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Philip Bradatsch - Die Bar zur guten Hoffnung

Philip Bradatsch- Die Bar zur guten Hoffnung

Trikont / Indigo
VÖ: 19.11.2021

Unsere Bewertung: 8/10

Eure Ø-Bewertung: 6/10

Es ist schon wieder alles klar

Philip Bradatsch hatte im Frühling 2020 gerade sein erstes deutschsprachiges, ganz wunderbares Soloalbum "Jesus von Haidhausen" veröffentlicht, als die geplante Tour aus den bekannten Gründen erstmal bis auf Weiteres flach fiel. Die Zeit wurde zum Schreiben und Aufnehmen neuer Songs genutzt, und so geht es bereits jetzt für zwölf neue Songs in die "Bar zur guten Hoffnung".

Im gut gelaunten, harmoniegesangtrunkenen Opener "Die Hoffnung", der auch bereits im Mai als erster Vorbote zum neuen Album ausgekoppelt worden war, gelingt Bradasch eine trotzige Hymne auf den Optimismus, denn: "Was bleibt in tristen Tagen, als der Tristesse Lebwohl zu sagen?" In einer gerechteren Welt wäre so etwas ein Sommerhit gewesen. "Die große Liebe kehrt zurück" huldigt in Diktion, Intonation und Groove einem gerade elektrifizierten Bob Dylan, und noch deutlich stärker als noch auf dem Vorgänger ist auf diesem Album auch der Einfluss von Americana und Country-Rock à la Tom Petty & The Heartbreakers zu hören. Bradatsch war vor seinem Solodebüt Kopf der Country-Folk-Rock-Band Dinosaur Truckers, und es ist faszinierend, wie großartig diese Musikrichtung hier auch mit deutschen Texten funktioniert und damit eine Originalität und Unmittelbarkeit herstellt, die auf Englisch so nicht gegeben wäre. Das schönste Beispiel hierfür ist "Schatten überm Land" mit Petty-Twang und feinen Zeilen wie "Da ist ein Hebel an der Seele, dessen Wirkung keiner kennt". Das in ähnlich lässig rockendem Sound gehaltene Titelstück führt mit seinem lakonischen Fatalismus assoziativ auf Lindenbergs Andrea Doria und rät zu einem gelassenen Umgang mit den Widrigkeiten des Lebens: "Man kann sich das Glück nicht verdienen, man findet es nur auf vermintem Gelände."

"Eine Dummheit tun" ist die erste gleich mehrerer, hauptsächlich mit Klavier instrumentierter Stücke, die sich mit Isolation und Sehnsucht beschäftigen. Und während Bradatsch hier noch flehend um Hilfe bittet, "wenn die Seele ausbrennt", stellt er in "Abgehängt" bereits fatalistisch fest: "The trouble is real, aber belanglos." Musikalisch konsequent umgesetzt, öffnet sich der Song dann auch von einer Pianoballade in ein mehrminütiges instrumentales Outro samt Gitarrensolo.

Mit "Winter" erweitert Philip Bradatsch seinen Sound um klassischen Soul und erinnert dabei an Größen wie Terry Callier. Mit brüchiger, hauchender Stimme erzählt er da von "high time für Gespenster" und davon, dass "nichts mehr von Bedeutung" sei, bevor im von schwelgenden Streichern unterlegten Refrain croonend bekannt wird, dass es trotz der Wahlheimat München nicht etwa ums Skifahren geht, wenn der Wunsch nach einem "langen kalten Winter" gehegt wird, sondern vielmehr um einen "Winter, in dem wir uns wiedersehen".Ein weiteres Glanzstück sind die über zehn Minuten von "(Dich werd ich erinnern) Theresa", dem man sogar den Deppenanglizismus im Titel gerne verzeiht. Nach einem bluesigen Beginn mit Doors-Orgel und mehreren Rhythmus- und Tempowechseln implodiert der Song in einem ebenso überraschenden wie herrlichen Jazz-Rock-Gitarrengewitter. Wenn am Ende des letzten Tracks "Die große Liebe kehrt zurück Pt. II" die Titelzeile wie ein Mantra wiederholt wird, kann dies auch als lyrisches Fazit einer Platte verstanden werden, die textlich fokussierter und weniger kryptisch daherkommt als ihr Vorgänger, sich gleichzeitig aber musikalisch abwechslungsreich neue Soundwelten erschließt. Der große Bradatsch kehrt zurück.

(Michael Albl)

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Highlights

  • Winter
  • Schatten überm Land
  • Die Bar zur guten Hoffnung
  • (Dich werd ich erinnern) Teresa

Tracklist

  1. Die Hoffnung
  2. Die große Liebe kehrt zurück
  3. Eine Dummheit tun
  4. Winter
  5. Schatten überm Land
  6. Die Hoffnung Reprise
  7. Abgehängt
  8. Wohin Du gehst
  9. Die Bar zur guten Hoffnung
  10. Unterm Stein
  11. Schattenkapitän
  12. (Dich werd ich erinnern) Theresa
  13. Die große Liebe kehrt zurück Pt. II

Gesamtspielzeit: 55:19 min.

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User Beitrag

dreckskerl

Postings: 6574

Registriert seit 09.12.2014

2021-11-19 13:49:07 Uhr
Erster Höreindruck: sehr gut.
Wader und Wecker höre ich auch nicht...allenfalls eine Klavierballade zuviel und der ein oder andere sehr frühe Fadeout stört mich zunächst etwas.

Mal schauen, wie ich das in ein paar Tagen finde.

Kalle

Postings: 194

Registriert seit 12.07.2019

2021-11-19 12:04:48 Uhr
Also einen Wader oder Wecker hör ich hier gar nicht. Und gerade die Produktion ist gegenüber dem Vorgängeralbum stark verbessert. Zudem sehr abwechslungsreich - rockiges, balladiges, leicht abgedrehtes. Für mich das beste deutschsprachige Album dieses Jahr.

Z4

Postings: 122

Registriert seit 28.10.2021

2021-11-19 11:19:12 Uhr
Höre grad das Album, ist schon ganz ok, nur klingt das Arrangement, die Produktion und auch seine Attitüde für meinen Geschmack viel zu sehr nach Hannes Wader oder Konstantin Wecker, würde ich mir etwas "internationaler" wünschen, Bon Iver würde mir einfallen als wünschenswerte Referenz.

Z4

Postings: 122

Registriert seit 28.10.2021

2021-11-19 11:07:56 Uhr
Ich hab das Gefühl die PT-Rezensenten und drei Leute aus diesem Forum sind die einzigen Menschen auf der Welt, die diese Musik gut finden.

Armin

Plattentests.de-Chef

Postings: 21504

Registriert seit 08.01.2012

2021-11-17 22:14:59 Uhr - Newsbeitrag
Frisch rezensiert.

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