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Billy Bragg - The million things that never happened

Billy Bragg- The million things that never happened

Cooking Vinyl / Indigo
VÖ: 29.10.2021

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 6/10

Pandemie-Blues

Man hätte es ahnen sollen: An Billy Bragg, diesem unermüdlichen Kartographen des Alltags, sind die vergangenen eineinhalb Jahre alles andere als spurlos vorbei gegangen. Zu tief wurden die Einschnitte in das, was einmal geteilte Orte waren, zu abstrakt konnte sich bloß noch der Wunsch nach Solidarität artikulieren. Zwischen Arbeit, Pub und Sehnsucht spannt sich bei ihm seit jeher der Wunsch nach einer besseren Welt auf: Wenn die ersten beiden wegbrechen, wird letztere hohl. Bragg nimmt das zum Auftrag, nochmal den grundsätzlichen Anspruch seines Songwritings zu überprüfen und auf das absolut Wesentliche zu destillieren. Empathie sei die Währung der Musik, stellt er dabei so unverblümt wie selten zuvor fest; es gilt, emotionale Not aufzufangen und einen Resonanzraum zu schaffen, in dem sie vergemeinschaftet werden kann. "I will be your shield", erklärt Bragg entsprechend in einer berührend direkten Pianoballade, deren finale Klavierkaskaden sich mit schwermütiger Kraft gegen wirtschaftliche und mentale Depressionen stemmen. Der 63-Jährige wäre schließlich nicht einer der profiliertesten englischen Liedermacher der letzten Jahrzehnte, würde er leichtfertige Abkürzungen in Kauf nehmen.

Stattdessen präsentiert "The million things that never happened" eine tiefblaue, intime Auseinandersetzung mit der neuen Normalität und streut Sand ins Getriebe der Resignation. Gestochene autobiographische Prosa und Gesellschaftskritik falten sich einmal mehr ineinander, während Bragg und seine Band trockenen, reduzierten Alt-Country spielen. Auch inhaltlich wandert der Blick gelegentlich über den Atlantik. Das beißende, von Nick Pynns irischer Fiddle dominierte "Freedom don't come for free" stellt das vulgäre Freiheitsverständnis libertärer Utopien an den Pranger: "Streetlights faded and the library closed." Und "The buck doesn't stop here no more" formuliert einen Abgesang auf das korrumpierte demokratische Experiment der Staaten, während elegische Chöre und die wehmütige Slide-Gitarre den Abstand zu einstigen Idealen ausloten. Das sind freilich keine neuen Themen in Braggs Schaffen, doch erfahren sie im pandemischen Kontext des Albums eine völlig neue Bedeutung. Für ironische Distanz ist keine Zeit mehr da: Der düstere Titeltrack sammelt prägnant all jene Dinge, die den Alltag lebenswert machen, Einzelgeschichten verbinden und zuletzt aber durchs Raster fielen. Nicht zuletzt: "The expect and delight of a Saturday night."

Innenschau wird leitmotivisch auf dem Album, immer wieder singt Bragg von wegfallenden Selbstverständlichkeiten, die ratlos machen. "Ist es der Nebel, der die Sinne trübe werden lässt?", fragen die knackigen Melodien des einnehmenden Openers. "Good days and bad days" wiederum hält mutig fest am imperfekten Gesang der Demo-Version, die Bragg zu Hause während des Lockdowns aufnahm. "And the days blur into one / I just can't seem to get anything done." Dann malt das klug eingesetze Mellotron einen Streif an den Horizont, strahlt mit sanftem melancholischen Glanz auf Braggs Lakonie: "Life came and kicked a great big hole in my dreams." "Reflection on the mirth of creativity" kommentiert verschmitzt sein eigenes Enstehen unter besonderen Bedingungen und wirkt dabei auch wie ein Zeitdokument. Denn der langsam abflauende Ausnahmezustand hinterlässt eine weit größere gesellschaftliche Zäsur als manchen bewusst ist, davon zeigt sich Bragg überzeugt.

Ein wenig Humor bringt die abschließende launige Internet-Kritik mit, gemeinsam mit Sohn und Gitarrist Jack Valero verfasst. "Ten mysterious photos that can't be explained / Are draining away the best of my day", lamentiert Bragg, gefolgt vom Griff in die eigene Tasche: "And fragments of songs that I never wrote / Are rotting in the pockets of my winter coat." Das mediale Rauschen lässt die eigenen Songs verrotten; ein Dutzend konnte Bragg zum Glück retten. So gerät "The million things that never happened" zur kritischen Intervention, die von stilvoller Instrumentierung und starkem, aufrichtigem Songwriting getragen wird. Denn dass Bragg Lieder schreiben kann, ist nichts Neues. Sie jedoch aufs Neue unerbittlich mit der Gegenwart konfrontieren zu können, macht ihn zu einer Ausnahmeerscheinung.

(Viktor Fritzenkötter)

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Highlights

  • Should have seen it coming
  • Freedom doesn't come for free
  • The million things that never happened
  • I will be your shield

Tracklist

  1. Should have seen it coming
  2. Mid-century modern
  3. Lonesome ocean
  4. Good days and bad days
  5. Freedom doesn't come for free
  6. Reflections on the mirth of creativity
  7. The million things that never happened
  8. The buck doesn't stop here no more
  9. I believe in you
  10. Pass it on
  11. I will be your shield
  12. Ten mysterious photos that can't be explained

Gesamtspielzeit: 46:10 min.

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Armin

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2021-10-27 21:16:33 Uhr - Newsbeitrag
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