Grouper - Shade

Kranky / Cargo
VÖ: 22.10.2021
Unsere Bewertung: 8/10
Eure Ø-Bewertung: 7/10

Konturen im Nebel
Mysteriös, introvertiert, zaghaft, fragil, nebulös – ein einhelliges Begriffsrepertoire umweht seit jeher jene Musik, die Liz Harris unter dem Alias Grouper veröffentlicht; es scheint verzweifelt ihrer atmosphärischen Unschärfe näherkommen zu wollen. Greifbar zu machen, was sich dem Zugriff entzieht: Das ist eben auch das wesentliche Charakteristikum dieser ästhetischen Erkundungen, die mit verwaschenen Ambient- und Drone-Flächen begannen und aus denen sich nach und nach zauberhafte Melodien herausschälten. Angefangen bei den bröckelnden Piano-Fantasien auf "Ruins" traten sie zuletzt immer stärker in den Vordergrund, vielleicht aber nirgends so umwerfend wie auf den zwei Songs der 2016er-EP "Paradise valley", die majestätisch in der Abendsonne funkelten, als bräuchte ihre Scheu nur das richtige Gegenlicht, um sich aufzulösen. "I'm clean now", sang Harris dort mit klarer Stimme und es fällt leicht, das auch als Emblem einer weiterreichenden Öffnung zu lesen. Nach dem etwas skizzenhaften "Grid points" knüpft Harris auf "Shade" an diese neu entdeckte Klarheit an, ohne auch nur einen Teil ihrer leisen Intensität aufzugeben.
Denn "Shade" ist – natürlich immer noch eingedenk der besonderen Handschrift seiner Urheberin – ein echtes Folk-Album geworden, dessen Stücke mehrheitlich von Harris' sacht angeschlagener oder sanft gezupfter Akustikgitarre geprägt werden. Schon die beiden Auskopplungen "Unclean mind" und "Ode to the blue" ließen das erahnen: ersteres mit seinen tiefschürfenden Gesangsharmonien, die eine Brücke zwischen My Bloody Valentine und Elliott Smith zu bauen scheinen, zweiteres mit skelettalen Gitarrenfiguren und einer Stimme, die so behutsam wispert und seufzt, als wollte sie das Unhörbare nicht verjagen: "I hear footsteps that aren't really there." Das noch recht diffuse Rauschen und Wabern des Openers "Followed the ocean" taucht in ein Wellenbad, das sich im weiteren Verlauf des Albums als der Ort entpuppen wird, an dem Harris sich ohne doppelten Boden und so verletzlich wie nie offenbaren darf.
"The way her hair falls" wiederholt wenige Zeilen ein ums andere Mal, muss seine Versuche jedoch immer dann abbrechen, wenn die emotionale Wucht stocken lässt, zu einer Fehlzündung führt: "There's only me to see something pretty inside the day / The way her hair falls." Wenn Harris im anschließenden "Promise" von der Anmut ihrer Geliebten überwältigt wird, dann liegt das aber gerade nicht an der Schönheit ihrer Augen und ihres Haars, die sich zu einem wiederkehrenden Motiv auf "Shade" entwickelt: "I know you take good care of me / And I like that." Bloß das Allerwesentlichste artikuliert sich noch in diesen Momenten, die den Weg zu einem doppelten Coming-Out bereiten: ästhetisch und persönlich. Die Ideen für die neun Songs des Albums seien im Laufe der letzten 15 Jahre entstanden, teilt Harris mit, doch wirkt seine Dramaturgie stets genau bedacht und abgestimmt.
Dazu gehört auch der Einschub des etwas ausgreifenderen "Disordered minds" in die Serie intimer Folk-Miniaturen. Verhalltes Gitarrenfeedback und ein verschütteter Schlagzeugtakt grundieren seine fünf Minuten, bis sich im weiteren Verlauf eine Spannung aufbaut, als hätte man einen Noise-Ausbruch in Watte gepackt. Und auch das Ende des Albums weitet den Blick und verlässt die ätherische Konzentration seiner Mitte. Die Chöre auf "Basement mix" erinnern an den Einfluss sakraler Musik auf vergangenen Grouper-Alben, während "Kelso (Blue sky)" beinahe heitere Schlussakkorde setzt. "Guess I'm halfway home / Can't wait to be there", erzählt Harris, Tauben gurren dezent im Hintergrund. Dann ergänzt sie: "Can't wait to be alone" – Groupers Alben haben schließlich immer von Zuständen des Uneindeutigen gehandelt. Der Himmel mag erfrischend blau sein, doch braucht es den Nebel, um die Schönheit eines klaren Tages zu begreifen.
Highlights
- Followed the ocean
- Unclean mind
- Disordered minds
- The way her hair falls
Tracklist
- Followed the ocean
- Unclean mind
- Ode to the blue
- Pale interior
- Disordered minds
- The way her hair falls
- Promise
- Basement mix
- Kelso (Blue sky)
Gesamtspielzeit: 34:59 min.
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Armin Plattentests.de-Chef Postings: 27966 Registriert seit 08.01.2012 |
2021-10-13 21:41:19 Uhr - Newsbeitrag
Frisch rezensiert.Meinungen? |
velvet cacoon Postings: 439 Registriert seit 31.08.2019 |
2021-07-29 16:37:46 Uhr
klingt voll nach My Bloody Valentine und natürlich klasse. |
Der Untergeher User und News-Scout Postings: 1874 Registriert seit 04.12.2015 |
2021-07-29 10:29:35 Uhr
Starker Song! Große Vorfreude. Folky Guitar Grouper gefällt mir sehr. |
Klaus Postings: 10264 Registriert seit 22.08.2019 |
2021-07-28 23:10:33 Uhr
VÖ 22.10.2021Erste Single, diesmal link zu Spotify: https://open.spotify.com/album/0F5AcvoQruGmx1MK0qOjkd?si=WURdHoFAQpGCCl9uZ7_6Tw&dl_branch=1 |
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Referenzen
Adrianne Lenker; Elliott Smith; Stars Of The Lid; Björk; JFDR; Mabe Fratti; Cassandra Jenkins; Demen; Helen; Visitor; Anna Von Hausswolff; Marissa Nadler; Noveller; Jefre Cantu-Ledesma; Birds Of Passage; Ekin Fil; Mirelle Wagner; Jenny Hval; (Sandy) Alex G; Brian Eno; My Bloody Valentine; Weyes Blood; Bill Callahan; Smog; Jason Molina; Julia Holter; Cat Power; Chelsea Wolfe; Julianna Barwick; Soap & Skin; Gazelle Twin; Emeralds; Slowdive; Cocteau Twins; Mirrorring; The Fun Years; Laurel Halo; Avey Tare; The Caretaker; Tim Hecker; William Basinski
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