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Matthew E. White - K Bay

Matthew E. White- K Bay

Spacebomb / Domino / GoodToGo
VÖ: 10.09.2021

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 8/10

Eklektisches Exil

Wer bloß einen oberflächlichen Blick auf die Diskografie Matthew E. Whites wirft, könnte den Mann schnell für einen Faulpelz halten. In knapp zehn Jahren nur drei Alben? Omar Rodríguez-López schafft das vorm Frühstück. Doch tatsächlich ist Whites To-Do-Liste zumeist mindestens genauso lang wie seine Haarpracht. In den sechs Jahren Pause nach "Fresh blood" produzierte und arrangierte der Chef des Spacebomb-Labels unter anderem für Natalie Prass oder Foxygen, nahm zwei Kollabo-Werke mit Flo Morrissey respektive Lonnie Holley auf und zog nebenbei noch Kensington Bay, kurz "K Bay", hoch – sein eigenes Heim-Studio und der Namenspate für seine dritte Solo-Platte. Die spielte er zwar nicht ausschließlich an jenem Ort ein, doch als Symbol einer neuen Ungebundenheit passt der Titel perfekt. Nicht nur in der Aufmachung Spacebombs mit Haus-Band und Vintage-Equipment, auch in seinem ganz eigenen Schaffen erwies sich der in Virginia ansässige Künstler stets als großer Konservator US-amerikanischer Musiktraditionen der Sechziger und Siebziger. Nie zuvor waren seine Einflüsse jedoch so vielfältig wie auf "K Bay", das Memphis-Soul, Orchester-Pop, Funk, Gospel-Rock, Disco und vieles mehr zu einem schillernden Cocktail vermengt.

Und zwar einen, bei dem das gedankenlose Runterkippen mindestens genauso viel Spaß macht, wie seine Zutaten auszuklamüsern. Nach den atonalen Jazz-Fusion-Ausflügen von "Broken mirror: A selfie reflection" agiert White wieder deutlich zugänglicher, doch was er von jenem Projekt mit Holley mitgenommen hat, ist der ständige Vorwärtsdrang. Der Opener "Genuine hesitation" scheint sich nur kurz im Xylofon-Dickicht zu verirren, ehe er mit fetten Synth-Bässen und agiler Gitarre seinen zum New Wave schielenden Puls findet. "Nested" wirft ein paar bekloppte "Yeah yeah yeah"-Samples in seinen Classic-Rock-Groove, während "Electric" einen Proto-HipHop-Beat mit einem Piano straight aus den "Exile on Main St."-Sessions kollidieren lässt. Seine wie immer vielschichtigen Arrangements nutzt White in dieser ersten Albumhälfte nicht als Ornamente feinfühligen Songwritings, sondern fokussiert stets den klaren, druckvollen Rhythmus – der samtene Hüftschwinger "Let's ball" würde trotz gelegentlicher Kurzschlüsse sogar als verschollenes Outtake von Kool & The Gang durchgehen. Einzig "Take your time (and find that orange to squeeze)" ist schwieriger zu fassen: Eine elektronisch manipulierte Soundtrack-Ouvertüre ebnet einem Stück stickigen Zeitlupen-R'n'Bs im Geiste D'Angelos den Weg, das im weiteren Verlauf noch drölfmal die Richtung wechselt.

Damit brilliert jener Track mit der Unvorhersehbarkeit und der melodischen Komponente, die den umliegenden Stücken noch etwas abgehen, dafür aber die zweite Hälfte von "K Bay" auszeichnen. "Only in America / When the curtains of the night are peeled back" stellt Whites markanten Bariton zum ersten Mal in den Vordergrund, verglüht nach anfänglicher Eleganz in einem Sternenhaufen zwischen minimalistischer Big Band und Ambient. Der sonst eher abstrakte Texter geht hier mit den Verbrechen seines Heimatlands ins Gericht, nennt Namen von Opfern rassistischer Gewalt, die nie in Vergessenheit geraten dürfen. Die Leichtigkeit ist kurz darauf aber wieder da, wenn "Never had it better" einen luftdicht verschlossenen Groove mit ausladenden Streichern kombiniert und "Shine a light for me" eine leise-hymnische Akustikballade anstimmt. Dazwischen klingt "Judy" mit seinem Kraut-Disco-Beat und dem choral unterstützt in die Tasten gehämmerten Refrain so, als hätte man LCD Soundsystem, die Beach Boys und Elton John zusammen in ein Studio gesperrt. Nimmt man dann noch den großartig schwelgerischen Closer "Hedged in darkness" dazu, in dem Bläser und verzerrte Saiten zur perfekten Einheit verschmelzen, weiß man gewiss: Mit "K Bay" hat sich White nicht nur ein materielles, sondern auch ein künstlerisches Exil gebaut. In knapp zehn Jahren nur drei Alben? Wen juckt's, solange man Ideen aus dem Bart schüttelt, die für dreimal so viele reichen?

(Marvin Tyczkowski)

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Highlights

  • Take your time (and find that orange to squeeze)
  • Never had it better
  • Judy
  • Hedged in darkness

Tracklist

  1. Genuine hesitation
  2. Electric
  3. Nested
  4. Take your time (and find that orange to squeeze)
  5. Let's ball
  6. Fell like an ax
  7. Only in America / When the curtains of the night are peeled back (feat. Joseph "JoJo" Clarke)
  8. Never had it better
  9. Judy
  10. Shine a light for me
  11. Hedged in darkness

Gesamtspielzeit: 57:41 min.

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Armin

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2021-09-23 20:00:02 Uhr - Newsbeitrag
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