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Lil Nas X - Montero

Lil Nas X- Montero

Columbia / Sony
VÖ: 17.09.2021

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 4/10

True colors

Es hätte dieses Album wahrlich nicht gebraucht. Lil Nas X kam aus dem Nichts und platzierte seine twangende, trappende Single "Old town road" geschichtsträchtige 19 Wochen an der Spitze der US-Charts. In einer Diskussion, ob der Track denn genug Country für Country-Hitlisten sei, schlug sich Billy Ray "Achy breaky heart" Cyrus per Remix auf die Seite des aus Georgia stammenden Rappers. Die Nachfolgesingle "Panini" wurde überraschend ein weiterer kleiner Hit. Dann kam das Outing. Das völlig over-the-top geschossene Video zu "Montero (Call me by your name)" zeigte nicht nur Haut und Homoerotik, sondern ließ sich auf ein sinnliches Spiel mit dem leibhaftigen Teufel ein. In den Staaten regten sich die Leute auf, bei denen man etwas richtig macht, wenn sie sich aufregen – die anderen bescherten dem heute 22-Jährigen einen zweiten Nummer-eins-Hit. Wie gesagt: Das hätte auch ohne Album eine Weile so weiter gehen können.

"Montero", die Platte, die es nun doch geworden ist, trägt wie die Single den echten Vornamen von Lil Nas X stolz als Titel. Das ist gleichermaßen selbstbewusste Standortbestimmung wie ehrliche Reflexion. Lil Nas X denkt gar nicht daran, sein offen schwules Auftreten um ein Jota zu verbiegen, inszeniert sich auf dem Cover als nackter Halbgott des opulenten Kitsches, was die Instrumentierung an jeder Ecke unterstreicht. Fanfaren und Trompeten, Geigen, Gitarren in jeglicher Ausführung – "Montero" schöpft aus dem Vollen. Lil Nas X singt und rappt gleichermaßen und wischt zugleich sämtliche Bedenken vom Tisch, er könne es auf Langstrecke nicht, was man anhand der unentschlossenen, halbgaren EP "7" noch vermuten musste. Ein One-Hit-Wonder war er schon im letzten Jahr nicht mehr. Sein Debütalbum zeigt, dass er gewillt ist, sich festzubeißen.

Das unterstreicht allein schon die dickbackig trompetende Single "Industry baby", die wie so viele der Songs fest im Ohr sitzen bleibt und den Unkenrufern entgegenskandiert: "Funny how you said it was the end / Then I went, did it again" – was fast klingt wie: "Then I went and it went gayer." Zufall, keine Frage. Genau wie die Tatsache, dass sich "Thats what I want" durch die langgezogene Forderung nach "someone to looove me" gerade genug von Olivia Rodrigos Poppunker "Good 4 u" unterscheidet, dessen Momentum jedoch clever reitet. Das zugehörige Video gibt sich mit den schwulen Sexszenen noch einmal freizügiger als die Vorgänger. Da lassen sich auch die Gäste von Doja Cat über Jack Harlow bis Megan Thee Stallion nicht lumpen, aber niemand hier stiehlt Montero Hill die Show, wenn er einem Zeilen wie "I ain't talkin' guns when I ask where your dick at" gut gelaunt um die Ohren wirft.

Doch "Montero" zeigt vor allem eine nachdenklichere, offene Seite. Das enttäuschte "Dead right now" ist da nur die Spitze des Eisbergs, wenn später das großartige "Lost in the citadel" sich ins Drama hineinsteigert: "Tell me are you finished now? / 'Cause every time you leave, you find a way to come back around." Elton John gastiert am Piano im verdammt eingängigen "One of me", welches sich aus den Augen der Kritiker ätzt: "I don't see you lasting long and that's just being honest / Even your album okay, it's floppin', that's a promise." Die schöne Geige im Outro von "Tales of Dominica" täuscht nicht über die tiefschürfenden Suizidgedanken im folgenden "Sun goes down" hinweg. "I wanna run away / Don't wanna lie, I don't want a life / Send me a gun and I'll see the sun", singt Lil Nas X, doch er versinkt nicht im Selbstmitleid: "There's much more to life than dying." Keine komplexen Gedichte, aber in ihrer Direktheit ergreifender, als man es erwartet von einem, der bis vor kurzem noch als Meme verlacht wurde.

Wenn das ausladende "Void" seine flankierenden Geigen dynamisch einsetzt, ist der Name Frank Ocean endgültig nicht mehr weit. Natürlich ist "Montero" kein "Blonde", aber dafür ist Lil Nas X mit seinem Händchen für Hooks und kompakte Hits viel näher dran, schwarze Queerness in die Ohren aller Haushalte zu bringen. Dass ein fideles "Dont want it" die Stimmung im Sequencing gegen Ende etwas zu sehr aufbricht, ist geschenkt. Bis zu "Life after Salem", das mit einer tiefergepitchten, verzerrten Gitarre überrascht, und Miley Cyrus, die im zarten "Am I dreaming" ihrem Vater in die Feature-Fußstapfen folgt, landet "Montero" fast nur Treffer. Es beweist, dass Lil Nas X viel mehr als eine bunte Eintagsfliege ist und zurecht nun einer der größten Popstars des Planeten. Da sind noch einige "horses in the back", fürwahr.

(Felix Heinecker)

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Highlights

  • Industry baby (feat. Jack Harlow)
  • One of me (feat. Elton John)
  • Lost in the citadel
  • Void

Tracklist

  1. Montero (Call me by your name)
  2. Dead right now
  3. Industry baby (feat. Jack Harlow)
  4. Thats what I want
  5. The art of realization
  6. Scoop (feat. Doja Cat)
  7. One of me (feat. Elton John)
  8. Lost in the citadel
  9. Dolla sign slime (feat. Megan Thee Stallion)
  10. Tales of Dominica
  11. Sun goes down
  12. Void
  13. Dont want it
  14. Life after Salem
  15. Am I dreaming (feat. Miley Cyrus)

Gesamtspielzeit: 41:17 min.

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(Neueste fünf Beiträge)
User Beitrag

Francois

Postings: 169

Registriert seit 26.11.2019

2021-09-30 16:42:14 Uhr
überrascht mich sehr positiv - dieses Country Cover dagegen ist grottig

Earl Grey

Postings: 277

Registriert seit 14.06.2013

2021-09-25 02:52:32 Uhr
8/10

Armin

Plattentests.de-Chef

Postings: 21187

Registriert seit 08.01.2012

2021-09-23 19:59:01 Uhr - Newsbeitrag
Frisch rezensiert.

Meinungen?

Klaus

Postings: 3771

Registriert seit 22.08.2019

2021-09-23 19:09:54 Uhr
Hab die Tage auch mal reingehört. Ist musikalisch nicht meine Baustelle. Überhaupt nicht.

Aber was er dort macht, wie er so explizite Texte und Videos (!) verwendet, ist krass und bekommt meinen höchsten Respekt.

MopedTobias (Marvin)

Mitglied der Plattentests.de-Schlussredaktion

Postings: 17616

Registriert seit 10.09.2013

2021-09-23 18:44:02 Uhr
Hätte ehrlich gesagt nicht gedacht, dass er es auch auf Albumlänge kann, aber das hier macht echt richtig Spaß. Abwechslungsreich produzierte, lebendige Pop-Rap-Platte, dagegen wirkt die neue Drake noch schläfriger als ohnehin schon.
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