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Little Simz - Sometimes I might be introvert

Little Simz- Sometimes I might be introvert

Age 101 / Rough Trade
VÖ: 03.09.2021

Unsere Bewertung: 8/10

Eure Ø-Bewertung: 7/10

Die Innenarchitektin

Selbstbewusstsein kann viele Facetten haben. Neben dem gerade im HipHop immer noch präsenten Geprotze gibt es auch Fälle wie den von Simbi Ajikawo. Die als Little Simz bekannte Rapperin tritt eher unscheinbar auf, machte jedoch mit ihren Konzeptalben direkt zu Karrierebeginn ihr Vertrauen in die eigenen Skills ebenso klar wie ihre Ambitionen – die spätestens mit dem gleichzeitig kompakt-trockenen wie unheimlich gehaltvollen und variablen "Grey area" die verdiente Resonanz erhielten. Dessen fast doppelt so langer und auf den ersten Blick irrig betitelter Nachfolger "Sometimes I might be introvert" scheint nun, Simz' Status als eine der prägendsten Figuren des britischen Rap-Games mit dem breitesten Pinsel unterstreichen zu wollen. Marsch-Drums und Bläser-Getöse eröffnen den Opener "Introvert", der sich alsbald in einen aufwändig arrangierten Groove bettet und mit einem metaphysischen Spoken-Word-Part von Prinzessin Di-, äh, Emma Corrin endet. Doch es ist mitnichten ein zum Drama-Elefanten aufgeblasener Mückenstich, sondern eine organische, musikalisch schlicht meisterhafte Verschmelzung von Beat und Bombast, die das Leitmotiv der Platte als Mission Statement voranstellt: Introversion als Symbol von Größe.

So taucht die Stimme der "The Crown"-Schauspielerin wie ein spiritueller Fixstern immer wieder auf, um die zweifelnde Protagonistin an die Hand zu nehmen und zur Selbstakzeptanz zu führen. Was auf dem Papier auch der Inhalt der nächstbesten YouTube-Meditation sein könnte, formt Simz zu einem tiefschürfenden Persönlichkeitspanorama, indem sie sich abseits dieser etwas dick aufgetragenen Interludes auf ihre Stärken fokussiert. Unbeirrt wie unaufdringlich flowt sie durch chamäleonartige Instrumentals, die ihre orchestralen Schuppen nur akzentuiert aufblitzen lassen. Egal, ob sie sich im halluzinogenen "Two worlds apart" mit einem Smokey-Robinson-Sample zum asymmetrischen Duett trifft oder unter dringlichen Piano- und Bass-Schubsern die komplexe Beziehung zu ihrem Vater in "I love you, I hate you" beleuchtet: Die 27-Jährige behält stets die Kontrolle, windet sich unheimlich tight um die Musik und treibt nie in außerweltliche Sphären davon.

Simz' eigene Sprache des Conscious-Raps zeichnet dabei keine weit gespannten Gesellschaftsporträts wie die ihres Kollegen Dave, sondern bleibt trotz gewisser politischer Spitzen ganz bei sich. Dazu passt, dass sie weiterhin mit ihrem Kindheitsfreund Inflo zusammenarbeitet, der sich unter anderem mit dem Kollektiv Sault inzwischen auch selbst weit vorne in der heimischen Szene etabliert hat. Kaum jemand anderes beherrscht es so gut, einen jazzig-souligen Bandsound mit clubtauglichen Rhythmusmonstern in eine unverkennbare Einheit zu gießen. Man höre alleine "Little Q, pt. 2" mit seinem Kinderchor und das fast direkt darauffolgende "Speed", den straightesten Banger der Platte. Im Grunde alle 14 Tracks – Interludes abgezogen – beweisen die perfekte Chemie von zwei Künstler*innen in Topform: eine Rapperin und ein Producer, die sich ihr Leben lang begleiten und, wie es der glückliche Zufall will, zur Spitze ihres jeweiligen Fachs gehören.

Gemeinsam spornen sie sich zu noch mehr Flexibilität als sowieso schon an. "Rollin' stone" beginnt im Dunstkreis von "Yeezus", nur um im Trap-Nebel zu verglühen, während "Protect my energy" im Anschluss mit astreinem Synth-Funk überrascht. Kurz vor Ende zollt Simz noch ihren nigerianischen Wurzeln Tribut und gestaltet sowohl das von Obongjayar unterstützte "Point and kill" als auch die ekstatischen Tribal-Tänze von "Fear no man" mitreißend wie geschmackvoll. Ihr Verständnis von HipHop bleibt ein grenzen- wie genresprengendes und die Vielschichtigkeit ein wesentlicher Aspekt ihrer Persönlichkeit, weswegen deren akustisches Abbild dem Album eine beeindruckende Kohärenz von Form und Inhalt hinzufügt. "Sometimes I might be introvert" ist nicht das erste Meisterwerk, das Simz aus ihrem Innersten an die Oberfläche gehoben hat, doch ihr Kreativbrunnen scheint noch lange nicht ausgeschöpft. Stille Wasser sind eben nicht nur in der Floskel tief.

(Marvin Tyczkowski)

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Highlights

  • Introvert
  • I love you, I hate you
  • Speed
  • Point and kill (feat. Obongjayar)
  • Fear no man

Tracklist

  1. Introvert
  2. Woman (feat. Cleo Sol)
  3. Two worlds apart
  4. I love you, I hate you
  5. Little Q, pt. 1 (Interlude)
  6. Little Q, pt. 2
  7. Gems (Interlude)
  8. Speed
  9. Standing ovation
  10. I see you
  11. The rapper that came to tea (Interlude)
  12. Rollin' stone
  13. Protect my energy
  14. Never make promises (Interlude)
  15. Point and kill (feat. Obongjayar)
  16. Fear no man
  17. The garden (Interlude)
  18. How did you get here
  19. Miss understood

Gesamtspielzeit: 65:05 min.

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User Beitrag

The MACHINA of God

User und Moderator

Postings: 28958

Registriert seit 07.06.2013

2022-12-12 19:19:12 Uhr
Ich hab mal für dich einen neuen Thread erstellt. Bitte selber finden. :)

Yndi

Postings: 223

Registriert seit 23.01.2017

2022-12-12 18:43:06 Uhr
Noch gar nichts zur neuen Scheibe? Heute erschienen und spontan irgendwo zwischen Bangern von Grey Area und dem opulenten Sound von SIMBI.

ijb

Postings: 4423

Registriert seit 30.12.2018

2022-12-08 16:21:55 Uhr
In einem Interview, das ich vor ein paar Jahren gelesen habe, sagte Simz, dass sie gerade deutsch lernte.

fuzzmyass

Postings: 10545

Registriert seit 21.08.2019

2022-12-08 15:43:18 Uhr
"Das qualifiziert das Album für die 100 deutschsprachigen Alben für die Ewigkeit, würde ich sagen."

Womit es locker in die Top 10 landen würde :D

MopedTobias (Marvin)

Mitglied der Plattentests.de-Schlussredaktion

Postings: 19372

Registriert seit 10.09.2013

2022-12-08 15:40:17 Uhr
Das qualifiziert das Album für die 100 deutschsprachigen Alben für die Ewigkeit, würde ich sagen.
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