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Sneaker Pimps - Squaring the circle

Sneaker Pimps- Squaring the circle

Unfall
VÖ: 10.09.2021

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 7/10

Träume umarmen

Machen wir uns nichts vor: Nach über zweieinhalb Jahrzehnten schmeckt, pardon riecht TripHop schon ein wenig komisch. Wird man ja wohl noch sagen dürfen. Auch wenn Formulierungen aus dem Reich der Nahrungsaufnahme auf Plattentests.de inzwischen längst verpönt sind, was womöglich auch an dieser Rezension liegen könnte. Das in die Jahre gekommene Genre spielte für Sneaker Pimps jedoch allenfalls in ihren Anfangstagen eine Rolle. Und für Frontmann Chris Corner und die Glam- und Bewältigungs-Elektronik seines überaus erfolgreichen Alter Egos IAMX praktisch gar nicht: Im Grunde befand er sich bereits 1996 auf dem Sneaker-Pimps-Debüt "Becoming X" auf dem Weg dorthin. Da kann es schon mal 19 Jahre dauern, bis der Nachfolger von "Bloodsport" im Kasten ist – und sich auf verhältnismäßig leisen Sohlen anschleicht.

Viel los ist auf dem Comeback mit dem eher geschmacksneutralen Titel "Squaring the circle" trotzdem – nicht nur hinsichtlich der Spielzeit von über einer Stunde. Dabei reißen die Vorabsingles "Fighter" und "Alibis" als zurückgenommene Pop-Rumpler keine Bäume aus, funktionieren aber prächtig, um mit Simonne Jones die erste Vokalistin bei den Briten seit Kelly Ali vom Erstling einzuführen. Geblieben sind visionär wabernde Schwaden aus dem Synthie und gepeinigte Bekenntnis-Lyrics mit gelegentlichem schiefen Humor, weitgehend raus fliegt der 2002 in Stücken wie "Kiro TV" noch präsente, patzige Elektro-Rock. Umso mehr macht "Immaculate hearts" emotionale Verwerfungen mit ähnlich großer Geste greifbar wie das Meisterwerk "Splinter", durch das traumhafte "No show" perlen Piano-Tropfen und zweistimmiger Gesang – bange Umarmungen in Musik.

Doch anders als bei IAMX ist Schmerzensmensch Corner samt seiner weit ausholenden Melodieseligkeit lediglich Teil der Veranstaltung, wiewohl ein entscheidender. Die amerikanische Wahlberlinerin Jones bestreitet "Black rain" oder "Lifeline" mit ebenbürtiger stimmlicher Eleganz, Kollege Liam Howe implantiert dem vorzüglichen "Child in the dark" eine wurmartige Sequenz und baut "So far gone" oder "Tranquility trap" um so satte Grooves herum, dass TripHop gar kein Argument mehr ist, sobald die Pumpe erst einmal im Sneaker-Pimps-Rhythmus arbeitet. Dem steifen Uptempo von "Stripes" verpasst er hingegen ein pulsierendes EBM-Gewand, während das halbakustische "SOS" wirkt, als würden Nine Inch Nails Johnny Cash covern. Vergleiche mit lebenden und verstorbenen Musikern also nicht ausgeschlossen – hier aber auch gar nicht nötig.

All das ist durchdrungen von einer Tiefenschärfe, die "Squaring the circle" auch über die Länge von 67 Minuten mühelos trägt – ungeachtet Corners etwas zu selbstverliebter Extravaganz in "Paper room" und einiger weniger Kaugummi-Parts. Die sind nämlich spätestens vergessen, wenn "Come like the cure" hymnisch von Erlösung kundet – zugegebenermaßen in reinster IAMX-Manier. Ein Name, der auch ganz zum Schluss fallen muss, denn wer sich beim sanften Schwebezustand des Titelstücks nicht zum strahlenden "The alternative"-Closer "This will make you love again" zurücksehnt, hat vermutlich noch nie eine Träne vor dem Plattenspieler vergossen. Vielleicht kann man einem Album, das man sich vor allem erfühlen muss, gar kein besseres Kompliment machen. Außer, dass es nun wirklich nicht an eine gewisse Spielart von gestern erinnert. Wie hieß sie noch gleich?

(Thomas Pilgrim)

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Highlights

  • Child in the dark
  • Immaculate hearts
  • No show
  • Stripes
  • Come like the cure

Tracklist

  1. Fighter
  2. Child in the dark
  3. Alibis
  4. So far gone
  5. Immaculate hearts
  6. No show
  7. Tranquility trap
  8. SOS
  9. Stripes
  10. Paper room
  11. Black rain
  12. Love me stupid
  13. Lifeline
  14. Pink noise
  15. Come like the cure
  16. Squaring the circle

Gesamtspielzeit: 67:36 min.

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User Beitrag

Armin

Plattentests.de-Chef

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Registriert seit 08.01.2012

2021-09-15 20:25:43 Uhr - Newsbeitrag
Frisch rezensiert.

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