Listen


Banner, 120 x 600, mit Claim

Tristan Brusch - Am Rest

Tristan Brusch- Am Rest

BDKA / Kontor
VÖ: 29.10.2021

Unsere Bewertung: 8/10

Eure Ø-Bewertung: 8/10

Die Lächerlichkeit des Seins

"Herein, herein, herein, immer alles in die Fressfotze rein." So manchem dürfte beim Genuss unserer Sommer-Playlist bei Spotify – in mühevoller Kleinarbeit zusammengestellt von der werten Kollegin Jenny Depner mit zahlreichen Team-Vorschlägen – das schmackhafte Club-Sandwich aus der Hand gefallen sein, als dieser Satz aus den Boxen schepperte. Natürlich ist unsere Auswahl auch sonst alles andere als glatt gebürstet, Tristan Bruschs "Zwei Wunder am Tag" gehört aber sicherlich zu den besonders bizarren Titeln darin. Die Single wurde als früher Vorbote bereits im April veröffentlicht. Es folgten drei weitere Auskopplungen, die ebenfalls aufhorchen ließen und stellvertretend für ein intensives, beachtliches Werk stehen.

Tristan Brusch ist der Inbegriff des komischen Kauzes. Ein Sonderling, ein merkwürdiger Zeitgenosse, der mit seinen teils skurrilen Beobachtungen wahlweise Kopfschütteln oder amüsierte Bewunderung hervorruft. Auf seinem Album beschäftigt er sich intensiv mit der Lächerlichkeit des Seins, seines eigenen und das seiner gehassliebten Mitmenschen, inklusive erkrankter Liebesbeziehungen. Das leicht verträumte "Der Abschaum" behandelt das Außenseiterdasein und erinnert musikalisch an Marlene Dietrich. Und tatsächlich sieht sich der Wahl-Berliner als die männliche Version dieser Ikone, wie man in seiner Insta-Bio nachlesen kann. Das Lied könnte man im Kosmos des Albums fast leichtfüßig nennen, folgen danach doch ziemlich schwere Brocken.

Der Titelsong "Am Rest" beschreibt anhand todtrauriger Bilder den Zerfall einer Beziehung, bei der sich die Gemeinsamkeit nur noch durch die vermeintlich glückliche Vergangenheit ausdrückt und darin, dass man weiß, wie der andere seinen Chai trinkt (zwei Zucker). Auch "Ein Wort" behandelt die Sprachlosigkeit und Enttäuschung, wenn alles gesagt ist, "So weit weg" unser aller zwanghafte Suche nach dem Glück und das Scheitern dabei. In "Schönleinstraße" wählt Brusch einen Obdachlosen als Erzähler, heimlich verliebt in die morgendliche Pendlerin und verzweifelt auf der Suche nach dieser einen letzten Chance, denn: "Mit mir ist doch nichts falsch, was bisschen Geld nicht richten kann." In "Krone der Schöpfung" packt der Sänger seine ganze Abscheu gegen unsere Spezies in die Zeilen, die plötzlich aufflammende Wut und der an Lost Highway erinnernde Free Jazz wirken beängstigend. Überhaupt muss man bei Brusch an den Rattenfänger von Hameln denken. Man weiß, dass es nicht gut ausgehen wird, aber man kann sich seinem Bann nicht entziehen und tappt blind ins Verderben. Er wählt für Gefühle die passenden Worte und wird dabei drastisch und ungemütlich, wenn er eine kranke Teenager-Liebesbeziehung in "SM Jugend" beschreibt: "Deine Haut konnt' manchmal jucken / Du hast gesagt jetzt helfen deine Klingen / Und ich wollte ficken / Süße Energie." Das Lied bildet den Auftakt einer schicksalhaften Begegnung. In "Einer liebt immer mehr" geht es um den aufziehenden Kontrollverlust, und das ganze Unglück kumuliert in "2006", der fast logischen Konsequenz einer selbstzerstörerischen Existenz. Am Ende geschieht nämlich selten ein Wunder: "2006 haben wir uns geküsst / Haben wir noch lange nicht gewusst, was wirklich wichtig ist / Und Du warst noch lange lange lange lang nicht tot."

Wer noch zweifelt, ob dieser Tristan Brusch ein ernstzunehmender Künstler ist, dem sei an dieser Stelle das dazugehörige Video empfohlen. Man kann kaum glauben, dass dieser Charakterkopf, diese optische Mischung aus Klaus Kinski und Lars Rudolph, nur 33 Lenze zählt und schon so viel bittere Lebenserfahrung verarbeiten muss. Ein bisschen was aus seiner Biografie teilt er noch mit uns im abschließenden "Platanenallee". Das Leben mit tourenden Musikereltern, die Streite in den vier Wänden, der jugendliche Ausbruch mit Zigaretten und Kleinem Feigling. Ganz und gar herbstlich ist dieser Soundtrack, wenn nicht sogar winterlich. Vielleicht sollten wir eine Winter-Playlist auflegen? Aber kein Druck, liebe Jenny.

(Andreas Rodach)

Bei Amazon bestellen / Preis prüfen für CD, Vinyl und Download
Bei JPC bestellen / Preis prüfen für CD und Vinyl

Bestellen bei Amazon / JPC

Highlights

  • Am Rest
  • Schönleinstraße
  • SM Jugend
  • 2006

Tracklist

  1. Zwei Wunder am Tag
  2. Der Abschaum
  3. Am Rest
  4. So weit weg
  5. Ein Wort
  6. Schönleinstraße
  7. Krone der Schöpfung
  8. SM Jugend
  9. Einer liebt immer mehr
  10. 2006
  11. Das Leben ist so schön

Gesamtspielzeit: 43:35 min.

Album/Rezension im Forum kommentieren (auch ohne Anmeldung möglich)

Einmal am Tag per Mail benachrichtigt werden über neue Beiträge in diesem Thread

Um Nachrichten zu posten, musst Du Dich hier einloggen.

Du bist noch nicht registriert? Das kannst Du hier schnell erledigen. Oder noch einfacher:

Du kannst auch hier eine Nachricht erfassen und erhältst dann in einem weiteren Schritt direkt die Möglichkeit, Dich zu registrieren.
Benutzername:
Deine Nachricht:
Forums-Thread ausklappen
(Neueste fünf Beiträge)
User Beitrag

Ina Simone Mautz

Postings: 5

Registriert seit 12.06.2013

2021-11-08 23:31:16 Uhr
Produziert hat Tim Tautorat (Hansa Studios).

Enrico Palazzo

Postings: 2218

Registriert seit 22.08.2019

2021-11-04 20:37:26 Uhr
Das ist schon ne ungewöhnliche und irgendwie zeitlose deutschsprachige Platte, so scheints mir. Könnte tatsächlich Top5 Material bei mir sein.

Wer hat das Ding denn so schön kratzig und weitläufig produziert?

novemberfliehen

Postings: 83

Registriert seit 13.06.2013

2021-11-04 19:28:31 Uhr
Als ich Zwei Wunder am Tag vor ungefähr einem halben Jahr erstmalig gehört habe, musste ich auch erst den Text nachschlagen und wurde bestätigt. Ehrlicherweise hat mich die Wahl etwas gestört und das Lied beschädigt bis kaputtgemacht. Mittlerweile bin ich mit der Wahl fein und verstehe auch die dahinterstehende Intention.

Sehr viele großartige Songs sowie auch ein oder der Song des Jahres.

Pascal

Mitglied der Plattentests.de-Chefredaktion

Postings: 651

Registriert seit 13.02.2013

2021-11-04 15:29:49 Uhr
Pascal, schlägst du jetzt ernsthaft vor, stattdessen lieber Übergewichtige zu diskreminieren?

Haha, ja, nee, natürlich nicht. Zum Glück gibt's das Wort "fett" auch in anderem Kontext als beim Gewicht. F**** aber nur in einem einzigen.

Mir geht es jetzt auch nicht drum, hier Wortklauberei zu betreiben. Aber es sticht hier halt klar aus dem Text raus. Wahrscheinlich hat Herr Brusch es genau deswegen so geschrieben, damit so ein Spießer wie ich sich darüber aufregt. In 10 Jahren wird er sich dann dafür schämen :D

Völlig abgesehen von dem Wort wird das Album voraussichtlich in meinen TOP-5 landen und ich hätte auch 8/10 gegeben.

Enrico Palazzo

Postings: 2218

Registriert seit 22.08.2019

2021-11-04 14:41:09 Uhr
@Pascal: Genauso empfinde ich das auch.
Zum kompletten Thread

Hinterlasse uns eine Nachricht, warum Du diesen Post melden möchtest.

Bestellen bei Amazon

Weitere Rezensionen im Plattentests.de-Archiv

Threads im Plattentests.de-Forum

Anhören bei Spotify