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Sincere Engineer - Bless my psyche

Sincere Engineer- Bless my psyche

Hopeless / Soulfood
VÖ: 10.09.2021

Unsere Bewertung: 8/10

Eure Ø-Bewertung: 3/10

Bless my punkrock

"Eigentlich höre ich ja kaum noch Punkrock." Klar, keine bahnbrechende Erkenntnis, aber ein Satz, der sich über all die Jahre sehr viel tiefer im eigenen Alltag vergraben hat, als man es auf den ersten Blick für möglich gehalten hat. Zwischenzeitlich hoch gehandelte Bands wie Modern Baseball, Sorority Noise, The Hotelier oder frühe The Gaslight Anthem finden nur noch zu ausgewählten Zeitpunkten den Weg auf den Plattenteller, alte Helden wie Lagwagon, NOFX oder Bad Religion kann man kaum noch hören, ohne an Nostalgie und Patina zu denken (und sich zu fragen, wie lange die alten Recken das eigentlich noch durchziehen möchten), und wenn man ehrlich ist, will man mit dem Gros der einstigen Hörgewohnheiten gar nicht mehr so viel zu tun haben inzwischen. Ganz zu schweigen von den Massen an gesichtslosen Acts, die aktuell durch das Genre stolpern und sich nicht mal zu schade sind, Beef mit Corey Taylor zu starten. Joa.

So viel zur Bestandsaufnahme. Die ist im Fall von Sincere Engineer übrigens wichtig. Weil es sie in all der stumpfen, langweiligen, klebrigen Drei-Akkord-Standardsauce vom Schachtelwirt eben doch immer wieder gibt, die seltenen Kleinode aus Melodie, Leidenschaft und Powerchords. Und ja klar: Sincere Engineer – übrigens eigentlich das Singer/Songwriter-Projekt der Chicagoerin Deanna Belos, das längst zu einer vollwertigen Band angewachsen ist – haben mit dem wundervoll betitelten "Bless my psyche" genau ein solches geschaffen. Das mag all diejenigen nicht wirklich überraschen, die schon beim Vorgänger "Rhombithian" hellhörig geworden sind, trifft aber doch jeden unvorbereitet und mitten ins (Punkrock-)Herz. Weil man den Bewegungsdrang des Openers "Trust me", der kurz über das eigene Schlagzeug stolpert, dann aber auf direktestem Wege zur Sache kommt, dankbar aufnimmt und spätestens beim mantraartigen "I need help!" des Refrains aller schlechten Laune des Textes zum Trotz in der Luft steht. Ob man das nun Indie-Punk oder Punkrock oder sonstwas nennt? Völlig egal, so viel Freude hat man jedenfalls nicht alle Tage daran.

Nur warum eigentlich? Was macht Belos so viel anders als so viele ihrer Mitstreiter*innen? Nun, da wäre zum einen die Wandelbarkeit: "Tourniquet" bringt das recht schön auf den Punkt, wenn es sich innerhalb von zwei Minuten gleich mehrmals neu erfindet und zum Schluss einfach die Atmosphäre setzt, die das folgende "Out of reach" bestmöglich in Szene setzt. Oder "Recluse in the making", das die Sache mit dem Uptempo für ein paar Minuten mal sein lässt, ein bisschen mit Beatschnipseln herumspielt, in erster Linie aber mitsamt seiner zentralen Basslinie musikalisch so sehr in sich ruht, dass man kurzzeitig die Hoffnung hat, John K. Samson persönlich würde dem Song einen Besuch abstatten. Es passt zu "Bless my psyche", dass im Anschluss "Hurricane of misery" den Faden dort aufnimmt, wo ihn der Opener liegen gelassen hat und dabei kurioserweise zwischendurch an Jupiter Jones' "Kopf hoch & Arsch in den Sattel" erinnert.

Das eigentlich Faszinierende an diesem Zweitling ist aber, dass Belos es irgendwie schafft, all diese Hakenschläge und Sinneswandel nicht nur halbwegs unter Kontrolle zu behalten, sondern ein Album daraus formt, das in sich schlüssiger kaum sein könnte. Alles greift ineinander – so sehr, dass man in der ersten Albumhälfte kaum mitbekommt, wann ein Song endet und der nächste beginnt – auf "Bless my psyche". Weil Belos dankenswerterweise darauf verzichtet, ihre Songs auf Hitpotenzial zu trimmen und stattdessen die kleinen Hooks, in die man sich irgendwann unweigerlich verguckt, überall verstreut. Und hey: Sogar der etwas generisch an den Schluss gesetzte Titeltrack funktioniert als Rausschmeißer mit seiner Akustikgitarre. Wer mit ein bisschen grob, aber behände geschnitzten Dreiminütern nichts anfangen kann, wird hier natürlich trotzdem nicht glücklich. Alle anderen bekommen Melodie, Leidenschaft, Powerchords und sogar ein bisschen Tiefgang. Danke dafür!

(Martin Smeets)

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Highlights

  • Trust me
  • Out of reach
  • Recluse in the making
  • Coming in last

Tracklist

  1. Trust me
  2. Tourniquet
  3. Out of reach
  4. Recluse in the making
  5. Hurricane of misery
  6. Gone for so long
  7. Come out for a spell
  8. Dry socket
  9. Coming in last
  10. Dragged across the finish line

Gesamtspielzeit: 30:30 min.

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User Beitrag

Yndi

Postings: 64

Registriert seit 23.01.2017

2021-10-05 15:53:35 Uhr
Gefällt schon ganz gut, aber der Sound nutzt sich auch schnell ab.

Armin

Plattentests.de-Chef

Postings: 21272

Registriert seit 08.01.2012

2021-09-29 20:01:27 Uhr - Newsbeitrag
Frisch rezensiert.

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