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Kanye West - Donda

Kanye West- Donda

GOOD / Def Jam / Universal
VÖ: 29.08.2021

Unsere Bewertung: 5/10

Eure Ø-Bewertung: 5/10

Einfach mal die Messe halten

Kanye West provoziert. Das ist in etwa so, als wenn man sagt: "Der Hund bellt." Oder: "Die Kuh frisst Gras." Es ist eine Gegebenheit. Wenn West sein zehntes, nach seiner verstorbenen Mutter mit "Donda" betiteltes Album also auf 27 Tracks in 109 Minuten streckt – circa das Vier- bis Fünffache der beiden Vorgänger "Ye" und "Jesus is king" – möchte er damit möglicherweise die Reaktion geradezu herausfordern, das Ding als zu aufgeblasen, zu lang zu bezeichnen. Wenn er quasi in letzter Sekunde Marilyn Manson und DaBaby hinzuholt, zwei mit "kontrovers" noch nett umschriebene Personen, denen Gewalt gegen Frauen und Homophobie vorgeworfen werden, möchte er Wirbel erzeugen, vielleicht eine Art verdrehtes Statement über Cancel Culture machen. Das macht diese Scheißaktion aber nicht weniger ignorant gegenüber den Opfern dieser Figuren. West ist dazu vermutlich zu sehr in seiner eigenen Welt verbissen, um das zu erkennen.

Es überrascht daher, dass "Donda" zumindest in Teilen eine "return to form" darstellt, mit Momenten, in denen das Genie mehr als nur aufblitzt. Das macht es bei weitem nicht zu einem guten Album – es ist exakt so überladen und langatmig, wie man es befürchten musste –, aber zumindest zum interessantesten Kanye-Werk seit "The life of Pablo", allerdings ohne so viele Übersongs zu bieten. Den Jesus-Kram führt West konsequent weiter mit sich und auf "Donda" wird wie auf "Jesus is king" nicht geflucht. Dieses Mal mussten dadurch allerdings etliche Textstellen gemutet werden, was manchem Vers einen holprigen Flow beschert. Die Titel sagen derweil schon alles: "God breathed", "Praise God", "Jesus Lord", "Lord I need you". Gut die Hälfte von "Donda" geht für derartige Lobpreisungen drauf, allerdings beschäftigt sich West neben Gott und der eigenen Person auch mit der drohenden Scheidung von Kim Kardashian, die Auswirkungen auf seine Kinder und wie zu erwarten generell dem Tumult der vergangenen Jahre.

Dabei gelingt ihm vor allem mit "Jesus Lord" ein hypnotisierendes und ausladendes Meisterstück, dessen mantrahaft gesampleter Titel das Storytelling unterstützt und ihn einfühlsam zeigt wie lange nicht. Jay Electronicas Beitrag reißt ebenso mit wie die ans Ende gestellte Nachricht von Larry Hoover Jr., der sich für den Support seines inhaftierten Vaters bedankt. Der Song ist einer von vieren, die am Ende des Albums als "Pt 2" in fast identischer Fassung mit ausgetauschten oder zusätzlichen Gästen angetackert sind und "Donda" dadurch noch einmal länger werden lassen, als es ohnehin ist. Zumindest für "Jesus Lord pt 2" passen die Raps von The Lox ins Bild, die weiteren alternativen Versionen sind eher überflüssig bis ärgerlich. Ob West sich nicht entscheiden konnte oder dies – wie er behauptet – der unfreiwilligen Veröffentlichung durch Universal geschuldet ist, bleibt bislang unklar. Es verstärkt jedoch den Eindruck, dass diese 27 Tracks vielmehr ein wahlloser Filedump sind anstatt ein echtes Album zu bilden.

Nicht nur die Tracklist fordert es heraus, den Rotstift anzusetzen. Auch die Songs selbst leiden häufig an unnötiger Wiederholung, sinnlosen Parts und genereller Ödnis. "God breathed" wäre als druckvolles, düsteres Interlude vollkommen okay, aber warum dieses repetitive Ungetüm auf schlappe fünfeinhalb Minuten gestreckt wird, ist kaum erklärbar. Ähnlich verhält es sich mit dem schier endlosen Outro von Shenseea im sonst hübsch geratenen "Pure souls". Das verwirrende Intro, gesprochen von Syleena Johnson, wiederholt nur den Namen von Wests Mutter, immer wieder über 52 Sekunden. Der eigentliche Titeltrack ist statt einem berührenden Tribut eine planlose Collage, die – immerhin – nach kurzer Zeit unsanft abgebrochen wird. Schlimmer noch ist die Widmung an den verstorbenen Pop Smoke, dessen "Tell the vision" hier in einer verkürzten, klanglich völlig verhunzten Version aufläuft.

Momente dieser Art sind zu zahlreich, um "Donda" am Stück gut hörbar zu machen. Dabei bringen vor allem die Gäste oft ihr Bestes in die Tracks ein, beispielsweise Fivio Foreign im mitreißenden "Off the grid" oder kurz darauf The Weeknd in gewohnter Form bei "Hurricane". Viele Tracks kommen ohne Drumbeat aus, was den ätherischen Gospel-Charakter zwar unterstreicht, aber "Donda" über die lange Strecke zu düdelig und gleichgültig macht. Selbst das aggressiv chantende "Jail" bringt die Percussion erst in einer Coda rein, die nicht zum Rest des Songs passt. Die sehr häufig eingesetzten Vocoder auf den Stimmen erinnern an die autogetunte Einsamkeit von "808s & heartbreak", West erreicht auf "Donda" jedoch fast nie dessen Magie und Atmosphäre. Und auch nicht dessen Introspektion, wenn er von einem schlechten Wortspiel ins nächste stolpert: "I talk to God every day / That's my bestie / They playin' soccer in the yard / I think I see Messi." Nun gut, sein wieder befreundeter Buddy Jay-Z macht's mit Zeilen wie "Made in the image of God / That's a selfie" leider nicht besser, auch wenn er sich löblich gegen Wests Trump-Irrsinn ausspricht: "Stop all of that red cap, we goin' home."

Seltenen Schwung in die Hütte bringt "Believe what I say", welches Lauryn Hills "Doo wop (That thing)" prominent einbettet und einen leichtfüßigen Counterpart zum schwermütigen Rest darstellt – auch wenn ausgerechnet Erzfeind Drake das Konzept mit "Nice for what" schon mal besser umgesetzt hatte. Auch sanfte Momente wie das introviertierte "Moon" mit Don Toliver und Kid Cudi gelingen. In "Come to life" verausgabt sich West über ein einsames Klavier und schafft vor allem mit der intensiven Klimax einen weiteren berührenden Moment. "Did those ideas ever really come to life? / Make it come to life", fordert er und hält sich doch nicht dran. In "Donda" ist ein sehr gutes Album versteckt, das Gesamtwerk leidet in seiner veröffentlichten Form jedoch an Unvollkommenheit, Wahllosigkeit und Überlänge. Selbst wenn man den umgebenden Mist ausblendet – und es ist fraglich, warum man das in diesem Fall tun sollte –, bleibt im Kern dieses Projekts trotzdem: ein Ärgernis. Schließlich darf man über fast alles predigen, aber nicht über 100 Minuten.

(Felix Heinecker)

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Highlights

  • Off the grid (feat. Playboi Carti & Fivio Foreign)
  • Hurricane (feat. Lil Baby & The Weeknd)
  • Believe what I say
  • Moon (feat. Don Toliver & Kid Cudi)
  • Come to life
  • Jesus Lord pt 2 (feat. Jay Electronica & The Lox)

Tracklist

  1. Donda chant (feat. Syleena Johnson)
  2. Jail (feat. Jay-Z)
  3. God breathed (feat. Vory)
  4. Off the grid (feat. Playboi Carti & Fivio Foreign)
  5. Hurricane (feat. Lil Baby & The Weeknd)
  6. Praise God (feat. Baby Keem & Travis Scott)
  7. Jonah (feat. Lil Durk & Vory)
  8. Ok ok (feat. Lil Yachty & Rooga)
  9. Junya (feat. Playboi Carti)
  10. Believe what I say
  11. 24 (feat. Sunday Service Choir)
  12. Remote control (feat. Young Thug)
  13. Moon (feat. Don Toliver & Kid Cudi)
  14. Heaven and hell
  15. Donda (feat. Stalone & Tony Williams)
  16. Keep my spirit alive (feat. Conway The Machine, KayCyy & Westside Gunn)
  17. Jesus Lord (feat. Jay Electronica)
  18. New again (feat. Chris Brown)
  19. Tell the vision (feat. Pop Smoke)
  20. Lord I need you
  21. Pure souls (feat. Roddy Ricch & Shenseea)
  22. Come to life
  23. No child left behind (feat. Vory)
  24. Jail pt 2 (feat. DaBaby & Marilyn Manson)
  25. Ok ok pt 2 (feat. Shenseea & Rooga)
  26. Junya pt 2 (feat. Playboi Carti & Ty Dolla $ign)
  27. Jesus Lord pt 2 (feat. Jay Electronica & The Lox)

Gesamtspielzeit: 108:59 min.

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User Beitrag

The MACHINA of God

User und Moderator

Postings: 27260

Registriert seit 07.06.2013

2021-11-23 00:25:26 Uhr
Jepp. Der skurrile Höhepunkt ist wirklich Musikgeschichte.

Vennart

Postings: 719

Registriert seit 24.03.2014

2021-11-23 00:18:11 Uhr
Das Album hat auf jeden Fall Längen aber imo sind auf jedem seiner Alben Füller drauf. Hier sind es zwar schon einige aber dafür sind die großen Momente einfach so gut:
"Off The Grid" hat den Beat und Fivio Foreign den Verse des Jahres, "Jesus Lord, Jail, Praise God" sind überragend.
Der Provokationsmove mit Manson, DaBaby und Chris Brown scheint eher berechnende als künstlerische Absichten gehabt zu haben, das hätte es echt nicht gebraucht.

Aber für diese Listening Party habe ich immer noch eine merkwürdige Art der Bewunderung übrig.
Skurriler Höhepunkt:
West hängt mit ein paar Personen, darunter Manson auf der Veranda eines Hauses ab, das dem Haus seiner Kindheit nachempfunden ist und die sitzen bzw. stehen einfach nur da und machen nichts, dazu läuft ein Sprachsampel von "I am the Globglogabgab, the schwabbeldabbelwabbel gabbelflebablabablab" auf einen Kanye-Beat.
Ihnen schaut dabei ein ganzes ausverkauftes Stadion voller Leute zu, die wahrscheinlich nicht allzu geringe Eintrittspreise gezahlt haben um nun Leuten beim Herumlungern auf ner Veranda zuzuschauen, während "the Schwabbeldabbelwabbel gabbelflebablabablab" läuft!! WOAH! Wie kann sowas real sein?

Ich stimme wirklich nicht überein mit vielem, was Kanye von sich gegeben hat aber er hat diesen Legendenstatus als Künstler und Visionär verdient.

The MACHINA of God

User und Moderator

Postings: 27260

Registriert seit 07.06.2013

2021-11-20 23:04:22 Uhr
Donda. :)

Affengitarre

User und News-Scout

Postings: 9607

Registriert seit 23.07.2014

2021-11-20 19:21:07 Uhr
Donda Donda Donda Donda.

edegeiler

Postings: 2483

Registriert seit 02.04.2014

2021-11-20 19:16:53 Uhr
Donda!
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