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Nigh/T\mare - Katharsis

Nigh/T\mare- Katharsis

Thrènes
VÖ: 10.09.2021

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 8/10

Böses Erwachen

Für alle Freunde der Nachtruhe und Leser von Plattentests.de die gute Nachricht zuerst: Wer schläft, kündigt nicht, und umfassendes musikalisches Wissen ist das beste Ruhekissen. Genau andersherum verhält es sich mit Hypnagogie. Dieser Bewusstseinszustand während des Einschlafens geht mit Halluzinationen und manchmal auch mit Lähmungserscheinungen einher, was für die Betroffenen zur extremen psychischen Belastung werden kann. Auch Giuseppe Sciretti litt unter diesen Symptomen, wodurch sich der Name seines Projektes Nigh/Tmare samt verzogener Schreibweise erklärt – bereits die 2018er-EP "Hypnagogia" und Stücke wie "At war with my self" sprachen diesbezüglich Bände. Oder vielmehr: drohten und polterten, wie es sich für die Drum-gewaltige und mit unheilvollen Atmosphären aufgeladene Spielart des Deep Techno gehört, die der Italiener auf seinem ersten Longplayer abfackelt. Immerhin: Einschlafen wird in dieser oft im Tribal-Modus donnernden knappen Stunde bestimmt niemand.

Glaubt man dem Titel, hat Sciretti seine Hypnagogie inzwischen zwar überwunden – was allerdings nicht heißt, dass es auf "Katharsis" versöhnlich zuginge. Im Gegenteil: Die Albträume, die durch seine Musik geistern, sind so greifbar, weil es sich um die gleichen handelt, die man täglich nach dem Aufwachen erlebt. Selbst der sich maßvoll, wenn auch grollend anschleichende Opener "Impure" bekommt gegen Ende beim Remix des finsteren Kapuzen-Norwegers Pact Infernal im wahrsten Sinne des Wortes sein Fett weg: Bässe braten, die Beats überschlagen sich atemlos, der Leibhaftige schwingt klirrend das Klistier-Besteck. Das wahre Grauen jedoch lauert in der Realität: "Anti Balaka" heißt nicht nur ein besonders brachialer Track, der sich durch muskulösen Percussion-Overdrive und Sequenzer-Salven zu gequälten Schreien hervortut, sondern auch eine bis an die Zähne bewaffnete Miliz in Zentralafrika, die im Verdacht steht, ethnische Säuberungen durchzuführen. Tanz mit Schrecken, solange Du noch kannst.

Nicht einmal das höhnisch benannte "Unarmed", aus einem ambienten Paralleluniversum mit "Carmina Burana"-Familienanschluss herübergebeamt, sorgt für nennenswerte Erleichterung: Zu massiv zündet das synthetische Trommelfeuer aus Scirettis Maschinen, zu unwirsch bohren sich das Würgeengel-Schlagwerk von "Unavoidable unveiling" oder der industrielle Gewaltmarsch "Doomed to struggle" in Gehörgänge und (Unter-)Bewusstsein. Da hauen sogar Test Dept. vorübergehend leiser auf ihre Öltonnen, und auch die Geräusch-Zuckungen von Richie Hawtins Alias F.U.S.E. oder die Fanfaren aus den bösesten Momenten von The Klinik stürzen immer wieder ins Bodenlose. Die Vocals von Lair oder dem Post-Punk-Marokkaner Prophän hätte es im Grunde gar nicht gebraucht – schrecklich schön war's doch. Aber Achtung: Bei genauerem Hinsehen scheint die geschundene Gestalt auf dem Cover kurz vorm Aufrappeln zu sein, und am Ende des Tunnels erscheint so etwas wie ein Licht. Hoffnung etwa?

(Thomas Pilgrim)

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Highlights

  • Anti Balaka
  • Unavoidable unveiling
  • Doomed to struggle (feat. Prophän)

Tracklist

  1. Impure
  2. Self immolation
  3. Anti Balaka
  4. Unarmed
  5. Unavoidable unveiling
  6. Doomed to struggle (feat. Prophän)
  7. The summoning (feat. Lair)
  8. The path of the moans
  9. Impure (Pact Infernal remix)
  10. The summoning (feat. Lair) (Torn Relics remix)

Gesamtspielzeit: 56:52 min.

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