Dazerdoreal - Hard disc to hell

Dazerdoreal- Hard disc to hell

Nois-O-lution / EFA
VÖ: 05.05.2000

Unsere Bewertung: 9/10

Eure Ø-Bewertung: 7/10

Zwischen Festplatten und Röhrenverstärkern

Es gibt sie doch noch, die Platten aus deutschen Landen, die den Rezensenten mit offenem Mund zurücklassen. "Hard disc to hell" von der Koblenzer Band Dazerdoreal ist so ein Fall. Die Unverkrampftheit, mit der sich die vier Jungs, von denen zwei übrigens auch bei der Band Blackmail ihr Scherflein zur Weiterentwicklung des in Deutschland leider recht eingeschränkten Begriffes Pop beitragen, zwischen die Stühle setzen, ist beeindruckend. Der große Schrank der populären Musik der letzten dreißig Jahre wird geplündert und in der Dazerdorealschen Soundküche zu etwas ganz eigenem verbraten. TripHop, Postrock, Electronica, Alternative Rock, House - dies ist "the best of all worlds" und dies gleich mit dem Debütalbum. Wow!

Dabei fängt es doch alles fast gemütlich an. "Amber" hebt mit einem verschwebtem Beat ab und unter der einfühlsamen Stimme Aydo Abays wird ein Stück subtilsten Pops auf die Ohren der Zuhörerschaft losgelassen. "And everywhere I rush to see / There's a monster by my side / I didn't see it growing strong / Now even I cannot hide". Dieses Monster, das sich langsam aber sicher der Beine des Rezensenten bemächtigt und beginnt, den ganzen Körper zu assimilieren, blubbert, groovt und rockt, daß es eine Freude ist. Nostalgiker werden Krautrock rufen wollen, aber verkopften Konstrukteuren wie Can oder Neokrautern wie Mouse On Mars haben Dazerdoreal eins voraus: den Mut zum Song.

Die Soundflächen, auf denen diese Songs nach vorne gebracht werden, sind liebevoll zusammengestellt. In "Contro epilessia" bleebt und knistert es plötzlich, als wären wir bei Underworld im Studio. In seiner mantra-artigen Struktur dient dieser Song hervorragend zum frühmorgendlichen Chill out nach einer durchtanzten Nacht. Während die einschmeichelnde und doch melancholische Stimme Abays, die teilweise an Placebos Brian Molko erinnert, von Höhepunkt zu Höhepunkt schwebt, gibt sich das Instrumentarium die Hand und scheißt auf Konventionelles. Auf den flächigen Baßtönen von "Zen kaya", zu dem demnächst ein Remix von Killer Loop ansteht, nimmt sich schließlich auch die Gitarre ihr Recht und zeigt, daß statt eines Katz-und-Maus-Spielchens oder Hau-drauf-Plattheiten à la Rammstein auch eine homogene Mischung zwischen Rock und Elektronik möglich ist.

Mit "Lost in phase", einer Geschichte über einen verhinderten Amoklauf in Unterwäsche, dem sich langsam zu einem röhrenden Tanzflächenfeger steigernden "Bugwhipping cream" und der finsteren, enttäuschte Hoffnungen beschreibenden Hymne an die Abtreibungspille "RU 486", folgen weitere beeindruckende Highlights. Eigentlich ist es aber müßig, einzelne Tracks hervorzuheben, denn hier liegt eine geschlossene Mannschaftsleistung vor. Verschrobene Soundscapes und vertrackte Beats stehen neben handgemachten Soundmonolithen. Ähnlich wie die Weilheimer Poperneuerer von The Notwist verstehen Dazerdoreal es, dem Hörer unterbewußt Jazziges unterzuschieben, ohne daß dieser gleich an verrauchte Tanzcafés, sondern eher an verschwitzte Zappelbuden denkt. Düster, bedrohlich und doch größtenteils relaxt macht sich die Musik im Raum breit. Mit geschlossenen Augen aber offenen Ohren wirken diese Klänge fast schon bewußtseinserweiternd. Aufpassen! Hier kommt Großes auf uns zu.

(Oliver Ding)

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Highlights

  • Amber
  • Contro epilessia
  • Bugwhipping cream

Tracklist

  1. Amber
  2. Can't afford Betty Ford
  3. Contro epilessia
  4. Zen kaya
  5. Pigtrash
  6. Midye
  7. Lost in phase
  8. Bugwhipping cream
  9. Zetlander
  10. RU 486
  11. Apocalyptic happiness
  12. Wirehead

Gesamtspielzeit: 55:31 min.

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