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Tirzah - Colourgrade

Tirzah- Colourgrade

Domino / GoodToGo
VÖ: 01.10.2021

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 8/10

Ex machina

Als "Colo(u)r Grading" ("Farbkorrektur" auf Deutsch) bezeichnet man in der Fotografie und Filmtechnik ein Verfahren, das oft dazu dient, die Lichtstimmung eines Bildes realitätsnäher erscheinen zu lassen. "Colourgrade" ist ein interessanter, deutungsanregender Titel für Tirzah Mastins zweites Album, weil es gewissermaßen das Gegenteil tut. Schon auf dem Debüt "Devotion" fand die Londonerin an der Schnittstelle von R'n'B, Techno und Elektro-Pop ihre eigene Nische vor allem in der Abstraktion. Auf dem Nachfolger setzen die gemeinsam mit Mica Levi (alias Micachu) und Coby Sey erarbeiteten Songs in Sachen hookloser, abweisender Freiförmigkeit nochmal einen drauf – und das, obwohl ihnen mit Tirzahs Mutterschaft ein so menschlicher thematischer Kern innewohnt. Doch vielleicht betreibt "Colourgrade" gar keine Verzerrung der Realität, sondern ist purer Expressionismus, weil es die unterschiedlichen Gefühle des Elternwerdens so unstrukturiert abbildet, wie sie auftreten: das Erstaunen, das Glück und die Liebe, aber auch die Konfusion und die Identitätsängste, die bei einer so gravierenden Lebensveränderung immer mit dabei sind. In dem Sinne gelingt diesem seltsam faszinierenden Album ein Spagat zwischen Intimität und Entfremdung, als würde man ein tiefpersönliches Mitternachtsgespräch mit einer Androidin führen.

Manchmal klingt es sogar so, als würde man direkt der Entstehung neuen Lebens, der Entwicklung einer neuen Sprache lauschen. Im eröffnenden Titeltrack trifft Tirzahs metallisch verchromtes Organ auf seine cleanere Zwillingsschwester, während irritierende Bass- und Pfeiftöne einen unheimlichen Kommunikationskanal formen. Im Herzen der Platte steht mit "Crepuscular rays" ein sechseinhalbminütiges Gurgeln surreal verzerrter Vocal-Fragmente und Phaser-Gitarren, die das Innere eines Babybauchs vertonen könnten und das vielleicht auch wollen. Musik wie direkt aus der Ursuppe geschöpft, doch ganz so radikal gestaltet sich der Rest von "Colourgrade" nicht. Mit seinem subtil erschütternden Beat und den synthetischen Bläser-Drones klingt "Tectonic" wie ein Massive-Attack-Track im Metallofen und erzeugt eine erstaunliche Sogwirkung für einen Song ohne klare Melodie oder Progression. In "Hive mind" zirkeln Tirzahs und Seys Stimmen in zeitversetzten Spiralen umeinander und lassen sich auch von erratischen Kläff-Geräuschen nicht aus ihren Umlaufbahnen bringen. Selbst das konstante Rauschen von "Recipe" schafft es nicht, die darunterliegende Zärtlichkeit zu verbergen: "I won't hurt you."

Ist das Beieinander mechanisch-kühler Klänge und greifbarer Emotionen hier noch universaler Natur, wird es im Anschluss konkreter. Über gedämpften Synths und skelettalen Drums formuliert "Beating" eine in ihrer Ungeschliffenheit ungemein effektive Liebeserklärung: "You got me / I got you / We made life / It's beating." "Sleeping" zeigt die junge Mutter erschöpft und aufgewühlt, aber glücklich, als wäre ihr Kind in den letzten Stunden einer unruhigen Nacht endlich eingeschlafen. Nicht nur das grungige Mäandern jenes Schlummerlieds präsentiert Tirzah von einer organischeren Seite, die sie auf dem Album stärker in die Nähe ihres Landsmanns und Sui-generis-Kollegen Dean Blunt rückt als in die rein elektronischer Art-Pop-Auteurinnen. Vor allem das späte Highlight-Doppel aus "Send me" und "Sink in" brilliert in dieser Ästhetik. "Let me heal", fordert ersteres über hypnotischen Saiten, die sich am Ende im kathartischen Krach ergehen, bevor letzteres mit The-Cure-Gitarren und Gated Drums beiden Komponenten des Wortes "Trauerfeier" gebührend Raum gibt. Ähnlich wie die in alle Richtungen sprießenden Glitch-Effekte des Closers "Hips" lässt sich auch Tirzah nicht fassen, bietet einem Deutungen und biografische Haltegriffe an, nur um im Strudel der verschwimmenden Farben doch alles in Frage zu stellen. Klar ist schließlich nur eines: Eigene Korrekturen braucht "Colourgrade" keine.

(Marvin Tyczkowski)

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Highlights

  • Tectonic
  • Send me
  • Sink in

Tracklist

  1. Colourgrade
  2. Tectonic
  3. Hive mind (feat. Coby Sey)
  4. Recipe
  5. Beating
  6. Sleeping
  7. Crepuscular rays
  8. Send me
  9. Sink in
  10. Hips

Gesamtspielzeit: 41:04 min.

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(Neueste fünf Beiträge)
User Beitrag

ijb

Postings: 1942

Registriert seit 30.12.2018

2021-10-21 13:04:05 Uhr
Aber der Text ist ansonsten in der Tat sehr schön! Und das Album natürlich auch :-)

ijb

Postings: 1942

Registriert seit 30.12.2018

2021-10-21 13:03:31 Uhr
Kleine Anmerkung zu "Colo(u)r Grading" bzw. "Farbkorrektur" (und der Ausgangsthese):
Damit ist tatsächlich in der digitalen Form das gemeint, was früher beim analogen Film und Foto die Arbeitsschritte Entwicklung und Abzug waren, also jede Nachbearbeitung an Farben, Helligkeiten, Kontrasten, Vignetten etc (sehr gut nachvollziehbar bei den Bearbeitungsoptionen vor dem Posten bei Instagram), um zu jener Bildwirkung zu kommen, die der Fotograf(in) im Sinn hat. Das kann eine realistisch anmutende oder dokumentarische Farbgestaltung sein, aber auch verschiedene Formen von Schwarzweiß oder comicartige Bildgestaltung (Sin City) oder eben bestimmte Stile, wie sie bei Harry Potter oder Science Fiction oder Fantasygeschichten gewünscht sind. Thriller sind meistens düster farbkorrigiert, historische (DDR-)Filme meistens in blassen oder ausgewaschenen Farbtönen usw.

AliBlaBla

Postings: 761

Registriert seit 28.06.2020

2021-10-21 12:49:24 Uhr
Tolle Rezension, eine der besten, die ich die letzten Jahre überhaupt gelesen habe! Genau so ist das Album, nah und fern, fremd und vertraut,..bin gespannt,wie wir es in Jahren hören.

MopedTobias (Marvin)

Mitglied der Plattentests.de-Schlussredaktion

Postings: 17871

Registriert seit 10.09.2013

2021-10-21 10:50:00 Uhr
Danke, myx :)

myx

Postings: 2660

Registriert seit 16.10.2016

2021-10-21 07:56:46 Uhr
Sehr schön das Album in Worte gefasst, Marvin. Ich sehe "Colourgrade" tatsächlich auch nicht als "Verzerrung der Realität", sondern als "puren Expressionismus", das ist für mich die Kernaussage Deiner Rezension.

"Organisch" hatte ich ja selber schon im Kopf, aber bei "Crepuscular Rays" habe ich tatsächlich nicht an das Innere eines Babybauchs gedacht, schöne und stimmige Idee. Und die Verwandtschaft zu Dean Blunt geht mir auch erst jetzt auf, logo ... Kein Wunder, dass ich beide Alben in meinen Jahres-Top-Ten sehe. :)
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