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Vitalic - Dissidænce (Episode 1)

Vitalic- Dissidænce (Episode 1)

Clivage / Citizen / Al!ve
VÖ: 12.11.2021

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 6/10

Revolution der Roboter

Fragen, die man der jungen Generation angesichts immer kürzer werdender Aufmerksamkeitsspanne lieber nicht stellen sollte: "Habt Ihr mal eben 75 Minuten Zeit?" Selbst Pascal Arbez-Nicolas wäre das zu viel, zumal der jüngste Erfolg des Franzosen lediglich 30 Sekunden dauerte – in Form eines Werbespots für einen Automobilhersteller, in dem "Waiting for the stars" vom letzten Vitalic-Album "Voyager" zu hören war. Nicht weniger als 16 Tracks hatte Arbez-Nicolas ursprünglich für dessen Nachfolger in petto, entschied dann jedoch, "Dissidænce" lieber in zwei Parts aufzuteilen – so etwas hat schließlich schon auf "The destroyer" vom kanadischen Kollegen Robert Alfons alias TR/ST bestens funktioniert. Nur hat der nicht so viele verschiedene elektronische Einflüsse auf seinen Platten unterzubringen, dass er diverse Nebenprojekte brauchen würde.

Im Gegensatz zu Arbez-Nicolas, der seit "Voyager" gleich zwei davon reanimiert beziehungsweise ins Leben gerufen hat: Unter dem Pseudonym Dima bohrte er auf der EP "Sounds of life" erstmals nach 18 Jahren wieder Techno-Nagelbretter mit Neunziger-Tendenz, die sich nicht hinter Klassikern wie Thomas P. Heckmanns "Amphetamine" verstecken mussten, als Kompromat feierte der Mann aus Dijon ein Jahr später zusammen mit Julia Lanoë von Sexy Sushi und Mansfield. TYA auf "Traum und Existenz" schepprige Urständ in Sachen gründerzeitlicher Synthie-Kling-Klang mit zauberhaft deutsch-französelnden Lyrics. Prima Gelegenheit, sich der Anfänge des Genres zu erinnern und das fünfte Vitalic-Album mit dem ähnlich gelagerten Analog-Gedengel "Haute définition" zu eröffnen, wobei Klötzchengrafik vor akustischen Feindaten geht. Très charmant.

Und längst nicht das einzige stilistische Loch, das Arbez-Nicolas auf "Dissidænce (Episode 1)" gräbt: Auch flirrende Großraumclub-Walzen, Ambient-Ruhepole und sogar Spuren der guten alten Italo-Disco gehören hier dazu – nebst der im Titel festgeschriebenen rebellischen Attitüde, die Daft Punks "Revolution 909" alle Ehre gemacht hätte. Schon "Rave against the system" wetzt rhythmisch die Messer, bis sich der Drumcomputer überschlägt und fleischfressende Acid-Lines die feierwütige Masse zum Aufstand gegen weichgespülten Tanzmampf anstacheln. Selten ein schöneres Schleudertrauma auf dem Dancefloor erlebt – und wenn sich in "Danse avec moi" eine zarte Roboter-Liebe entspinnt, dann vermutlich nur, weil den Vocoder-Protagonisten dieser androiden amour fou vorübergehend ein paar Drähte im Elektronengehirn durchgebrannt sind.

Es sind formschöne Zwischenspiele wie diese, die dem knackigen Agitationsprogramm die größte Schärfe nehmen. Auch "14 A.M." hält meist den Deckel drauf und verdankt seinen Reiz nicht zuletzt dem Laurie Andersons 1982er-Hit "O Superman" nachempfundenen Vocal-Loop – ein netter kleiner Verweis auf Arbez-Nicolas' musikalische Wurzeln, den der 45-Jährige gleich im Anschluss mit dem selbstironischen Trance-Monster "Boomer OK" in Grund und Boden stampft, ehe zum Schluss ein Knüller folgt. "Carbonized" lässt Bässe knarzen und den Stimmprozessor heißlaufen, während die Dissonanzen aus The Normals "Warm leatherette" mit "Danger! High voltage" von Electric Six Schlitten fahren – ein irres Finale, das im Grunde gar keins ist, da sich Episode 2 von "Dissidænce" voraussichtlich ebenso wenig lumpen lassen wird. Bis dahin: keine Fragen offen.

(Thomas Pilgrim)

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Highlights

  • Rave against the system
  • Boomer OK
  • Carbonized

Tracklist

  1. Haute définition
  2. Rave against the system
  3. Lost times
  4. Danse avec moi
  5. Cosmic renegade
  6. 14 A.M.
  7. Boomer OK
  8. Carbonized

Gesamtspielzeit: 37:11 min.

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Armin

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2021-11-03 21:36:51 Uhr - Newsbeitrag
Frisch rezensiert.

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