak
    3. Believe me
    4. Spooky jive
    5. City of the broken hearted
    6. Bella from hell
    7. Cast out from Heaven
    8. Gonna do it (or do it and cry)
    9. Zombimbo
    10. Cinder ghost choir
  • CD 3
    1. SCG minus 5: transmission request
    2. Moonbeast
    3. Celestial serpents
    4. Hurricane of the slain
    5. Spear of the Romans
    6. Bells of the netherworld
    7. Transmission reply
    8. Church of Succubus
    9. Soliloquy
    10. Robots alive!
    11. Yoh-haee-von
    12. Transmission on repeat
  • CD 4
    1. SCG minus 4: the carnival barker
    2. Abusement park
    3. Grrr!
    4. Ghost train
    5. Carousel
    6. House of mirrors
    7. Pinball machine
    8. Nasty, wild & naughty
    9. Rollercoaster
    10. Up to no good
    11. Merry blah blah blah
  • CD 5
    1. SCG minus 3: scarctic circle telethon
    2. Borderline
    3. Victims of the romance
    4. Heart of a lion
    5. The bullet bites back
    6. Be my maniac
    7. Rucking up the party
    8. Girl in a suitcase
    9. Supernatural
    10. Like a bee to the honey
    11. Humanimal
  • CD 6
    1. SCG minus 2: horricone
    2. Devilium
    3. Abracadaver
    4. Rejected
    5. Acid bleeding eyes
    6. Raging at tomorrow
    7. Beast of both worlds
    8. I'm sorry I'm not sorry
    9. Bent outta shape
    10. Evil
    11. Vulture of fire
    12. Beastwood
  • CD 7
    1. SCG minus 1: the Ruiz ranch massacre
    2. Demon supreme
    3. Re-animate
    4. Lizzard of Oz
    5. Killusion
    6. Skull and bones (The danger zone)
    7. Goliath
    8. Drekavac
    9. Terror extra-terrestrial
    10. Shake the baby silent
    11. If it ain't broken (must break it)
    12. Anticlimax

Gesamtspielzeit: 284:32 min.

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(Neueste fünf Beiträge)
User Beitrag

Arne L.

Postings: 345

Registriert seit 27.09.2021

2022-07-18 21:17:01 Uhr
Danke, das ist lieb! :)

BVBe

Postings: 716

Registriert seit 14.06.2013

2022-07-18 17:32:13 Uhr
Wünsche dir viel Vergnügen!

Arne L.

Postings: 345

Registriert seit 27.09.2021

2022-07-11 20:29:56 Uhr
Ganz unironisch Karten für den Auftritt in Berlin im November gekauft. Freu mich sehr und glaub, das wird ein Mitgröll-Spaß!

BVBe

Postings: 716

Registriert seit 14.06.2013

2022-01-25 10:58:50 Uhr
Absolut gelungener Spaß! Hatte bislang noch garnix von LORDI, aber dieses "sehr ambitionierte" Projekt hat mich dann doch gereizt. Und es hat sich gelohnt!

Die Finnen erfinden den Rock natürlich nicht neu, aber sie feiern ihn gekonnt ab. Jedes der sieben Alben könnte tatsächlich in der jeweiligen Epoche entstanden sein (lediglich die Konservenstreicher klangen in der Disco-Ära Ende der 70er erheblich besser). Und jedes der Alben kann durchaus für sich selbst stehen.

-7. Skelectric Dinosaur: Knarzig-trockener Hardrock Mitte der 70er

-6. SuperFlyTrap: Disco-Rock à la 1979 mit herrlich galoppierenden Bässen

-5. The MasterBeast From The Moon: schön durchkomponiertes Konzeptalbum mit Bombast und leicht progressiven Ansätzen

-4. Abusement Park: Melodic-Rock Anfang Mitte der 80er à la TOTO, ASIA, RUSS BALLARD (schließt tatsächlich mit einem schön ironisch-schleimigen Weihnachtssong ab); sehr hübsch: Chewbacca's Gesangseinlage

-3. Humanimals: Stadionrock mit sehr schönen VAN HALEN-, EUROPE- und weiteren hymnischen 80er-Referenzen - manchmal ist gut geklaut besser als schlecht erfunden

-2. Abracadaver: Trash-Metal ... knüppelt ordentlich und konsequent (wobei: nicht so meine Richtung)

-1. Spooky Sextravaganza Spectacular: Industrial

Habe dieses Paket in den letzten zwei Wochen "chronologisch" durchgehört und den Kauf echt nicht bereut. Es hat mich bestens unterhalten, und diese Vielseitigkeit nebst all den unzähligen Rock- und Metal-Zitaten muss man auch erst einmal in so kurzer Zeit aus dem Ärmel schütteln. Weiß zwar nicht, ob mich die Band mit ihrem anderen (regulären) Output weiter interessieren wird, aber in diesem Album-Septett steckt so viel Liebe und Hommage - dem kann ich nur Respekt zollen.

Meine Playlist aus diesen Alben beläuft sich übrigens auf 50 Songs.

VelvetCell

Postings: 5102

Registriert seit 14.06.2013

2021-12-22 14:05:02 Uhr
:))
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