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Halsey - If I can't have love, I want power

Halsey- If I can't have love, I want power

Capitol / Universal
VÖ: 27.08.2021

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 7/10

Maria im Nagelbett

Ambitionen waren noch nie Ashley Frangipanes Problem. Unter einem Konzeptalbum macht es die als Halsey bekannte Sängerin bekanntlich nicht, weswegen auch die opulente Präsentation ihrer vierten Platte "If I can't have love, I want power" wenig überraschte. Cover-Enthüllung im Met? Ein von "Game of thrones" inspirierter Begleitfilm zwischen Kostümdrama und Körperhorror? Die eigene Mutterschaft und der "Madonna-whore complex" als Leitthemen? Alles uninteressant, solange die oft noch zu formelhafte Musik weiterhin nicht mit den Eigenarten von Lyrics und Visuals Schritt halten kann. Doch genau dieser Umstand ändert sich jetzt. In einer Zeit, in der Alben die Hälfte ihrer Songs schon vor Release ausspucken und Jack Antonoff aus jeder renommierten Pop-Künstlerin eine Folk-Bardin machen will, schwimmt Halsey gleich mehrfach gegen den Strom. Keine einzige Single gab es, nur ein paar Teaser für das von Trent Reznor und Atticus Ross produzierte Werk, das im Gegensatz zu den Kolleginnen in Richtung lauterer, verzerrterer, hässlicherer Klangräume abbiegt.

Das Resultat ist zum Glück nicht einfach nur "Nine Inch Nails mit Frauengesang", was angesichts der Flexibilität von Reznor und Ross freilich wenig schockiert – immerhin haben die beiden inzwischen auch Jazz-Soundtracks für Pixar-Filme auf dem Konto. Ebenso erfreut es, dass das Album weitaus weniger pompös beginnt, als sein äußeres Theater vermuten ließ. Nur von einem ominösen Piano begleitet erzählt "The tradition" abstrakt, aber vielsagend von misogyner Ausbeutung, entwickelt viel Zug im Vortrag, ohne offensichtliche Hooks zu erzwingen. Das grandiose "Bells in Santa Fe" löst sein nervöses Synth-Zittern erst am Ende im windschiefen Geräusch auf und spinnt die Ideen des Openers mit biblischen Verflechtungen weiter: "Jesus, you've got better lips than Judas / I could keep your bed warm, otherwise I'm useless." Die Beteiligung von Kevin Martin alias The Bug in letztgenanntem Track ist dabei exemplarisch für eine kleine, aber kuriose Liste von Gästen, die sich ausschließlich im Hintergrund halten. Ex-Fleetwood-Mac-Gitarrist Lindsey Buckingham zupft die Saiten von "Darling", einem akustischen Schlaflied für das frischgeborene Kind, während bei den beinah shoegazig verrauschten Neunziger-Riffs von "You asked for this" TV On The Radios Dave Sitek seine Finger im Spiel hatte.

So behält Halsey trotz der Aura ihrer Produzenten stets das Zepter in der Hand, bringt auch eigene Akzente in diese kreative Symbiose rein. Da plumpst selbst Dave Grohl vor Ehrfurcht in sein Drumkit zurück, um den Bubblegum-Rocker "Honey" nach vorne zu prügeln. Ob in Uptempo-Nummern wie dem Industrial-Pop-Punk von "Easier than lying" respektive "Girl is a gun" mit seinen Jungle-Beats, oder dem schleppenden Distortion-Blues "The lighthouse" – man kann regelrecht hören, wie die Fesseln der 27-Jährigen zu Boden fallen und sie in dieser weniger am Mainstream orientierten Ästhetik auch musikalisch ihre Stimme findet. Ein bisschen plump ist diese an manchen Stellen durchaus noch – eine mechanische Entstellung umfasst die Worte "I've been corrupted" in der TripHop-Miniatur "Lilith" –, aber mal ehrlich: Wer hört schon ein Halsey-Album wegen der Subtilität?

Schließlich war es auch auf den weniger interessanten Platten der US-Amerikanerin immer ihre große Stärke, noch so grobschlächtige Charts-Annäherungen mit textlicher Schärfe zu sezieren. Man hört diese Intimität hier etwa zwischen den ambivalenten Schwangerschaftsgefühlen von "1121" oder in "Whispers", einem verletzlichen Zwiegespräch mit dem Teufel auf der Schulter. Auch der pulsierende Synth-Pop-Banger "I am not a woman, I'm a god" geht mit sich weitaus härter ins Gericht, als es der Titel vermuten lässt. Selbst in "Ya'aburnee" (Arabisch für "Du begräbst mich"), der finalen Liebeserklärung an Sohn und Partner, schwingt die Angst der Vergänglichkeit mit: "And if we don't live forever / Maybe one day, we'll trade places / Darling, you will bury me / Before I bury you." Es sind nicht die ersten Halsey-Verse, die ins Mark treffen, doch endlich ist die Musik durchweg spannend genug, um sie lange nachhallen zu lassen.

(Marvin Tyczkowski)

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Highlights

  • Bells in Santa Fe
  • Easier than lying
  • Girl is a gun
  • I am not a woman, I'm a god

Tracklist

  1. The tradition
  2. Bells in Santa Fe
  3. Easier than lying
  4. Lilith
  5. Girl is a gun
  6. You asked for this
  7. Darling
  8. 1121
  9. Honey
  10. Whispers
  11. I am not a woman, I'm a god
  12. The lighthouse
  13. Ya'aburnee

Gesamtspielzeit: 42:52 min.

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(Neueste fünf Beiträge)
User Beitrag

MasterOfDisaster69

Postings: 675

Registriert seit 19.05.2014

2021-09-16 16:53:40 Uhr
Ach so, The Lighthouse macht auch noch auf sich aufmerksam, weil der Meister himself bei ca. 3:20 gegen Ende zu hoeren ist.

MasterOfDisaster69

Postings: 675

Registriert seit 19.05.2014

2021-09-16 16:48:49 Uhr
Also da hört man natürlich mal rein, muss aber sagen, dass bei vielen Songs eher 0815-Instrumentarium (siehe Girl is a Gun), ob jetzt NIN oder nicht, zum Einsatz kommt. Auch ihre Stimme ist bei vielen Songs eher langweilig, bestimmt nicht schlecht, klingt aber eben wie alle anderen Ami-Sternchen. Viel bleibt nicht hängen. The Lighthouse gefällt mir durch den durchgängigen verzerrten Gitarren/Noise-Sound und ihrer variierten Stimme noch am besten. Toller Song mit einem super Groove. Easier than Lying, obwohl der vielleicht härteste Song auf der Platte, gefällt mir nicht. Das ist Teenie-Punk nach Zahlen…

Es gibt auch wirklich gute Songs, wie Bells in Santa Fe zB, alles sehr gut und wunderbar inszeniert, aber man wartet wartet ewig, wann kommt es zum Ausbruch, es klimpert dann bis zum Ende und hört auf, als es gerade schön krachig wird und richtig losgehen müsste...

fuzzmyass

Postings: 6263

Registriert seit 21.08.2019

2021-09-06 12:49:45 Uhr
Als großer NIN/Reznor/Ross Fan, auch von ihren Soundtracks, habe ich mal reingehört... leider packt mich das nicht richtig... ist sicher kein schlechtes Album, aber leider auch kein wirklich gutes... ich hätte mir im Gesang bzw in der Stimme auch etwas mehr besondere Momente gewünscht, da passiert irgendwie nicht so viel...

Armin

Plattentests.de-Chef

Postings: 21014

Registriert seit 08.01.2012

2021-09-06 11:14:14 Uhr - Newsbeitrag
Frisch rezensiert.

Meinungen?

Croefield

Postings: 1618

Registriert seit 13.01.2014

2021-09-02 17:34:02 Uhr
Ich kann Halsey als Künstlerin hier leider auch nicht gerecht werden, bin ich doch ebenfalls nur aus den bereits genannten Gründen (NIN-Produktion) hier auf dieses Album aufmerksam geworden.

Mir gefällt, dass es vom Sound her sehr unterschiedlich, dabei größtenteils ein BEst Of-Nine Inch Nails durch alle Schaffensphasen hindurch ist, was ja anscheinend so gewollt war, Halsey hat ja gepostet, dass sie schon lange plante ein Album im NIN-Sound zu machen.


Für mich sind ebenfalls "Bells Of Santa Fa", aber auch "You Asked For This" und "Ya'aburnee" die Highlights; insgesamt sehr gut hörbar, wobei mir dann eben als geneigter NIN-Hörer etwas der "Stress" fehlt. Deshalb meine ich auch, dass ich hier Halsey eigentlich nicht wirklich einschätzen oder kritisieren kann, da ich ihr restliches Schaffen kaum kenne und somit auch keine Vergleichspunkte habe. Das Album ist sichelrich kein Meisterwek und auch nicht hervorragend, aber es macht (auch durch sein Abwechslungsreichtum) durchaus Spaß und hat mMn eigentlich keinen Ausfall. Wenn das Ziel war NIN-Pop zu machen (was mir zumindest so scheint), dann hat es mMn eigentlich ziemlich gut geklappt. Ob man das nun wirklich unbedingt braucht, ist vielleicht eine andere Frage.
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