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Joan As Police Woman, Tony Allen & Dave Okumu - The solution is restless

Joan As Police Woman, Tony Allen & Dave Okumu- The solution is restless

PIAS / Rough Trade
VÖ: 05.11.2021

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 7/10

Architektur der Sinne

"Yes." Das ist nicht nur Joan Wassers Lieblingswort, sondern auch ihre Standardantwort, wenn sie jemand nach einer Kollaboration fragt, schließlich würde die als Joan As Police Woman bekannte Künstlerin am liebsten die ganze Zeit nur Musik machen. Es entstanden Zusammenarbeiten mit so unterschiedlichen Leuten wie RZA, Lou Reed oder Aldous Harding, in den seltensten Fällen jedoch auch ein gemeinsames Album. Dass sich "The solution is restless" zu einem solchen formte, hat nicht nur einen freudigen Hintergrund. Auf einem Africa-Express-Event stellte Damon Albarn Wasser die Afrobeat-Legende Tony Allen vor, Fela Kutis ehemaligen Drummer und Bandleader. 2019 trafen sich die US-Amerikanerin und der Nigerianer dann zu Impro-Sessions in Paris, zu denen auch The-Invisible-Frontmann Dave Okumu stieß – nur wenige Monate vor Allens traurigem Tod, der Wasser die finale Motivation dazu gab, die Aufnahmen für die Öffentlichkeit aufzubereiten.

"It's too fun", sagt Wasser in einem kurzen Pausengespräch nach "Perfect shade of blue", an dessen Ende alle drei in Gelächter ausbrechen. Eine so direkte Gefühlsartikulation hätte es überhaupt nicht gebraucht – das Zusammenspiel des Trios wirkt so organisch, als wäre es ein mit sich selbst und dem Studio verwachsenes Naturwesen. Von Allens typischen Polyrhythmen gedüngt, wurzeln die Songs tief in klassischem Soul, Funk und Fusion-Jazz, wachsen ungehemmt vor sich her und tauchen sich in die gleichen mitternachtsschwarzen Texturen, die bereits "Damned devotion" prägten – tauglich für verschwitzten Körperkontakt ebenso wie für kühle Kontemplationen auf einsamen Straßen. Zuweilen treten andere namhafte Gäste in den Kreislauf, ohne ihn dabei aus der Balance zu bringen. Meshell Ndogeocello spielt etwa den Bass im fast zwölfminütigen Opener "The barbarian", während besagter Albarn das konventioneller strukturierte "Get my bearings" mit seinem Gesang und poetischen Klavierspiel bereichert.

Als programmatisch ließe sich "Geometry of you" deuten. Wasser entlockt ihrer knarzigen Viola ein paar Seufzer und sucht nach der Schnittstelle von Sinnlichkeit und Mathematik: "I'm calculating the lines / Finding arrangements / But you just might gimme the answer / How do you like it?" Ähnlich dialektisch gestaltet sich die ganze Platte, der man die Spontaneität der aufeinander reagierenden Musiker*innen ebenso anhört wie die Akribie, mit der Wasser die Takes im Nachgang zu Bauwerken mit nachvollziehbarer Architektur schichtete. So hat das dringliche "Take me to your leader" explizit politisches Feuer im Bauch, deklariert "We are so far from alright" und nimmt sich dennoch bei all seiner Kompaktheit noch die Zeit für ein Orgel- und Flötensolo. "Enter the dragon" beweist indes die ganze Klasse der 51-Jährigen als Arrangeurin, wobei ihre emotional gewohnt komplexe Stimme die so lebendig durch die Luft gleitenden Streicher in Echtzeit anzuleiten scheint.

Und doch wird "The solution is restless" seinem Titel mehr als gerecht. Es sind die aus Allens Drums und Okumus Saiten geschüttelten Rhythmen, die dem Album seine markanteste Kontur geben, ein ständiger Vorwärtsdrang, den keine Ballade und nur wenige melodische Hooks ausbremsen. Das kann auf die Länge von fast einer Stunde manchmal etwas gleichförmig wirken, doch spätestens der intensiv groovende Closer "Reaction" sollte alle Zweifel an der hypnotischen Ausdruckskraft dieser pflanzlich betriebenen Bewegungsmaschine beseitigen. Man muss es wie Wasser machen, einfach "yes" zur Musik sagen, sich der Kinetik ergeben. Dann erkennt man die Wandelbarkeit dieser besonderen Künstlerin, die sich in ihrer Kollaborationsleidenschaft immer wieder neue Masken aufsetzt und dabei stets ihr Gesicht wahrt. "Call me what you want, I don't care", singt sie in "Masquerader". So viel Selbstbewusstsein muss man erstmal haben.

(Marvin Tyczkowski)

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Highlights

  • Take me to your leader
  • Enter the dragon
  • Reaction

Tracklist

  1. The barbarian
  2. Get my bearings (feat. Damon Albarn)
  3. Take me to your leader
  4. Masquerader
  5. Dinner date
  6. Enter the dragon
  7. Geometry of you
  8. The love has got me
  9. Perfect shade of blue
  10. Reaction

Gesamtspielzeit: 55:53 min.

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(Neueste fünf Beiträge)
User Beitrag

Sick

Postings: 175

Registriert seit 14.06.2013

2021-11-13 02:18:00 Uhr
Sehr gut. 8/10

Armin

Plattentests.de-Chef

Postings: 21517

Registriert seit 08.01.2012

2021-11-03 21:34:41 Uhr - Newsbeitrag
Frisch rezensiert.

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