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My Morning Jacket - My Morning Jacket

My Morning Jacket- My Morning Jacket

ATO / [PIAS] Cooperative / Rough Trade
VÖ: 22.10.2021

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 9/10

Man kennt sich

"Screentime addiction replacing real life and love." Okay, lieber Jim James – Deine Technologie-Kritik in allen Ehren, aber ohne digitale Helferlein wäre die Corona-Pandemie wohl noch beschissener, oder nicht, hm? Also hab Dich mal nicht so. Danke. Und nun zurück zum "Regularly scheduled programming", wie der Opener von My Morning Jackets neuntem, diesmal selbstbetiteltem Album heißt, welches gerade mal 15 Monate nach "The waterfall II" erscheint. War jenes aber aus den Sessions von 2015 gespeist, zeichnet "My Morning Jacket" ein Bild des Quintetts im aktuellen Zustand. Dieses scheint Lockdown und andere weltliche Ereignisse relativ unbeschadet überstanden zu haben. Die elf Songs besitzen eine Schlagseite Richtung Rock, atmen stellenweise sakrale Luft und versprühen eine regelrechte Hitze, nicht nur wenn die Gitarre schreddert. Dennoch: unverkennbar My Morning Jacket. Steht ja quasi doppelt drauf.

Wer beim ekstatischen Solo von "Love love love" noch nicht beim Glauben ist, den holt das ausladende "In color" endgültig ins Boot. "There's more to life than black and white / So many shades in between" – und um das zu unterstreichen, steigert sich das Stück über sieben Minuten konstant von wundervoll zu brillant. Das Echo verstärkt das Retro-Feeling, es rauscht, es hallt, es orgelt. Die stetige Wiederholung hypnotisiert, ein Trick, den My Morning Jacket hier mehr als einmal proben. Auch in "Never in the real world" machen Orgel und Chöre die Jacke flauschig, bevor Jim James "Only in the moonlight could I ever truly fly" zugibt und sich vom Instrumental emportragen lässt. Hektik ist auf "My Morning Jacket" ein Fremdwort, die Platte ist die längste seit "It still moves" und wohldosierte Repetition hat ihren gerechten Anteil daran.

Diese spannt "The devil's in the details" am weitesten. Der kleine Wermutstropfen: Es stört zwar nicht, dass der Song neun Minuten dauert, aber mehr von dieser lässigen Lounge-Jazz-Coda wäre besser gewesen als der allzu sehr zelebrierte Buildup. Das größte unter allerhöchstens kleinen Ärgernissen ist das recht stumpf geratene "Lucky to be alive", das zwischen "500 miles (I'm gonna be)", "Born to be alive" und unschönem Dorfschuppen-Country einen echten Fremdkörper darstellt – bis es vom fulminanten Finale doch noch gerettet wird. Das folgende "Complex" wischt als rumpeligster Rocker sowieso alle Zweifel wieder vom Tisch. "Trying to stay clean in these complex times", da ist er wieder, der alte Modernitätsverweigerer. "My Morning Jacket" ist jedoch zu gut und sympathisch, um die "Old man yells at ..."-Witze auszumotten.

Zumal sich "Least expected" durchaus mit aktuellen Problemen beschäftigt. "Only one Earth, we share it all" hat zwar mehr was von Hippie-Blumenwiesen als von echter Klimakrisen-Kritik, aber man munkelt, dass sogar Tempolimit-Gegner bei dieser Harmonie freiwillig vom Gas gehen. Mit "Penny for your thoughts" setzt die Truppe kurz vor Schluss noch einen astreinen Hit als Ausrufezeichen und der Ratschlag des Tages kommt frei Haus: "If you get restless / Think about going for a walk / Take time to enjoy it / It might be all you got." My Morning Jacket wirkten schon immer leicht aus der Zeit gefallen, aber ihr selbstbetiteltes Album könnte mit seiner Reduktion des Folk-Anteils zugunsten von mehr Classic Rock und Schweineorgel glatt ein verlorenes Werk von längst vergangenen Jahrzehnten sein. Sofort vertraut, wie sich eine Morgenjacke eben anfühlt. Was auch immer das ist.

(Felix Heinecker)

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Highlights

  • In color
  • Never in the real world
  • Complex
  • Penny for your thoughts

Tracklist

  1. Regularly scheduled programming
  2. Love love love
  3. In color
  4. Least expected
  5. Never in the real world
  6. The devil's in the details
  7. Lucky to be alive
  8. Complex
  9. Out of range, pt. 2
  10. Penny for your thoughts
  11. I never could get enough

Gesamtspielzeit: 60:38 min.

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(Neueste fünf Beiträge)
User Beitrag

hesmovedon

Postings: 56

Registriert seit 20.10.2019

2021-10-30 13:21:58 Uhr
Nach ein paar Durchgängen würde ich (derzeit) 8 Punkte geben. Wieder mal ein starkes Album ohne Ausfälle, aber auch ohne Übersong.
An die zwei 10-Punkte-Meisterwerke "Z" und "It still moves" kommen sie wohl nicht mehr heran. Hab ich auch nicht erwartet, aber leise gehofft hab ich schon. Kommt sicher in meine Jahres-Top-5

TL

Postings: 1

Registriert seit 23.10.2021

2021-10-23 22:29:15 Uhr
Gefällt mir ebenfalls nach den ersten beiden Durchläufen ausgesprochen gut.
Schliesse mich, was die Diskografie betrifft, hidden an. 'Z' war das Meisterwerk, Okonokos das Sahnehäubchen. Die späteren Alben waren gut bis okay mit diversen Highlights, bspw. Feel you vom letzten Album

hidden

Postings: 161

Registriert seit 22.07.2020

2021-10-23 00:27:58 Uhr
Die 10 und damit die Erhebung in den Legendenstatus wurde hier bei der, 'Z' verpasst. Seitdem alles 7 bis 8.

MasterOfDisaster69

Postings: 690

Registriert seit 19.05.2014

2021-10-23 00:10:10 Uhr
Bin gerade beim ersten Durchlauf. Platten haben diesen Impact bei einem, manchmal, situativ bedingt, Stimmung gerade, Wetter etc.
Bei mir passt die neue My Morning Jacket gerade ziemlich gut...

Die Kritik am "The devil's in the details" kann ich ueberhaupt nicht nachvollziehen, ehrlich gesagt, verstehe ich auch gar nicht, was kritisiert wird. Fuer mich das Highlight im Moment. Ich musste sogar kurz an Leonard Cohen denken, und das ist ja nun wirklich kein schlechtes Zeichen.

8/10

Danke.

Sick

Postings: 175

Registriert seit 14.06.2013

2021-10-22 19:35:15 Uhr
Och, das ist richtig gut.
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