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Isolation Berlin - Geheimnis

Isolation Berlin- Geheimnis

Staatsakt / H'Art
VÖ: 08.10.2021

Unsere Bewertung: 8/10

Eure Ø-Bewertung: 6/10

Sagen, was ist

Äpfel mit Birnen zu vergleichen, das ist eigentlich gar nicht so abwegig. Erst recht nicht mehr, nachdem man auch in deutschen Supermärkten immer häufiger diese runde japanische Birnenart mit dem wahnsinnig niedlichen Namen Nashi findet. Das aber nur am Rande, soll es doch einzig als Rechtfertigung für die folgende Gegenüberstellung dienen. Also: Was ist der Unterschied zwischen The Screenshots und Isolation Berlin? Nun, zumindest haben beide Bands – erstere auf dem 2018er-Werk "Übergriff" und zweitere auf ihrem neuen Album "Geheimnis" – einen Song darüber geschrieben, wie ihr Verhältnis zur hierzulande beliebtesten Sportart ist. "Fußball ist cool" singen die Kölner, "Ich hasse Fußballspielen" die Berliner – und meinen am Ende doch irgendwie dasselbe. Vielleicht gibt es keine deutschsprachige Musikgruppe aus dem Indie-Spektrum, die ähnlich buchstäblich kommuniziert wie Isolation Berlin (und keine, die so ironisch, postironisch oder wie man das jetzt nennt, unterwegs ist wie The Screenshots). "Du hast mich nie geliebt" hieß der vielleicht beste Track des Debüts "Und aus den Wolken tropft die Zeit", "Vergeben heißt nicht vergessen" einer der besten auf "Vergifte Dich". Kein Blabla, kein Raum für Spekulationen, keine Verschlüsselung, nichts Implizites – wenn diese vier Typen ein Nachrichtenmagazin wären, dann am ehesten Der Spiegel, denn sie "sagen, was ist."

Ja, Isolation Berlin erzählen viel, aber dennoch noch lange nicht alles. Etwa im rotzig vorgetragenen, mit schepperndem Bass durch den Song stolpernden "Private Probleme". "Ich will nicht darüber reden", erklärt Sänger Tobias Bamborschke, bevor eine The-Strokes-Gitarre zum Tanz auffordert. Auch "Ich zieh mich zurück" handelt davon, nicht immer alles mit allen teilen zu wollen und einfach mal "alle Deppen" auszusperren. Im Walzer-Takt verkriecht sich der Sänger in sein Schneckenhaus, ein Glockenspiel und Streicher untermalen die Stimmung. Udo Jürgens swingt im Sarg, wenn die Band im letzten Drittel noch einmal aufspielt und Bamborschke seinen Vortrag intensiviert. Der sich vom Mystischen ins Groovige steigernde Titeltrack fordert dagegen konkret dazu auf, sein dunkelstes "Geheimnis" offenzulegen. Genau dasselbe geschieht auch in "Enfant terrible": Isolation Berlin berichten aus Sicht eines Mannes, dessen Männlichkeit toxischer kaum sein könnte – wobei unklar bleibt, ob Bamborschke nicht doch sich selbst meint, schließlich scheint der Protagonist ebenfalls ein Sänger auf Tournee zu sein. Da geht es um verbale wie körperliche Gewalt und schließlich lautet der zentrale Satz: "Ich werd' mich ändern / Werd' mich ändern irgendwann" – die Losung ist so explizit wie geläufig. Zwar sind die Geigen dabei nicht ganz so offensiv unterwegs, aber der Track hat durchaus etwas von The Verves "Bitter sweet symphony" – und das eben auch im inhaltlichen Sinne.

"Ein Ufo und ein Boy" begegnen sich im ohrwurmigen "(Ich will so sein wie) Nina Hagen". Wer braucht mehr als ein paar "pinke, grüne, lila, blaue, gelbe, rote Lichter" und einen tanzbaren Beat, um glücklich zu sein? Ähnlich verhält es sich mit der lustigen Orgel aus dem bereits erwähnten "Ich hasse Fußballspielen". Dabei ist dessen Geschichte durchaus tragisch: Papa schärft dem Buben ein, dass Weinen ihn zum Opfer machen täte, und obgleich der Sohnemann fortan Härte simuliert, muss er eine ganz bittere Pille schlucken: "Kein Schwein wählt mich in sein Team." Sein infantiles Gemüt tut sich schwer, damit umzugehen. So kulminieren seine Erfahrungen in den Zeilen: "Ich wünschte alle wären tot / Oder wenigstens ein bisschen netter." Da fühlt man mit und hofft auf Heilung dieser kindlichen Seele. Wird die Kränkung jedoch chronisch und eine Person nimmt beim Versuch der Schmerzbehandlung die falschen Ausfahrten, wird es kritisch. "Irgendwann raste ich aus / Und dann lacht keiner mehr", singt Bamborschke in "Stimme Kopf" und man denkt direkt an den 20-jährigen Alexander W., der wenige Tage vor Veröffentlichung dieser Rezension von einem "Querdenker" an einer Tankstelle ermordet wurde, weil dieser keine Maske tragen und "ein Zeichen" gegen die Corona-Regeln der Regierung setzen wollte. Hier wurde eine neue Schwelle der Unfassbarkeit überschritten und doch ist es die logische Folge einer zunehmenden Radikalisierung, die in unserer Gesellschaft seit langem schwelt – so bitter es auch ist, das einzugestehen. Dieses permanente Aufwiegeln durch Parteien und Medien aus dem rechten Spektrum führt letztlich dazu, dass so manche*r nur noch darauf wartet, dass es knallt: "Da ist 'ne Faust in meiner Tasche / Die will da endlich raus", fassen es Isolation Berlin zusammen. Genau an einer Stelle wie dieser ist die geschilderte Buchstäblichkeit der Gruppe das beste Mittel zur Verständlichmachung, damit alle begreifen, was abgeht, bevor es zu spät ist.

Ähnlich anschaulich schließt sich "Klage einer Sünderin" an, das nachempfindbar auffächert, wie sich eine Person fühlen muss, die ihrer Schuld überführt wurde und sie wahrhaftig erkennt: "Wie ein Fieber durchströmt die Angst meine Glieder", heißt es da im Angesicht der Sühne. Fortan wird die Stimmung nur noch bedrückender und "Geheimnis" geht mit zwei ruhiger inszenierten Stücken zu Ende. "Von einem der hier sitzt und Bleistifte spitzt" ist eines der musikalischen Highlights von "Geheimnis", weil der Rhythmus die Dringlichkeit des Inhalts niemals ununtermauert lässt und weil Bamborschke mit seinem Gesang – vor allem in der zweiten Hälfte des Titels – eine markerschütternde Atmopshäre erzeugt. "Enfant perdu" setzt zu guter (oder schlechter) Letzt einen Punkt hinter alle Befürchtungen: Das "Enfant terrible" vom Beginn des Albums ist endgültig verloren. "Sing mir noch mal das alte Lied", und dann sag zum Abschied leise Servus – ein Bye Bye wie es auch ein Peter Alexander nicht schnulziger dargeboten hätte, allerdings knietief im Moll verwurzelt. Damit schließt sich der Kreis eines sehr runden Albums, das nicht nur mit seinen Einzelstücken (und vielen Ohrwürmern) überzeugt, sondern auch eine in sich geschlossene Story erzählt, die man, wäre sie ein Film, in das Genre Dramedy einordnen würde, weil sie Lachen und Weinen würdig verpartnert. Eine Geschichte, die empathisch kommuniziert, aber ihre Kanten auch dann nicht glättet, wenn sie sich zuspitzen. Dazu passt, dass sich das musikalische Setting im Vergleich zu den Vorgängern insgesamt etwas zurückgenommener darstellt. Die Riffs fehlen mehr oder weniger ganz, denn die Motive sind hier vorwiegend sprachlicher Natur – das ist ja schließlich auch das Spezialgebiet von Isolation Berlin.

(Pascal Bremmer)

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Highlights

  • (Ich will so sein wie) Nina Hagen
  • Private Probleme
  • Ich hasse Fußballspielen
  • Stimme Kopf
  • Von einem der hier sitzt und Bleistifte spitzt

Tracklist

  1. Am Ende zählst nur Du
  2. Enfant terrible
  3. Geheimnis
  4. (Ich will so sein wie) Nina Hagen
  5. Private Probleme
  6. Ich zieh mich zurück
  7. Ich hasse Fußballspielen
  8. Stimme Kopf
  9. Klage einer Sünderin
  10. Von einem der hier sitzt und Bleistifte spitzt
  11. Enfant perdu

Gesamtspielzeit: 44:55 min.

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(Neueste fünf Beiträge)
User Beitrag

MM13

Postings: 2053

Registriert seit 13.06.2013

2021-10-10 09:13:05 Uhr
zu recht album der woche, noch besser als erwartet, freu ich mich jetzt schon darauf sie live zu sehen.

Perfect Day

Postings: 387

Registriert seit 18.01.2014

2021-10-09 09:30:27 Uhr
Ich war tatsächlich auch sehr positiv überrascht. Gefiel mir auf Anhieb… wenn mich das zu einer Trantüte macht, dann kann ich damit leben :-)

Sick

Postings: 170

Registriert seit 14.06.2013

2021-10-09 01:33:21 Uhr
Trantütig?? Schläfrig? Hören wir dasselbe Album? Ich versteh kein Wort.
Ich weiß nur:
Was ein geiles Teil. Diese herbstliche Düsternis, die dir den Arsch retten kann. Manchmal. Vielleicht.
Ganz toll. 9/10.

Sheesh

Postings: 42

Registriert seit 27.09.2021

2021-10-09 01:19:19 Uhr
Auf Albumlänge nicht etragbar. Also alles wie immer.

Pole

Postings: 31

Registriert seit 03.11.2018

2021-10-08 17:55:12 Uhr
"Stimme Kopf", natürlich.
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