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Drake - Certified lover boy

Drake- Certified lover boy

OVO / Republic / Universal
VÖ: 03.09.2021

Unsere Bewertung: 4/10

Eure Ø-Bewertung: 4/10

Don Juan auf Valium

Der Beef zwischen Drake und Kanye West nimmt langsam absurde Züge an. Jetzt veröffentlichen die beiden zerstrittenen Ex-Kollaborateure auch noch ihre mehr oder weniger heiß erwarteten neuen Alben mit nur wenigen Tagen Abstand zueinander und scheinen sich darum zu battlen, wer mehr Tracks und mutmaßliche Sexualstraftäter darauf packen kann. "Ye" gewinnt in beiden Kategorien, doch auch Aubrey Graham lässt sich mit 86 Minuten Laufzeit und einem humorlos platzierten R.-Kelly-Sample in "TSU" nicht lumpen. Wer nach den angedeuteten Vaterschaftsreflexionen von "Scorpion" darauf hoffte, das fleischgewordene Fuckboy-Meme sei endlich erwachsen geworden, irrt sich. Stattdessen protzt Drake immer noch mit Verkaufsrekorden, pinkelt auf die Sandburgen seiner Rap-Kollegen und beklagt die Oberflächlichkeit und Kurzlebigkeit seiner Beziehungen, während er seine Platte "Certified lover boy" nennt und das Cover aus Emojis schwangerer Frauen zusammensetzt.

Nun können natürlich auch unsympathische Menschen gute Musik machen, die man vorurteilsfrei als solche bezeichnen sollte, doch auch künstlerisch hat der kanadische Weltstar nicht mehr viel zu sagen. Dabei fängt es vielversprechend an: "Champagne poetry" überführt ein Chipmunk-Sample des Beatles-Songs "Michelle" in einen zerhackten Soul-Beat, den "Papi's home" auf ähnlich inspirierte Weise weiterspinnt. Sieht man von pubertären Fremdscham-Zeilen wie "Say you a lesbian, girl me too" ab, fügt sich auch "Girls want girls" stilvoll in Drakes Tradition melancholisch-minimalistischen R'n'B-Raps ein. Leider bleibt das Album jedoch größtenteils in diesem Modus, was sich als atmosphärische Kohärenz positiv auslegen ließe, wenn es nicht so langweilig und mutlos wäre. Kein Wunder, dass selbst der zuletzt wieder formstärkere Jay-Z im blutleeren "Love all" fast einnickt.

Ähnliches lässt sich auch über Drakes eigene Performance sagen, welche sich die meiste Zeit über zwischen den Polen Autopilot und Teilnahmslosigkeit bewegt. "I'm not the one for cuddling", rappt er im zähen Closer "The remorse" und macht dabei den Eindruck, als wäre er eher the one fürs Auf-Der-Couch-Einschlafen. Immerhin: Je dichter und konstanter die Valium-Wolke, desto stärker stechen die lebhafteren Momente heraus. In den gefühlvollen "Pipe down" und "Get along better" holt der 34-Jährige mehr als nur das Nötigste aus seiner schönen Stimme heraus und auch im zentralen Diss-Track-Triple klingt er ehrlich emotional investiert. Über dem grimmigen Piano von "Knife talk" wirkt er noch eher niedergeschlagen, doch im giftigen "7am on Bridle Path" fügt er dem Rivalen West – der offenbar Drakes Adresse auf Instagram leakte – ein paar effektive Kinnhaken zu: "Give that address to your driver, make it your destination / Instead of just a post out of desperation." Auch "No friends in the industry" kommt herrlich angepisst daher, überzeichnet seinen "Alle gegen mich"-Gestus etwas, aber trifft als Banger mit düsteren Synths voll ins Schwarze.

Es ist ein Jammer, dass die Produktion ähnlich rar wie der Protagonist aus ihrem Schema F ausbricht. Neben dem Opener wären da nur "N 2 deep" mit seinen gedämpften Gitarrenriffs sowie "Fountains" zu nennen, ein grooviges Stück Afro-Pop mit der nigerianischen Musikerin Tems. Wenigstens die Features agieren oft auf der Höhe, wenn es ihr Gastgeber schon nicht tut: Sei es die Sängerin Yebba in ihrem "Heartbreak"-Interlude, Travis Scott im leise-intensiven "Fair trade" oder Rick Ross und Lil Wayne, die unter dem sprudelnden Bombast-Brunnen von "You only live twice" riesengroßen Spaß haben. Highlights wie die zwei letztgenannten Tracks kommen dann doch zu häufig vor, um "Certified lover boy" zum Totalausfall zu deklarieren. Als solcher lässt sich hier nur "Way 2 sexy" bezeichnen, eine von Future dominierte Trap-Abwandlung von Right Said Freds "I'm too sexy" (ja, ernsthaft), die Drake lieber mal in der Hudson Bay versenkt hätte, anstatt sie auf ein Album zu pressen.

Als Substanz dieses nicht wirklich schlechten, aber einfach furchtbar egalen Werks bleibt also nicht viel übrig. Trotz seiner Überlänge versucht es überhaupt nicht, Drakes Schaffen irgendetwas Neues hinzuzufügen und kratzt auch in seinen nachdenklicheren Sekunden nur an der Oberfläche. Ob er in "Fucking fans" seine Untreue bereut, sich in "Race my mind" nach romantischer Konstanz sehnt oder in "IMY2" den einst gescholtenen Kid Cudi zur Versöhnung ins Boot holt – alles wirkt so halbherzig, dass man sich wundert, wie Drizzy seine jüngste Haarlinien-Kreation zu Ende formen konnte. "You don't know love, you don't love me like my child", jammert er in "In the Bible", während er mit seinen "girls" in Las Vegas abhängt und einer von ihnen eine Brust-OP spendiert. Herzlichen Glückwunsch, Drake: Wenn es Dein Ziel war, die emotionale Verwahrlosung durch Fame und bedeutungslose Ficks musikalisch abzubilden, ist "Certified lover boy" ein voller Erfolg.

(Marvin Tyczkowski)

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Highlights

  • Champagne poetry
  • Fair trade (with Travis Scott)
  • No friends in the industry
  • You only live twice (with Lil Wayne & Rick Ross)

Tracklist

  1. Champagne poetry
  2. Papi's home
  3. Girls want girls (with Lil Baby)
  4. In the Bible (with Lil Durk & Giveon)
  5. Love all (with Jay-Z)
  6. Fair trade (with Travis Scott)
  7. Way 2 sexy (with Future & Young Thug)
  8. TSU
  9. N 2 deep (with Future)
  10. Pipe down
  11. Yebba's heartbreak (with Yebba)
  12. No friends in the industry
  13. Knife talk (with 21 Savage feat. Project Pat)
  14. 7am on Bridle Path
  15. Race my mind
  16. Fountains (with Tems)
  17. Get along better (with Ty Dolla $ign)
  18. You only live twice (feat. Lil Wayne & Rick Ross)
  19. IMY2 (feat. Kid Cudi)
  20. Fucking fans
  21. The remorse

Gesamtspielzeit: 86:02 min.

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(Neueste fünf Beiträge)
User Beitrag

Armin

Plattentests.de-Chef

Postings: 21014

Registriert seit 08.01.2012

2021-09-15 20:23:15 Uhr - Newsbeitrag
Frisch rezensiert.

Meinungen?

Kai

Postings: 1156

Registriert seit 25.02.2014

2021-09-15 19:46:19 Uhr
"beklagt die Oberflächlichkeit und Kurzlebigkeit seiner Beziehungen, während er seine Platte "Certified lover boy" nennt und das Cover aus Emojis schwangerer Frauen zusammensetzt."


GOLD!

edegeiler

Postings: 2394

Registriert seit 02.04.2014

2021-09-02 09:24:42 Uhr
Was für ein beschissenes Cover.

Armin

Plattentests.de-Chef

Postings: 21014

Registriert seit 08.01.2012

2021-09-01 18:44:35 Uhr - Newsbeitrag
Drakes neues Album “Certified Lover Boy” soll diesen Freitag erscheinen!





Eine erste Ankündigung gab es bereits über die sozialen Kanäle – endlich ist es soweit: das neue Album von Drake „Certified Lover Boy“ ist für diesen Freitag angekündigt!

Stay tuned!

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