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Alli Neumann - Madonna whore complex

Alli Neumann- Madonna whore complex

JAGA / Four / Sony
VÖ: 03.09.2021

Unsere Bewertung: 5/10

Eure Ø-Bewertung: 5/10

Umwege ins Herz

Alina-Bianca Neumann hat sich noch nie so wirklich um den einfachsten, geradlinigsten Weg durchs Leben geschert. Das fängt schon beim ganz und gar glamourbefreiten Aufwachsen erst in Solingen, dann in Polen und schließlich in Nordfriesland an – Kleinstadt statt Metropole, unzählige Schlager-Auftritte in Altenheimen statt kosmopolitischen Business-Gedanken, erst später der Ausbruch in die künstlerische Freiheit. Mit der Ruhe, eben. Eine Prägung, die sich auch zum Debütalbum "Madonna whore complex" unter ihrem Alias Alli Neumann durch und durch erkennen lässt – dem kleinen, aber feinen Hype um die EPs "Hohes Fieber" und "Monster" und dem Schauspielauftritt in Kim Franks Film "Wach" das dicke Major-Debüt folgen lassen? Nee, drauf geschissen und flugs das eigene Label "JAGA Recordings" gegründet – wer die eigenen Brötchen backt, muss sich eben auch nirgends rechtfertigen. Stressfrei lebt es sich halt einfach besser.

Thematisch gibt sich "Madonna whore complex" allerdings ganz und gar nicht stressfrei, sondern greift meistens äußerst unverblümt dort an, wo es wehtut – besonders im Hinblick auf allzu dysfunktionale zwischenmenschliche Beziehungen. Ein straighter Ansatz, der besonders dank toller Instrumentals und Arrangements zeitweise sehr gut funktioniert. "Problem killer" widmet sich dem generellen Unverständnis und dezentem Weltschmerz. "Baby, die Welt ist weird / Und ich versteh' nur ein Prozent von dem, was hier abgeht", beschwert sich Alli Neumann auf einem Bett voller wabernder Gitarren, dezent japanisch angehauchten Klängen und schwebenden Synths. Plakativ, ja, aber eben auch auf den Punkt gebracht. Bemerkenswert ist auch, wie Neumann die stilistische Schere aus ernsten Themen und dem äußerst lässig und laid-back groovenden Klanggewand direkt in den Mittelpunkt des Hörerlebnisses stellt. "Du ziehst Deine Waffe / Geladen mit meiner Angst / Und sobald ich zitter' / Greifst Du mich an" eröffnet als erschütternde Momentaufnahme das ansonsten betont funkige, nur augenscheinlich unbeschwerte "Männer wie Du", das anschließend zum Rundumschlag ausholt und sich kämpferisch auskotzt. "Deine Zeit is' vorbei."

In seinen besten Momenten, wie etwa auch im frechen Titeltrack, kann "Madonna whore complex" mit cleveren Stilmitteln berühren, wichtige Statements setzen und dabei dennoch nicht den sarkastischen Frohsinn seiner Schöpferin verlieren. Leider sind diese Momente auf Albumlänge jedoch zu rar gesät, um nachhaltig beeindrucken zu können – besonders auf der textlichen Seite verfängt sich Alli Neumann noch zu häufig in Oberflächlichkeiten. "Bike boy" bringt auf der instrumentalen Seite erfolgreich die Athmosphäre einer lässigen BMX-Tour durch leicht abgefuckte Stadtteile rüber, inhaltlich mag es allerdings nicht so recht zünden: "Hol' mich ab auf Deinem Bike, Boy / Für Dich hab' ich immer Zeit, Boy / Von Paris bis nach Shanghai / Und wenn Du willst auch bis nach Hawaii" lässt im Refrain leider Originalität und Witz etwas vermissen. Auch auf "Keine Zeit" versauen Pauschalitäten wie "Nur weil Du Geld hast / Heißt das nicht, dass Du etwas weißt" oder "Wenn Du mir nicht helfen willst / Geh mir aus dem Weg / Ich hab' nur ein Leben auf diesem Planet" ein wenig das äußerst coole Instrumental, das auf den letzten Metern sogar noch eine Sitar aus dem Köcher zaubert. Alli Neumann schreibt von Herzen, bleibt ihrem kompromisslos direkten Ansatz treu und lässt Erwartungshaltungen oder geformte Vorstellungen auf angenehme Weise links liegen – leider aber eben auch einiges an Potenzial.

(Hendrik Müller)

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Highlights

  • Madonna whore complex
  • Problem killer
  • Männer wie Du

Tracklist

  1. Madonna whore complex
  2. Frei
  3. Bike boy
  4. Problem killer
  5. Keine Zeit
  6. Kleinigkeit
  7. ATLANTA
  8. Männer wie Du
  9. Herz aus Gold
  10. Stadt in Satin
  11. Herzhotel
  12. Shh

Gesamtspielzeit: 40:10 min.

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Armin

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Registriert seit 08.01.2012

2021-09-06 11:14:39 Uhr - Newsbeitrag
Frisch rezensiert.

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