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Badchieff - Chieff loves you

Badchieff- Chieff loves you

Truworks / Sony
VÖ: 10.09.2021

Unsere Bewertung: 6/10

Eure Ø-Bewertung: 4/10

Liebe macht zwar krank, aber ist schon okay

Bereits vor diesem Debütalbum galt Badchieff als einer der interessantesten neuen Namen im deutschen HipHop. Schon als Teenager bewies sich der Gröbenzeller zunächst in Münchner Clubs als HipHop-DJ, wenig später folgten Gigs in unter anderem New York, Paris oder Sydney. Doch damit nicht genug, denn der inzwischen 21-Jährige ist auch als Produzent und Rapper verdammt talentiert, ein erster Anhaltspunkt dafür erschien 2019 mit der viel beachteten EP "1999.jpg", auf die es überwiegend positive Reaktionen gab. Grund genug für Cro, immerhin einer der kommerziell erfolgreichsten Akteure im HipHop hierzulande, Badchieff letztes Jahr unter Vertrag zu nehmen. Und nun darf sich der deutsche HipHop endlich mal wieder über ein Debütalbum freuen, das hält, was es verspricht, den Klang der Zeit trifft, aber gleichzeitig nicht austauschbar klingt. Chieff liebt uns, so der LP-Titel, die Szene erwidert diese Liebe mit Vergnügen, und auch an diesem Album gibt es viel Liebenswertes.

So beschreibt er in den ersten Zeilen im Intro die letzten Jahre, wie es ist, mit 15 in einem Club aufzulegen, beim Abi nicht dabeizusein, weil man gerade in Los Angeles einen Gig hat und zu Hause erstmal der Mutter beim Abwasch hilft. Vielleicht nicht unbedingt aus jedermanns Alltag, aber doch sympathisch. Weiter geht es mit "Fine", einem gediegenen Flirt-Song mit verspieltem Beat, auf dem Badchieff eine Kostprobe seines angenehmen Flows präsentiert. In der Hook reimt Badchieff seinen Künstlernamen auf 'verliebt' und verfestigt damit das Leitthema auf dem Album. Entsprechend geht es auf "Bodyguard", wozu im April ein Musikvideo erschien, mit der Liebe zwar lyrisch weiter, doch dieser Track ist tiefer, behandelt Sehnsüchte und Liebesbeweise und arbeitet mit bildhaften Metaphern – als Single-Auskopplung im Vorfeld also durchaus geeignet. Erst der nächste Track bricht etwas mit der Stimmung, textlich wird es bei "Normal" zwar etwas lockerer und zusammenhangsloser, dafür überzeugt der Song musikalisch mit Vielfältigkeit: LoFi-Elemente zu Beginn und Piano-Sample in der Hook, nicht zu viel und nicht zu wenig genutzte Adlips – und vor allem die starke Basslinie harmoniert mit eingängigen Drums. Daraufhin gibt es mit "Lights out" einen kleinen Dämpfer, der Song ist schwer einzuordnen zwischen tanzbar, düster-romantisch und hedonistisch. Auch weil der zunächst gewöhnungsbedürftige Sample-Loop den gesamten Track begleitet, wirkt dieser etwas schwächer.

Aber: Das schmälert ein bis dahin sehr souveränes Debüt nicht, im Gegenteil, denn es folgt mit "Replay" das Glanzstück des Albums. Hier wurde wirklich viel richtig gemacht, allein weil zwischen Badchieff und der Berlinerin Yecca eine hervorragende Harmonie herrscht, beide ergänzen sich stimmlich und flowen gekonnt um die Wette auf einem warmen, stimmungshebenden Beat, der Lust auf Urlaub macht. Mit einem charmanten "Deine Liebe macht zwar krank, aber ist schon okay" wird die Hook abgerundet, womit der Vibe des Albums gut einfangen wird, Leichtigkeit und Optimismus auch bei Widrigkeit, ob nun äußere oder innere.

Nun folgt ein starker Stimmungswechsel mit "God bless", hier ist die Liebe gar kein Thema, dafür gibt es zahlreiche durchaus gelungene popkulturelle Referenzen (von Mario Kart über Scarface, Dagobert Duck und Pamela Reif). Labelboss Cro gibt sich zudem die Ehre mit einem unerwartet rauen Part einsilbiger Reime, was aber völlig okay ist, denn beide Rapper wissen, wie man Flow benutzt, um einen ohnehin starken Beat wie diesen zu einem waschechten Ohrwurm zu erweitern. An die melancholischen Ansätze knüpft das "Gedanken Interlude" an, worauf Badchieff einige seiner Gedanken auf einem ruhigen wie unauffälligen Beat schildert. Etwas schade, dass auf dem Track mit am meisten Tiefgang und Selbstreflexion gleichzeitig "Insta-Hoes" oder eine "Bitch aus Singapur" erwähnt werden, was gerade hier einfach nicht gut passt und Badchieff eigentlich solche Schlagworte zuvor nicht nötig hatte. Ärgerlich, denn dieses Zwischenspiel ist an sich sehr gut, weil ehrlich und persönlich.

Ab diesem Punkt wird das Album experimenteller, eingeleitet mit einem nächsten Highlight: "Offline" klingt mächtig, denn der Bass vibriert, fast perfektes Timing bei Pausen, Tempo und den verwendeten Instrumentals, welche munter wechseln. Die Rap-Strophe weiß zu gefallen, noch mehr jedoch sein melodischer Singsang, dabei stört es nicht mal, dass die Lyrics stellenweise unverständlich klingen und vom Autotune verschluckt werden. Musikalisch ärgert das allerdings kaum, höchstens jene, die Rap hauptsächlich wegen Texten hören. Ähnlich ist es auf "Ella", hier ist teilweise die Hook unverständlich und irgendwie scheint zumindest inhaltlich eine rote Linie zu fehlen. Das wird aber in erster Linie durch den hervorragenden Part der Berlinerin Babyjoy mindestens ausgeglichen, sie beginnt dabei auf Deutsch, endet mit Französisch und klingt auf beiden Seiten großartig. Der Songtitel ergibt sich auf dem Part von Tym, welcher zum Schluss übernimmt und dabei für einige Sekunde einen gewissen Welterfolg von Rihanna aus 2007 mit einem durchaus hörenswerten 'Ella Ella eh' neu interpretiert. Wer nun "Sorry not sorry" vorher noch nicht kannte, darf sich auf ein angenehmes Crossover mit niemand geringerem als der Magdeburger Band Tokio Hotel freuen. Wenn richtig gemacht, dann können Rap und Rock wunderbar nebeneinander auf einem Track harmonieren, das ist auch hier gelungen. Hervorzuheben ist dabei, wie Badchieff auch auf diesem schwierig zu rappenden Beat jeden Tag trifft, seinen Flow variieren lässt und genau die richtige Balance zwischen Reimzeilen und dem Gesang von Bill Kaulitz findet.

Das Outro verwendet ein entspannendes Gitarren-Sample, dazu einige Drums und Claps. Das passt gut zum Albumabschluss, denn in diesem Album steckt mehr, als man denkt. Es sind nicht nur die beiden prominenten Feature-Parts, Badchieffs Talent im Produzieren und Rappen, nein, hier steckt einfach Liebe drin, wie der Name schon sagt. Keiner der gepickten Beats ist langweilig, jeder Track ist mit Leben gefüllt, und es mangelt (was man deutschem Rap ja gerne mal vorwirft) überhaupt nicht an Melodien, im Gegenteil. "Chieff loves you" ist besser als ein gewöhnliches Debütalbum, Liebe zur Musik im Allgemeinen trifft auf hungrige Rap-Lust, auf moderne Elemente des HipHop und unbestreitbare Tanzbarkeit. Als kleinere Schwächen sind maximal die fehlende lyrische Tiefe (an manchen Stellen mehr, an manchen weniger), die manchmal ausufernde Autotune-Verwendung und die größtenteils ein- bis zweisilbige Reimstruktur zu nennen. Doch das ist alles verkraftbar und auf einem Erstalbum eines Musikers, welcher ohnehin für R'n'B und Club-Sound offener ist als klassische Boom-Bap-Rapper es je sein werden, definitiv nichts Ungewöhnliches. Für dieses Album verdient Badchieff einiges an Liebe aus der Szene. Denn guten HipHop muss man lieben, zwar kann diese ewige Szene-Debatte zwischen Oldschool und dem oft benannten modernen Zeitgeist auf Dauer auch krank machen, aber ist schon okay.

(Maximilian Baran)

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Highlights

  • Normal
  • Replay (feat. Yecca)
  • Offline
  • Ella (feat. Babyjoy & Tym)

Tracklist

  1. Intro
  2. Fine
  3. Bodyguard
  4. Normal
  5. Lights out
  6. Replay (feat. Yecca)
  7. God bless (feat. Cro)
  8. Keine Lovesongs
  9. Gedanken Interlude
  10. Offline
  11. Ella (feat. Babyjoy & Tym)
  12. Sorry not sorry (feat. Tokio Hotel)
  13. 94 (Outro)

Gesamtspielzeit: 32:08 min.

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Armin

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2021-09-23 19:57:20 Uhr - Newsbeitrag
Frisch rezensiert.

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