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Behemoth - In absentia dei

Behemoth- In absentia dei

Nuclear Blast / Rough Trade
VÖ: 17.12.2021

Unsere Bewertung: 8/10

Eure Ø-Bewertung: 6/10

Fesselnde Performance

Man kann ja Nergal alias Adam Darski durchaus eine Menge Dinge vorwerfen. Zum Beispiel, dass der Frontmann von Behemoth für manchen radikalen Genre-Wächter viel zu kommerziell für einen Musiker ist, der doch eigentlich die hehre Lehre des Black Metal vollziehen soll. Oder so ähnlich. Als sei es verwerflich, von seiner Kunst leben zu wollen, aber das nur am Rande. Mangelndes Sendungsbewusstsein jedenfalls gehört nicht zu den Eigenschaften des Polen, und so dürfte schnell klar sein, dass ein Streaming-Konzert von Behemoth geringfügig anders ablaufen dürfte als ein Auftritt vor hupenden Autos am örtlichen Möbelmarkt. Was die unumstrittenen Marktführer des Genres allerdings für den 5. September 2020 ankündigten, ließ selbst langjährige Fans aufhorchen, wurde als Location doch zunächst sehr geheimnisvoll nur "an abandoned church" genannt. Während die radikalen Norweger Anfang der Neunziger so manches historisches Kirchendenkmal als Symbol christlicher Unterdrückung abfackelten, soll also nun ein solcher Ort Stätte eines Black-Metal-Rituals sein. Kann man mal machen.

Nun, die verlassene Kirche entpuppte sich als Ruine der erst 1909 erbauten "Prinz-Wilhelm-Gedächtniskirche" im kleinen Ort Pisarzovice im äußersten Südosten Schlesiens. Doch was die Polen in diesem Setting ablieferten, war nicht weniger als einer der spektakulärsten Streaming-Auftritte einer Metal-Band überhaupt. Natürlich könnte die Band angesichts solch monumentaler Platten wie "The satanist" und "I loved you at your darkest" aus dem Vollen schöpfen, tut es aber bewusst nicht und berücksichtigt diese beiden Alben, mit denen auch kommerziell neue Dimensionen erreicht wurden, nur mit insgesamt fünf Songs. Angesichts der überragenden Klasse dieser Alben mag man es gar nicht sagen, aber – das ist auch gut so.

Denn bereits früh in der Tracklist wartet mit "From the pagan vastlands" ein Song vom Debütalbum "Sventevith (Storming near the Baltic)" aus dem Jahr 1995 – ein Monument aus einer Zeit, zu der Behemoth noch sicht- und hörbar vom skandinavischen Black Metal der so genannten Zweiten Welle beeinflusst waren. Der Sprung zum direkt folgenden "Blow your trumpets Gabriel" könnte größer kaum sein, doch er zeigt zwei Aspekte, die sich durch den kompletten Auftritt ziehen, nämlich dass sich Behemoth über mittlerweile drei Jahrzehnte zwar eher evolutionär als revolutionär entwickelt haben und die ungestüme Wut der frühen Aufnahmen – Nergal war zum Zeitpunkt des Debüts gerade einmal 18 Jahre alt – einer monumentalen Wucht Platz gemacht hat, die die Geschichten des Frontmanns umso intensiver einhämmert.

So weit könnte "In absentia dei" glatt noch als herausragende Best-Of-Compilation durchgehen, zumal die Platte ohne Interaktion mit den Zuschauern auskommt, auch wenn diese zwischendurch kurz angesprochen werden. Was diese Aufnahme allerdings zu einem wirklichen Meilenstein macht, sind die prachtvollen Bilder. Durch Fackeln und Feuerschalen und nur dezenten Scheinwerfereinsatz illuminiert, wird die Kirchenruine zu einem sechsten Bandmitglied für die 18 Songs, lässt die ohnehin opulente Bühnenshow der Polen erst recht vom Konzert zum Ritual wachsen. Inklusive einer Einlage, bei der eine unbekleidete Körperkünstlerin nur mit Haken an Stahlseilen befestigt unter dem Dach des Kirchenschiffs schwebt. Und nein, die Haken werden nicht an einem Geschirr oder Gürtel befestigt, sondern direkt am Körper der Dame. Das ist höchst verstörend, aber auch von beeindruckender Ästhetik, abstoßend und anziehend zugleich, während dort, wo früher einmal der Altar stand, die Band unbeeindruckt "Ora pro nobis Lucifer" herunterbrettert. Nichts für zarte Gemüter also, doch diese Szene zeigt, dass "In absentia dei" mehr ist als ein Live-Album oder eine Werkschau. Dieses Album ist schlicht und ergreifend ein Gesamtkunstwerk einer Band, die auf der einen Seite dem Underground längst entwachsen ist. Die aber auf der anderen Seite zeigt, was alles möglich ist, wenn man der Kreativität freien Lauf lassen kann.

(Markus Bellmann)

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Highlights

  • From the pagan vastlands
  • Blow your trumpets Gabriel
  • Ora pro nobis Lucifer
  • Sculpting the throne of Seth
  • O father o satan o sun!

Tracklist

  • CD 1
    1. Evoe
    2. Wolves ov Siberia
    3. Prometherion
    4. From the pagan vastlands
    5. Blow your trumpets Gabriel
    6. Antichristian phenomenon
    7. Conquer all
    8. Lucifer
  • CD 2
    1. Ora pro nobis Lucifer
    2. Satan's sword (I have become)
    3. Ov fire and the void
    4. Chwała mordercom Wojciecha (997-1997 dziesięć wieków hańby)
    5. As above so below
    6. Slaves shall serve
    7. Chant for Eschaton 2000
    8. Sculpting the throne of Seth
    9. Bartzabel
    10. Decade of Therion
    11. O father o satan o sun!

Gesamtspielzeit: 105:48 min.

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Armin

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2021-12-10 23:15:29 Uhr - Newsbeitrag
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