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ABBA - Voyage

ABBA- Voyage

Universal
VÖ: 05.11.2021

Unsere Bewertung: 5/10

Eure Ø-Bewertung: 7/10

Weh und Mut

2021 gab es viel zu bereden. Coronavirus, Bundestagswahl, Fußball-EM. Und besonders penetrant: das Comeback von ABBA. Was nicht allein die Schuld von ABBA ist. Denn seit feststeht, dass die Schweden ihr erstes Studioalbum seit 1981 veröffentlichen, kann man sich vor Einlassungen zum Thema kaum retten. Graue Radiohörer versichern am Telefon, sie würden sich wieder wie 20 fühlen. Das Feuilleton würdigt wahlweise ABBAs Verdienste um die Popmusik oder beäugt argwöhnisch die mediale Inszenierung inklusive Hologramm-Konzerten. An jeder Straßenecke eine Meinung. Und zugegeben: Mit einer derart spektakulären Wiederkunft nach langer Pause können nicht einmal Hiatus-Spezialisten wie Guns N' Roses oder My Bloody Valentine trumpfen. Hoffen wir also, dass "Voyage" schöner anzuhören ist als das brabbelnde Land.

Andererseits: Auch ich darf das. Denn ABBA haben mein Leben geprägt. Sie erinnern mich an fröhliches Getanze beschwipster Erwachsener, dem ich im Kindesalter vor dem Zubettgehen noch ein wenig beiwohnen durfte. Und damit letztlich auch an meine Mutter, die ABBA immer mochte und die beinahe ein Jahr vor dem Release von "Voyage" verstarb. Doch wegen ABBA ging ich als Stöpsel auch davon aus, Pop-Gruppen hätten je zur Hälfte aus Frauen und Männern zu bestehen – damals wie heute leider Wunschdenken. Und in meinen Teenie-Jahren? Hielt ich sie für blamables Geseier, das bei der eigenen musikalischen Knalloballo-Sozialisation nur störte. Und trotzdem sind ABBA für mich nicht bloß eine Band, sondern ein Mythos. Einer, der auch die vermeintlich halbgare Vorabsingle "I still have faith in you" auf einer Pobacke absitzt.

Ein Kinderspiel, wenn die Streicher wie Butter ins Ohr schleichen, Anni-Frid Lyngstad beschwichtigende Worte singt und sich das Ganze allmählich zum blitzsauberen, selbstermächtigenden Herzreißer entwickelt. Augenblicklich huschen Ahnungen von "The winner takes it all" und "Thank you for the music" durch den Raum, und mit dem gülden planetarischen Cover scheint sich das Quartett seinerseits rückwirkend bei allen bedanken zu wollen, die rund 30 Millionen Mal die Best Of "ABBA gold – Greatest hits" gekauft haben. Dass "Voyage" kein so ungestümer Gute-Laune-Bolzen geworden ist, nimmt allein ob des Alters der Beteiligten nicht wunder – doch immerhin bleibt die Gewissheit, dass ABBA auf diesem Album nichts, wirklich gar nichts dem Zufall überlassen. Was zwar Schwächen offenbart, aber auch unbestreitbaren Charme hat.

Das gilt besonders für die emotional gravitätischen Midtempo-Stücke. Benny Andersson und Björn Ulvaeus wissen als exzellente Songschreiber und Arrangeure nämlich, worum es in der Popmusik geht: Zwei Menschen treffen sich, kommen zusammen und gehen wieder auseinander, und das erzählen sie so ökonomisch wie anrührend. "Don't shut me down" ist so ein todsicheres Ding, das sich wehmütig in einen wohligen Groove shuffelt, bis Lyngstads und Agnetha Fältskogs Doppelgesang übernimmt – zwei Stimmen aus Asbest, die diesen tollen Hit mit akustischem Klarlack für die Ewigkeit überziehen. Vielleicht der erste neue ABBA-Klassiker – nebst dem energischen "Keep an eye on Dan", einem Scheidungskind-Drama, das sein Sujet mutig mit rar gesäten elektronischen Modernitäts-Accessoires und feinem "SOS"-Selbstzitat konterkariert.

Weniger gut retten Andersson und Ulvaeus die Aufgekratztheit von Hüpf-Evergreens wie "Waterloo" oder "Voulez vous" ins neue Jahrtausend: "Just a notion" will ein stürmischer Glam-Rocker sein, krankt aber am verhuschten Gesamteindruck, und obwohl "No doubt about it" samt Honky-Tonk-Piano direkt mit der Tür ins Haus fällt, erledigen ABBA den Song eher, als sein Potenzial auszuschöpfen. Kein Ruhmesblatt, aber um Längen besser als der mit einem Kinderchor verschandelte Weihnachtskitsch "Little things". Schon staatstragender: die "Fernando"-Zweitverwertung "Bumblebee", die nur vordergründig vom unbeholfen wie die Birne Maja durch die Luft torkelnden Insekt handelt, sondern vor Umweltzerstörung warnt. Und die "Schwanensee"-Adaption in "Ode to freedom"? Kann einem Mythos nichts anhaben. Ebenso wenig wie ein mindestens halbgutes Abschiedsalbum.

(Thomas Pilgrim)

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Highlights

  • Don't shut me down
  • Keep an eye on Dan

Tracklist

  1. I still have faith in you
  2. When you danced with me
  3. Little things
  4. Don't shut me down
  5. Just a notion
  6. I can be that woman
  7. Keep an eye on Dan
  8. Bumblebee
  9. No doubt about it
  10. Ode to freedom

Gesamtspielzeit: 37:09 min.

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(Neueste fünf Beiträge)
User Beitrag

Z4

Postings: 121

Registriert seit 28.10.2021

2021-11-16 22:42:41 Uhr
Selbstverständlich will man sich nicht kaufen lassen, auch nicht für diese Summe, sondern es wenn dann völlig selbstständig entscheiden.

Ich denke, dass es das Album noch geben würde, stand vor 40 Jahren schon fest, weil sie sich ja auch nie offiziell aufgelöst haben, sondern nur pausiert haben, und der Zeitpunkzt sollte halt einer sein, an welchem es allen gesundheitlich noch gut geht. Geld wird nicht der Antrieb gewesen sein, sondern eher der Wille, dieses Material noch verwerten zu wollen, was aber imo auch eine Art von Gier ist, aber welcher Künstler ist schon frei von Eitelkeit.

Immerhin sind es so nicht die Nachfahren, die das Werk kommerziell ausschlachten, sondern sie selbst. Ich hoffe jedenfalls, die Abba-Avatar-Show geht noch eine Weile, inetressieren würde es mich schon. Ich hätte so eine Show rein Künstlerisch MJ aber mehr gegönnt, wobei sich das ja inzwischen auch erledigt hat...

Wenn dieses Avatar-Ding ein Erfolg wird, könnzte das das nächste große Ding nach Musicals werden, man könnte große Popstars dann für immer auftreten lassen.

https://www.youtube.com/watch?v=5p0IwMCz_3s

^^

Peacetrail

Postings: 2798

Registriert seit 21.07.2019

2021-11-16 19:54:51 Uhr
Ich wäre dafür aufgetreten, aber mich will leider keiner hören )-:

https://www.spiegel.de/kultur/musik/abba-mamma-mia-nicht-fuer-eine-milliarde-dollar-a-62663-amp.html

Autotomate

Postings: 3769

Registriert seit 25.10.2014

2021-11-16 19:45:26 Uhr
Hat denen nicht mal jemand Vierfantastilliarden Euro geboten, damit sie irgendwo auftreten (und die so: Nö)?

Peacetrail

Postings: 2798

Registriert seit 21.07.2019

2021-11-16 19:27:28 Uhr
Die brauchen vielleicht keine Kohle, andererseits kann man auch nie genug Kohle haben.

Mann 50 Wampe

Postings: 1435

Registriert seit 28.08.2019

2021-11-16 17:03:46 Uhr
Sobald Band XY nach längerer Pause wieder überraschend eine Platte macht, kommt reflexartig das "die brauchen nur Kohle" Geschrei. Das ist fast immer Quatsch, aber bei Abba nur wirklich fast grotesk. Die brauchen sicherlich kein Geld mehr. Das Künstler einfach mal Bock haben, nach langer Zeit wieder Musik zu machen, können sich einige wohl nicht vorstellen.
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