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Marissa Nadler - The path of the clouds

Marissa Nadler- The path of the clouds

Bella Union / [PIAS] Cooperative / Rough Trade
VÖ: 29.10.2021

Unsere Bewertung: 8/10

Eure Ø-Bewertung: 9/10

Verschwinden heißt nicht vergessen

Im Herbst des Jahres 1928 zog es das frischverheirate Ehepaar Glen und Bessie Hyde in den Grand Canyon, um ihre Flitterwochen zum Abenteuerurlaub zu machen. Mit einem selbstgebauten Kanu wollten sie die Schnellen des Colorado-Flusses bezwingen, Glen hatte einen Geschwindigkeitsrekord im Sinn und Bessie wäre die erste Frau überhaupt gewesen, die diese Strecke geschafft hätte – doch beide verschwanden spurlos. Es ist eines von vielen "Unsolved mysteries", die über Marissa Nadlers Lockdown-Mattscheibe liefen, als die von Schreibblockaden geplagte Musikerin die gleichnamige True-Crime-Serie bingewatchte. Dass ihr die Geschichten schließlich als Hauptinspiration für "The path of the clouds" dienten, überrascht wenig – zu gut passen die Motive außerweltlich scheinenden Verschwindens zu Nadlers Dark Folk, der sich stets zwischen den eigenen Fingern in Geisterrauch aufzulösen droht. Doch diesmal wählt die Frau aus Boston einen handfesteren Ansatz. Gemeinsam mit ein paar hochkarätigen Gästen – unter anderem Emma Ruth Rundle, Cocteau-Twins-Bassist Simon Raymonde und Harfenistin Mary Lattimore – meißelt sie ihr neuntes Solo-Studioalbum zu einem ihrer am üppigsten instrumentierten Werke, das einen thematisch angemessenen Spagat zwischen gespenstischem Wunder und erdiger Realitätsverankerung schafft.

Das Schicksal der Hydes beschäftigt gleich den Opener "Bessie, did you make it?". Von bedrohlichen Drones begleitet, lässt sich das gefühlsgraue Fingerpicking nicht in die Karten schauen, bis der Refrain mit Bläsern und Tasten den Himmel aufreißt. Die letzten Zeilen multiplizieren die sowieso schon über den ganzen Körper verteilte Gänsehaut ins Endlose: "A woman claimed to be Bess for a second / By the fire, she said without smiling: / 'I'm Bessie, I killed him, I was simply surviving.'" Nadler greift eine Theorie auf, nach der Bessie einer missbräuchlichen Beziehung entkommen wollte, und deutet damit das Verschwinden zur Selbstermächtigung um: keine unglückliche Willkür höherer Kräfte, sondern ein kontrollierter, von den Augen der Welt gelöster Neustart des eigenen Lebens. Ähnlich perspektiviert der Titeltrack mit schwerem Rhythmus, dramatischen E-Gitarren und Flöten-Akzenten den Fall von D. B. Cooper, der 1971 ein Flugzeug entführte und mit Fallschirm und Erpressungsgeld in der Hand ins Ungewisse stürzte. Nadlers Faszination für ihre Subjekte bleibt dabei stets urteilsfrei. "Did you drown in the ocean / Or make your great escape?", fragt sie die einzigen bekannten Alcatraz-Flüchtlinge in "Well sometimes you just can't stay" schlicht, während die verrauschten Saiten wieder auf einen Chorus-Leuchtturm zusteuern.

Doch die 40-Jährige hat hier nicht einfach nur ihre Lieblings-TV-Mysterien vertont, der Einfluss der Serie gestaltet sich oft diffuser. Der Anti-Mörder-Blues von "Couldn't have done the killing" braucht etwa keinen konkreten Bezugspunkt, um eine durchweg packende Geschichte zu erzählen. Von einer körperlosen Stimme getriggerte Sehnsüchte durchziehen "And I dream of running", das mit seinem Bruch kurz vor Schluss einen ähnlich überraschenden Standout-Moment auffährt wie das verzerrte Solo am Ende des zuvor genannten Tracks. In der zweiten Plattenhälfte gibt es mit "From vapor to stardust", "Storm" und "Turned into air" eine Reihe von Stücken, die ihren abstrakt-folkigen Naturalismus schon im Titel tragen, aber den atmosphärischen Würgegriff keine Spur lockern.

So ist "The path of the clouds" nicht nur wegen seiner satteren Grooves und ausschweifenderen Arrangements eines von Nadlers besten Alben überhaupt geworden, sondern auch, weil es unter noch so schweren Lasten stets seine Grazie behält. "We were bleeding from the start", heißt es in "Elegy", das jedoch nie zum bloßen Piano-Lament versackt, sondern als feiner Klangnebel durch jede Pore strömt. Der astreine Dream-Pop von "If I could breathe underwater" verbindet das Beste aus beiden Welten, wenn seine rätselhaft verschlungene Melodie auf zitternde Drums und einen aufreizenden Bass trifft. Ganz zum Schluss formt sich das zerbrechliche "Lemon queen" dann noch mit Streichern und Slide-Gitarren zu nicht weniger als einem der schönsten Songs des Jahres. Aus welchem Brunnen Nadler diese und die anderen zehn Perlen geschöpft hat, bleibt wohl ihr eigenes ungeklärtes Mysterium. Spurlos verschwunden ist ihr Inspirationsquell jedenfalls nicht.

(Marvin Tyczkowski)

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Highlights

  • Bessie, did you make it?
  • The path of the clouds (feat. Simon Raymonde)
  • Couldn't have done the killing
  • Lemon queen

Tracklist

  1. Bessie, did you make it?
  2. The path of the clouds (feat. Simon Raymonde)
  3. Couldn't have done the killing
  4. If I could breathe underwater (feat. Mary Lattimore)
  5. Elegy (feat. Mary Lattimore & Amber Webber)
  6. Well sometimes you just can't stay
  7. From vapor to stardust (feat. Simon Raymonde)
  8. Storm (feat. Simon Raymonde)
  9. Turned into air (feat. Emma Ruth Rundle)
  10. And I dream of running (feat. Simon Raymonde)
  11. Lemon queen

Gesamtspielzeit: 46:24 min.

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User Beitrag

Sloppy-Ray Hasselhoff

Postings: 256

Registriert seit 02.12.2019

2021-11-10 22:45:24 Uhr
Finaler Satz mal ausgenommen - Pathos im Rausgehen braucht keine Sau - knorke. Ich wollt die Rezi zerreißen, weil die Rezi dem Album nicht standhält. Tolles Album.
... Tolle Rezi. Ärger mich gerade. Nichts zu Meckern. Noch ein Mal eine derart gute Rezi zu einem derart guten Album und ich kauf mir ein Moped.

Armin

Plattentests.de-Chef

Postings: 21504

Registriert seit 08.01.2012

2021-11-10 22:09:37 Uhr - Newsbeitrag
Frisch rezensiert.

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