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The Body And Big | Brave - Leaving none but small birds

The Body And Big | Brave- Leaving none but small birds

Thrill Jockey / Indigo
VÖ: 01.10.2021

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 5/10

Grab und Schändung

Geteiltes Leid ist halbes Leid. Ein Klischee, das für The Body dennoch von Interesse sein dürfte. Chip King, eine Hälfte des Duos, kann nämlich mit der Miene eines freundlichen Zausel-Teddys herumlaufen, wie er will: Ein Album wie "I've seen all I need to see" ließe sich in seiner seelischen und akustischen Zerrüttung alleine wohl kaum schultern. Angewidert brutzelnde Sludge-Gitarren, die auch Power Electronics sein könnten, industrielles Grundrauschen, gepeinigte Vocals, die heiser aus dem hintersten Kellerverlies an die Oberfläche dringen – ziemlich puh, ziemlich großartig. Im Umkehrschluss gilt aber auch: Geteilter Krach ist doppelter Krach. Das steht spätestens fest, seit es The Body auf gemeinsamen Platten mit Full Of Hell, Thou oder Uniform noch eine Spur härter trieben und zum Beispiel Leonard Cohens "The butcher" weniger coverten denn entstellten.

Nächste Kooperationspartner: die Kanadier Big | Brave, auf deren metallischem Brocken "Vital" die Stille zwischen den Lärmwällen genauso wichtig war wie die sich zäh vorwärtswälzenden Song-Monolithen. Wie frühe Swans mit Jarboe als Lead-Sängerin, nur hinterhältiger. Mithin alles in geregelten Bahnen, möchte man meinen – hätten sich King und sein Kollege Lee Buford für "Leaving none but small birds" nicht ihrer Wurzeln im appalachisch geprägten Folk-Rock erinnert. Big | Brave-Frontfrau Robin Wattie sammelte dazu Text- und Melodiefragmente aus stilistisch passenden Traditionals – vornehmlich aus solchen, die von ausgestoßenen, geschändeten und auf Rache sinnenden Existenzen handeln. Denn offenbar können The Body und Big | Brave gar nicht anders, als in ihrer Musik permanent das Eschaton zu immanentisieren. Und sei es nur das persönliche.

Folglich bringen die Vögelchen, die durchs farbenfrohe Artwork und durch die Stücke flattern, alles andere als gute Kunde. Allen voran die "Blackest crow" aus dem wunderbaren Opener, der sich zu Piano, unruhiger Rhythmusgruppe und Bordun-Grundierung langsam entblättert, bis ein Geigenmotiv aufbegehrt und Wattie in höchsten Tönen und tiefster Verzweiflung von unerfüllbarer Liebe erzählt. Auch "Polly Gosford", aus dessen Text sich "Leaving none but small birds" den Titel borgt, bleibt nicht mehr als ein Piepmatz am Grab der Protagonistin, der ein ruchloser Angetrauter samt Kind den Garaus gemacht hat. Entsprechend zornig stampfen The Body und Big | Brave mit dem Swamp-Rock-Fuß auf – eine schauerliche Geschichte, kurz, knackig, zwingend. Und zuvor wusste schon das vergleichbar gepolte "Once I had a sweetheart": Früher oder später bricht jedes Herz.

Trotzdem nehmen sich auch diese lauteren Passagen gegen das sonstige, malmelnde Schaffen der Beteiligten ausgesprochen harmonisch aus. Doch es geht noch zurückhaltender, wiewohl nicht weniger intensiv: Das akustische Klagelied "Black is the colour" besteht beinahe aus nichts als einer Mandolinen-Miniatur, während Wattie einen beschwörenden Choral absingt, und in "Hard times" hilft oft nur eine längliche Moritat aus grellen Drones und windschiefem Saitenwerk. Vor allem Kings und Bufords ruinöse Grobheiten bleiben hier weitgehend außen vor, wären angesichts aller musikalischen Rückgriffe und individuellen Leidenswege aber auch gründlich fehl am Platze. Nur die Ruhe also, wenn Euch eine Taube auf den Kopf scheißt – seid lieber froh, dass er noch auf den Schultern sitzt. So kann man wenigstens dieses tolle Album hören.

(Thomas Pilgrim)

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Highlights

  • Blackest crow
  • Polly Gosford

Tracklist

  1. Blackest crow
  2. Oh sinner
  3. Hard times
  4. Once I had a sweetheart
  5. Black is the colour
  6. Polly Gosford
  7. Babes in the woods

Gesamtspielzeit: 38:25 min.

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(Neueste fünf Beiträge)
User Beitrag

ƒennegk

Postings: 306

Registriert seit 07.11.2019

2021-10-02 15:15:11 Uhr
Spannung steigt und ist ebenso da wie mein Exemplar, aber zum Lausch komme ich erst werktags; nach dem famosen "Vital" vor ein paar Monaten bin ich schon arg angefixt, auch wenn - vielleicht auch gerade weil - die Kollaboration sicherlich andere Haken springt.

SammyJankis

Postings: 99

Registriert seit 03.02.2020

2021-10-01 21:30:04 Uhr
Hab auch etwas komplett anderes erwartet aber wurde gut unterhalten

Klaus

Postings: 3818

Registriert seit 22.08.2019

2021-10-01 21:27:51 Uhr
Hab alles mögliche erwartet, aber nicht das, was es ist. Vielleicht ist der Vergleich Quatsch, weil keine Ahnung vom Genre, aber das klingt nach einer depri-Version der Decemberists.

Der Untergeher

User und News-Scout

Postings: 1652

Registriert seit 04.12.2015

2021-09-29 22:58:40 Uhr
Ich mich auch. Die Singles erinnern mich in der Tat an Swans zu White Light From the Mouth of Infinity-Zeiten. Dekonstruierter Folk Rock der repetitiven Sorte. Watties Stimme in einem derangierten Folk-Kontext trifft bei mir genau ins Schwarze.

Randwer

Postings: 1828

Registriert seit 14.05.2014

2021-09-29 21:12:52 Uhr
Geil. Ich freu mich drauf.
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