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Badbadnotgood - Talk memory

Badbadnotgood- Talk memory

XL / Beggars
VÖ: 08.10.2021

Unsere Bewertung: 8/10

Eure Ø-Bewertung: 5/10

Resonanz statt Arroganz

Beim abenteuerlustigen Sampling von A Tribe Called Quest oder Gang Starr angefangen, hat die gegenseitige Befruchtung von Jazz und HipHop inzwischen eine beachtliche Geschichte, die derjenigen von Jazz und Rock munter nacheifert. Gerade in den letzten Jahren trat mit Flying Lotus und Thundercat eine Generation auf die Bildfläche, die aus komplexen Strukturen und treibenden Beats eine eigene Virtuosität entwickelt hat: Fusion einmal anders gedacht. Aus ebenjener Tradition stammen auch die Kanadier von Badbadnotgood, deren instrumentale Erkundungen sie ins Umfeld des Odd-Future-Kollektivs um Tyler, the Creator und Earl Sweatshirt spülten sowie Kollaborationen mit Kendrick Lamar oder Freddie Gibbs und ein ganzes Album mit Ghostface Killah einbrachten. Fünf Jahre sind vergangen, seitdem die nach dem Ausstieg von Pianist Matthew Tavares zum Trio geschrumpfte Gruppe letztmals ein Album unter eigenem Namen veröffentlichte, wie alle anderen davor trug es seinen Platz in der Reihe als Titel. Nicht nur damit ist jetzt Schluss: "Talk memory" präsentiert sich als Sammlung verschlungener, atmosphärischer Improvisationen, die lange reifen durften und den Fokus der Band merklich verschieben.

Wie schält sich Bedeutung aus dem Rauschen? Der neunminütige Opener "Signal from the noise" trägt diese Frage musikalisch aus, beginnt mit Störgeräuschen und dunkel-grollenden Klavierdissonanzen. Vorsichtig bildet sich ein schleppender Rhythmus heraus, die angezerrten Gitarren werden präsenter – nach Tavares' Ausstieg so etwas wie ein roter Faden auf "Talk memory" – und das melancholische Leitmotiv scheint erstmals durch. Nach knapp drei Minuten nimmt das Schlagzeug Fahrt auf, der Bass tanzt durch wilde Fusion-Soli, die Achterbahn rast los, bis im letzten Drittel das Ausgangsmotiv wiederkehrt und – von Bläserfetzen umflirrt – weiter erkundet wird. Die erodierende Tonqualität am Ende versenkt den Song wieder im Rauschen: eine beeindruckende Reise, ambitioniert und virtuos. Die Streicherwirbel des cineastischen "City of mirrors" lassen kurze Zeit später einen wesentlichen Protagonisten des Albums erstmals auftreten. Arthur Verocai, dessen feinsinnige Kompositionen zwischen Folk, Jazz und Bossa Nova in gewissen Kreisen längst Kultstatus genießen, zeichnet sich als Arrangeur auf einem Großteil der Platte verantwortlich. Über dem elegant synkopierten Schlagzeug und klaren Klavier wogen seine Kreationen mit nachdenklicher Schönheit.

Auch die folgenden Stücke gewinnen enorm durch Verocais Beiträge. Das wunderbare "Love proceeding" inszeniert seinen psychedelischen Chamber-Rock als Sommerglück und entschwebt überraschend eingängig der vorangegangenen Schwermut. Wenn die Streicher vorübergehend verstummen, nehmen Schlagzeug und Saxofon das als Anlass zu einem unbeschwert flirtenden, rhythmisch verspielten Duett. "Beside April", dessen minimalistisch-kühles Gitarrenmotiv immer wieder ins Wellental der Streicher zupft, bevor es sich zu einem ekstatischen Solo aufschwingt, bekommt sogar seine eigene Reprise, ganz im Bewusstsein seiner verführerischen Melodie. Klar im Vordergrund steht die meiste Zeit aber das Kollektiv, erst im Ensemblespiel wird für Badbadnotgood Virtuosität mehr als bloßer Selbstzweck. In dem Sinne machen Leland Whitty, Chester Hansen und Al Sow auch keinen Hehl daraus, zugänglich, greifbar sein zu wollen. Nur wenige Momente fahren die Abstraktion so hoch wie "Open channels", das seine auseinanderdriftenden Instrumente geradeso zusammenhält. Und so wundert es nicht, dass "Talk memory" mit einem bezaubernden Harfen-Outro von Gastmusikerin Brandee Younger endet: Wer die Harmonie gefunden hat, muss sie nicht grundlos brechen.

(Viktor Fritzenkötter)

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Highlights

  • Signal from the noise
  • Beside April
  • Love proceeding

Tracklist

  1. Signal from the noise
  2. Unfolding (Momentum 73)
  3. City of mirrors
  4. Beside April
  5. Love proceeding
  6. Open channels
  7. Timid, intimidating
  8. Beside April reprise
  9. Talk meaning

Gesamtspielzeit: 42:11 min.

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(Neueste fünf Beiträge)
User Beitrag

kingbritt

Postings: 4313

Registriert seit 31.08.2016

2021-10-21 08:53:57 Uhr
. . . ist da, 9/10:

Verdammt sympathisch. Liebevolle kaleidoskopische Reminiszenz an den Jazz. Sie lieben ihn. Manchmal etwas zu viel Geschmeichel und Streicher, aber verdammt sympathisch. Ok, schrieb ich schon.
Kommt in die top5 poll 2021.

Komisches CD Release. Kein Front-Booklet oder ähnliches. Nix. Und dann noch ein "D" bei der Innenschrift vergessen. Also "BABADNOTGOOD".

kingbritt

Postings: 4313

Registriert seit 31.08.2016

2021-10-19 17:02:55 Uhr

. . . kommt Morgen mit der Post. Freude.

Watchful_Eye

User

Postings: 2490

Registriert seit 13.06.2013

2021-10-19 16:37:37 Uhr
Starkes Album - hätte ich denen gar nicht zugetraut, muss ich gestehen. Sofern ich nichts verpasst habe, ist das im Rahmen des Bandkosmos ein runderneuerter Sound - und damit ein Bruch mit den Vorgängern, mit denen ich im Großen und Ganzen nicht so viel anfangen konnte: Jazziger, ausgereifter, dynamischer, ambitionierter und auch klanglich großartig. Die 8/10 unterschreibe ich.

kingbritt

Postings: 4313

Registriert seit 31.08.2016

2021-10-08 20:52:33 Uhr

. . . kenne die Kanadier noch von früher, verwursteln ungemein kreativ Genres zu ihrem eigenen Kosmos. Höre gerade rein und glaube werde ich auch durchhören.
Die angegebenen Referenzen sind mir da zu wage. The comet is comming, Roller Trio oder Alfa Mist vielleicht auch.

Armin

Plattentests.de-Chef

Postings: 21272

Registriert seit 08.01.2012

2021-10-06 19:23:54 Uhr - Newsbeitrag
Frisch rezensiert.

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