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Kacey Musgraves - Star-crossed

Kacey Musgraves- Star-crossed

Interscope / Universal
VÖ: 10.09.2021

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 5/10

Die Nacht ist gekommen

"Stand by your man", sang Tammy Wynette 1968, obwohl sie früher im selben Jahr schon das andere mögliche Ende einer Ehe ausbuchstabierte: "D-I-V-O-R-C-E". Die Dialektik von Liebesglück und -schmerz kennt vielleicht kein Genre so gut wie der Country. Es ist ein trauriger Treppenwitz, dass nicht einmal eine seiner progressiveren Vertreterinnen von dieser persönlichen Erfahrung verschont blieb. "Golden hour", Kacey Musgraves' Grammy-prämiertes Referenzwerk, war noch inspiriert von den Gefühlen einer frischen Heirat – ein paar Jahre später kam die Scheidung und der Nachfolger "Star-crossed" reiht sich in die lose Blutlinie sogenannter "Trennungsalben" ein. Die texanische Songwriterin stand trotz stilistischer Aufbohrungen nie auf dem Kriegsfuß mit dem Country, rüttelte seinen Konservatismus aber bereits mit dem LGBTQ-Support ihres Debüts "Same trailer, different park" gehörig auf. Nun scheint sie zum ersten Mal voll in der Tradition aufzugehen.

Tatsächlich spielt Musgraves aber mit den Erwartungen des Boulevard-Publikums, die sie gleichzeitig bedient wie unterläuft. Inspiriert von der griechischen Tragödienstruktur und begleitet von einem 50-minütigen Film macht "Star-crossed" die private Krise zum öffentlichen Theater. "Let me set the scene / Two lovers ripped right at the seams", erklärt der eröffnende Titeltrack, den Synthies und Chöre aus seiner einsamen Flamenco-Gitarren-Prärie in den Kosmos hinausschießen. Ein mächtiger Opener, doch es tut dem Album als Ganzes gut, dass es sich danach wieder zurückzieht, den Fokus auf Alltagsdetails und Introspektion einengt. In "Camera roll" wird das Scrollen durch Fotos besserer Zeiten zur emotionalen Folter, während "Hookup scene" mit dem Wiedereinstieg ins Datingleben hadert. Beide sind ihrer Intimität entsprechend kleine Akustikstücke, ähnlich wie "Angel", das seine Selbstverbesserungsfantasien mit einem Donnergrollen quittiert. Auch "If this was a movie.." ergeht sich in einem "Was wäre, wenn?"-Szenario, gefasst in einen düster-atmosphärischen, beinah TripHop-artigen Groove.

Doch Realitätsflucht ist nicht die einzige Art, wie Musgraves mit ihrem Beziehungsende umgeht – "Healing doesn't happen in a straight line", weiß ja auch die Ohrwurm-Single "Justified". Mit einem leicht psychedelischen Retro-Soul-Vibe beklagt "Good wife", nicht in die klassische Ehefrauenrolle gepasst zu haben, allerdings eher mit Bedauern als mit Protest. Angriffslustiger gerät "Breadwinner", dessen Zuckerwatten-Funk einen salzigen Beigeschmack erhält, wenn es als einziger Song direkt gegen den Ex giftet – oder vielleicht auch generell gegen einen Typus von Mann, der nicht damit klarkommt, wenn die Partnerin die nicht nur finanziell dominantere Rolle einnimmt: "He wants your shimmer / To make him feel bigger / Until he starts feeling insecure." Das Schlussdrittel der Platte bietet dahingegen mit dem stampfenden Lagerfeuerlied "Keep lookin' up" und dem Neunziger-Pop-Rocker "What doesn't kill me" zwei Nummern, die ihr Empowerment bereits im Titel tragen.

In dieser erzählerischen Klarheit, die aus vermeintlichen Klischees persönliche Wahrheiten spinnt, ist die 33-Jährige immer noch tief im Country verwurzelt. Musikalisch hat ihr minimalistischer Folk-Pop damit nur noch wenig zu tun – bis auf ein paar verhallende Akzente im sphärischen "Easier said" bleibt etwa das Banjo hier komplett stumm. "Star-crossed" öffnet sich stilistisch also noch etwas mehr als sein Vorgänger und das mit vollem Erfolg. Das im Herbstwind tänzelnde "Cherry blossom" ist ein lupenreiner Hit mit einer japanischen Koto-Melodie im Refrain, die auch im folgenden "Simple times" noch ihre Spuren hinterlässt. Ganz am Ende gibt es noch zwei waschechte Überraschungen: zum einen das absolute Album-Highlight "There is a light", ein euphorisches Stück Freiluft-Disco mit einer völlig entfesselten Jazz-Flöte, zum anderen "Gracias a la vida" – ein auf Spanisch gesungenes Cover der Chilenin Violeta Parra, seltsam entrückt durch eine Palette unterschiedlicher Stimmverfremdungen. Auch, wenn sie oberflächlich der erwartbaren Struktur einer Trennungsplatte folgt, hält sich die immer eigenwillige Kacey Musgraves natürlich nicht penibel ans Skript.

(Marvin Tyczkowski)

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Highlights

  • Star-crossed
  • Good wife
  • Cherry blossom
  • There is a light

Tracklist

  1. Star-crossed
  2. Good wife
  3. Cherry blossom
  4. Simple times
  5. If this was a movie..
  6. Justified
  7. Angel
  8. Breadwinner
  9. Camera roll
  10. Easier said
  11. Hookup scene
  12. Keep lookin' up
  13. What doesn't kill me
  14. There is a light
  15. Gracias a la vida

Gesamtspielzeit: 47:41 min.

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(Neueste fünf Beiträge)
User Beitrag

Saschek

Postings: 102

Registriert seit 23.07.2018

2021-10-13 18:38:49 Uhr
Doch. Das "growed" ganz ordentlich. Nach ersten Berührungsängsten, schält sich richtig gute Musik heraus. Von ein, zwei Aussetzern abgesehen. Der Titelsong ist irgendwie unglücklich und kein guter Herold der darauf folgenden, mitunter geräumig schimmernden Songs. Da hätte ich das Album beim ersten Reinhören auch am liebsten wieder gelöscht.

Vennart

Postings: 691

Registriert seit 24.03.2014

2021-09-26 20:49:37 Uhr
Nach der tollen "Golden Hour" für mich leider eine ziemliche Enttäuschung.
Das ist mir inzwischen zu sehr amerikanischer Standard-Kaufhauscountry und obwohl die Songs schnell ins Ohr gehen, bleibt nichts im Ohr drinnen. Wo sind die ganzen unwiderstehlichen Hooks und das gute Songwriting geblieben?

Armin

Plattentests.de-Chef

Postings: 21187

Registriert seit 08.01.2012

2021-09-23 19:59:28 Uhr - Newsbeitrag
Frisch rezensiert.

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