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Philipp Poisel - Neon

Philipp Poisel- Neon

Grönland / Rough Trade
VÖ: 17.09.2021

Unsere Bewertung: 6/10

Eure Ø-Bewertung: 5/10

Kleine Brötchen backen

Vermutlich hatte auch Philipp Poisel irgendwann die Nase voll vom "Land of the free" jenseits des Atlantiks, das auf seiner letzten Platte "Mein Amerika" noch als verheißungsvoller Sehnsuchtsort herhalten musste. Ob es nun an den allgemein bekannten politischen Ärgernissen oder an einer simplen Übersättigung durch akute Entdeckungslust liegt, bleibt sein Geheimnis. Fest steht jedoch, dass "Neon", die mittlerweile fünfte Platte des 38-Jährigen, den endlosen Horizonten des Heartlands absagt und sich stattdessen auf das Wesentlichste konzentriert: Es geht wieder hinein in die eigenen vier Wände des Herzens. Raus aus der Weltstadt, zurück in die deutsche Provinz. Irgendwie heimisch, irgendwie schön. Und doch bieten die namensgebenden Neonröhren abseits ihrer grellen und schrillen Fassade auch reichlich düstere Abgründe zum (Wieder-)Entdecken. Zeit also, sich erneut der gepflegten Melancholie und dem süßen Herzschmerz hinzugeben.

Denn auch auf "Neon" wird deutlich, dass Poisel nach wie vor mindestens eine Liga über einigen Kolleg*innen aus der Welt des Deutschpop agiert, mit denen er gerne mal assoziiert wird. "Alles an Dir glänzt" gefällt als herrlich unaufgeregter, aber dennoch flotter Opener, der es sich erlaubt, ganz nonchalant der unschuldigen Liebe zu frönen. "Durch Regen und Schnee / Und das finstere Tal / Will ich Dich tragen / Ohne die Fragen des Lebens zu stellen." Ein schönes Sentiment, das die Kirche zumindest für kurze Zeit mal im Dorf lässt und das Leben für eine kleine, feine Momentaufnahme ausblendet. Ernster wird es im von Endzeitgedanken geprägten "Was von uns bleibt", das sich vor träumerischer Klangkulisse mit der drohenden Klimakatastrophe auseinandersetzt – verletzlich fragend, aber niemals hoffnungslos befasst sich der gebürtige Ludwisgsburger mit dem, was da auf die Menschheit zukommen wird, wenn niemand aufpasst. Einzelne textliche Plattitüden macht die tolle Produktion hier jederzeit wieder wett. Ähnliches gilt für "Wie viele Sommer", dessen druckvolle Instrumentierung zum Finale einen stürmischen Ausbruch wagt – im Albumkontext eher die Ausnahme.

Was durchaus schade ist, denn aller Sympathien zum Trotz muss sich Poisel den Vorwurf gefallen lassen, hin und wieder ein bisschen zu stark in Richtung Beliebigkeit abzudriften. Nun erwartet selbstverständlich niemand eine wilde Rock-Orgie von ihm, aber dennoch hätte ein wenig mehr Abwechslung oder eine weniger sterile Produktion dem einen oder anderen Track gutgetan. "Alt und grau" beispielsweise nähert sich als romantische Pianoballade mit obligatorischem Streicher-Einsatz bedrohlich dem Kitsch an, während Songs wie "Wunder" oder "Auge des Sturms" ziemlich belanglos vorbeiziehen und kaum bleibenden Eindruck hinterlassen. Immerhin serviert Poisel seinen Fans zum Abschluss mit "Keiner kann sagen" noch ein fluffiges Kleinod, das sich weniger bedeutungsschwanger und mehr nach vorne gerichtet gibt. Er ist und bleibt eben ein Guter, auch wenn man sich trotz aller Introspektive eine etwas aufregendere Reise gewünscht hätte. Muss ja nicht gleich über den Atlantik sein.

(Hendrik Müller)

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Highlights

  • Alles an Dir glänzt
  • Was von uns bleibt
  • Wie viele Sommer

Tracklist

  1. Alles an Dir glänzt
  2. Alt und grau
  3. Was von uns bleibt
  4. Wunder
  5. Immer wenn einer
  6. Auge des Sturms
  7. Benzin
  8. Wie viele Sommer
  9. 10 Gründe
  10. Zu weit
  11. Das Glück der anderen Leute
  12. Keiner kann sagen

Gesamtspielzeit: 49:14 min.

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(Neueste fünf Beiträge)
User Beitrag

Armin

Plattentests.de-Chef

Postings: 21014

Registriert seit 08.01.2012

2021-09-15 20:25:18 Uhr - Newsbeitrag
Frisch rezensiert.

Meinungen?

Mr Oh so

Postings: 1839

Registriert seit 13.06.2013

2021-08-23 17:55:20 Uhr
Stimmt, »Neon« ist ein Meilenstein der Fantasie. Allerdings ist es hell im Zentrum, dann aber tastet sich das Licht dieses Albums immer wieder in diffus scheinenden Ausläufern gen Dunkelheit.
Da kann man schon mal die Orientierung verlieren.

Autotomate

Postings: 3537

Registriert seit 25.10.2014

2021-08-23 17:35:59 Uhr
Ich glaube DU irrst dich, Oh so. Denn wozu braucht er einen Kompass um "gefühlt" Nähe und Intimität zu erzeugen, wenn ihm seine Phantasie erlaubt, sich in andere Sphären zu bewegen?

Mr Oh so

Postings: 1839

Registriert seit 13.06.2013

2021-08-23 12:18:28 Uhr
Klaus

Dsa ist doch aus einem Random-Wortegenerator :D



Da irrst Du Dich. Sein Kompass war schon immer sein Bauchgefühl. So erzeugt Philipp Poisel mit seiner Musik Nähe und Intimität.

sizeofanocean

Postings: 788

Registriert seit 27.01.2020

2021-08-23 11:09:14 Uhr
von den Pseudo-Befindlichkeitsfixierten ist er einfach der Schlimmste
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