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Big Red Machine - How long do you think it's gonna last?

Big Red Machine- How long do you think it's gonna last?

Jagjaguwar / Cargo
VÖ: 27.08.2021

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 7/10

Herz aus Flausch

"Die 'The-Nationalisierung' des Indie geht weiter", schrieb Kollege Porst in der Eröffnung des Forums-Threads zum zweiten Big-Red-Machine-Album. Recht hat er: Schon als Aaron Dessner und Bon-Iver-Kopf Justin Vernon das selbstbetitelte Debüt ihres gemeinsamen Projekts veröffentlichten, hatte die Hauptband des ersteren mehr Nebenarme als die Emscher entwickelt. Inzwischen erstreckt sich Dessners Einfluss auch über offene Mainstream-Gewässer, nachdem er mit Superstar Taylor Swift eine unerwartete, aber passende Kollaborationspartnerin fand. Und jetzt, als wolle er mal so richtig allen zeigen, wer hier den Cardigan anhat, versammelt er für "How long do you think it's gonna last?" das Who-is-who des Indie-Folks: Swift, Ben Howard, Fleet Foxes, Sharon Van Etten, um an dieser Stelle nur die Bekanntesten zu nennen, alle auf einem Album – das trotzdem erstaunlich homogen wirkt. Spürte man auf dem Erstling noch die Zerrissenheit zweier Künstler, die sich gerade mitten im stilistischen Umbruch befanden, fügen sich die elektronischen Akzente nun wie geschmiert in diese Maschinerie seelenwärmenden Americana-Pops.

So sind die kratzigen Beats und gelegentlichen Autotune-Einsätze immer noch da, versuchen sich aber nicht als disharmonische Gegengewichte zum traditionelleren Songwriting und bleiben gerade zu Beginn der Platte stark im Hintergrund. Das unter anderem von der großartigen Anaïs Mitchell gesungene "Latter days" eröffnet das Album als wundervolles Piano-Stück samt herzlicher Refrain-Umarmung, an die "Phoenix" mit Bläser-Schwung, satten Drums und Fleet Foxes' Robin Pecknold am Mikro nahtlos anknüpft. "Do you care about the cost?", fragt Vernon dazwischen in "Reese" über eine von Dessners markanten Klavier-Melodien gleitend, bis er in einem Strudel von Gitarren und körperlosen Vocals in den Äther abhebt. So weit, so grandios: In der Formvollendung der Kompositionen und der reibungslosen Integration unterschiedlicher Stimmen fühlt man sich bis hierhin eher an eine organischer arrangierte Variante von "I am easy to find" erinnert als an das zuweilen ziellos mäandernde "Sleep well beast". Erst das immer noch fragil-schöne, aber etwas repetitive "Birch" zeigt im Anschluss, dass nicht jeder der 15 Tracks dieses meisterhafte Niveau hält.

Ein paar Mini-Längen lassen sich auf die Spielzeit von über einer Stunde demnach nicht leugnen, gehören bei Big Red Machines musikalischem Ansatz aber vielleicht auch einfach dazu. An einigen Stellen treiben Dessner und Vernon wieder in über fünfminütigen Klangsphären ohne strukturelle Höhepunkte, füllen diese aber mit genug Produktionsdetails und subtilen Verschiebungen, um dem mehr als positiven Gesamteindruck keinen Schaden zuzufügen. Vor allem das von Rapper Naeem unterstützte "Easy to sabotage" pumpt, zittert, klappert so an allen Ecken und Enden, dass man jeden Moment den Kurzschluss erwartet. In dieser Freiförmigkeit entwickelt das Album einen klaren Fluss, den höchstens "Renegade" ein wenig stört: einer von zwei Songs mit Swift und eine an sich hochwertige Folk-Pop-Nummer, die in ihrer Direktheit nur etwas herausfällt und deren Lyrics um ambige Zeilen wie "Get your shit together / So I can love you" einen sensibleren Vortrag erfordert hätten.

Ansonsten bleibt die Feinfühligkeit natürlich die größte Stärke des Duos, in deren Sinne sich auch manch höchstkarätiger Name der Atmosphäre unterordnet. So steuern etwa Sharon Van Etten, Lisa Hannigan und Shara Nova in "Hutch", einer glanzvollen Verbeugung vor Frightened Rabbits Scott Hutchinson, kaum mehr als Background-Texturen bei. In die so offengelassenen Räume stößt eine Stimme, die zuvor nie selbst die Hauptrolle eingenommen hat: Dessners eigene. Mit Sufjan'scher Zärtlichkeit zeichnet er im gleichzeitig treibenden wie sanften Akustikstück "The ghost of Cincinnati" eine sinnliche Szenerie von Kaffeegeruch und Pepsi-Schildern, während "Magnolia" als kleiner Hit mit Ohrwurm-Hook und wuchtigem Schlagzeug auch das Schaffen der Hauptband bereichert hätte. Kurz vor Schluss singt er dann noch eine intime, herzschmelzende Liebeserklärung an "Brycie", seinen Zwillingsbruder und The-National-Kollegen: "I'm sleeping sound when you're in the room / You help me stay above the ground." Drei Solo-Tracks, drei absolute Volltreffer. Es ist Dessners große Pointe, eine so mundwässernde Gästeliste stimmig in ein Gesamtwerk zu gießen, nur um am Ende zu suggerieren, dass er sie vielleicht überhaupt nicht gebraucht hätte. Der Mann hat wirklich die dicksten Strickjacken im Schrank.

(Marvin Tyczkowski)

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Highlights

  • Latter days (feat. Anaïs Mitchell)
  • Reese
  • Phoenix (feat. Fleet Foxes & Anaïs Mitchell)
  • The ghost of Cincinnati
  • Magnolia

Tracklist

  1. Latter days (feat. Anaïs Mitchell)
  2. Reese
  3. Phoenix (feat. Fleet Foxes & Anaïs Mitchell)
  4. Birch (feat. Taylor Swift)
  5. Renegade (feat. Taylor Swift)
  6. The ghost of Cincinnati
  7. Hoping then
  8. Mimi (feat. Ilsey)
  9. Easy to sabotage (feat. Naeem)
  10. Hutch (feat. Sharon Van Etten, Lisa Hannigan & Shara Nova)
  11. 8:22AM (feat. La Force)
  12. Magnolia
  13. June's a river (feat. Ben Howard & This Is The Kit)
  14. Brycie
  15. New Auburn (feat. Anaïs Mitchell)

Gesamtspielzeit: 64:38 min.

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(Neueste fünf Beiträge)
User Beitrag

Grizzly Adams

Postings: 1425

Registriert seit 22.08.2019

2021-09-03 16:15:09 Uhr
Auch das Album ist da. „Latter days“ ist ein ganz feiner Opener. Mag den Song sehr. Auch und vor allem die Gaststimme von Anaïs Mitchell.
Und „Reese“ knüpft mit einer chilligen Hook aus Klavier und einem sanften Saxophon nahtlos an.
Justin Vernon gefällt mir zwar ohne Autotune deutlich besser, aber das gehört ja irgendwie zu seinem persönlichen Sound dazu.
„Phoenix“ mit den den Fleet Foxes & Anaïs Mitchell mit der Bläser-Sektion ist wohl am nächsten am The National-Timbre bzw Arrangement.
Den Rest muss ich noch auf mich wirken lassen…

Zappyesque

Postings: 575

Registriert seit 22.01.2014

2021-08-27 19:07:16 Uhr
Meine ersten Eindrücke und Urteile:

Zum einen finde ich nicht, dass es - wie an eineigen Stellen behauptet wird - trotz der vielen verschiedenen Gastauftritte wirklich nach einem homogenen Album klingt. Sobald bspw. auf Phoenix Robin Pecknolds Stimme einsetzt fühle ich mich auf einem Fleet Foxes Album. Für mich klingt das Album ein bisschen nach einem Sampler "des Indie-Folk zu Zeiten von Bon Iver und The National", oder so ähnlich. Übergreifend uns zusammenhangbildend ist zwar Justin Vernon's Stimme, gleichzeitig ist genau jene aber Ursprung eines weitern Problems: er versaut teilweise die Gaststimmen und benutzt in der Tat zu viel Autotune (etwas, das mich bei Bon Iver Alben bspw. nicht stört). Hier, wie bereits auf dem Debüt, wird Autotune für meine Begriffe zu unvorsichtig, grob eingesetzt. Dass er dann auf Latter Days die tolle Stimme von Anais Mitchell im Refrain so überschattet kann ich nicht nachvollziehen / Stichwort grob. Dasselbe gilt für "Phoenix" - hier hätte im Refrain Mitchells Stimme absolut ausgereicht.

Ich finde nicht das Taylor Swift hier reinpasst - wenngleich "Birch" für mich ein highlight ist, was allerdings eher dem elektronisch verspielten Hintergrundbeat und dynamischen Auf/Abbau zuzuschreiben ist.

Natürlich präsentieren sich hier und da sehr schöne Ideen, gerade in der Klangtextur ist einiges auf gewohnt hohem erfinderischen Niveau, doch wird im Konzept und beim letzten Schliff auch viel geschludert.

MopedTobias (Marvin)

Mitglied der Plattentests.de-Schlussredaktion

Postings: 17504

Registriert seit 10.09.2013

2021-08-27 17:40:19 Uhr
Alles gut, ich war nur etwas irritiert, weil du deinem Beitrag voranstellst, du könntest mit der Kritik nicht mitgehen, aber dann größtenteils Aussagen tätigst, die dem Review gar nicht widersprechen. Abgesehen von den Dessner-Solos nehmen wir das Album ja doch recht ähnlich wahr.

Kai

Postings: 1156

Registriert seit 25.02.2014

2021-08-27 17:15:06 Uhr
Na ja, bei den Highlights und dem Fazit gehen wir recht weit auseinander: du findest die Dessner Solos "am besten", für mich sind da andere Nummern spannender.

Aber ist ja auch schön, wenn so ein Album auf verschiedenen Wegen gefallen findet.

MopedTobias (Marvin)

Mitglied der Plattentests.de-Schlussredaktion

Postings: 17504

Registriert seit 10.09.2013

2021-08-27 17:10:22 Uhr
Öh, also abgesehen von der Qualität der Dessner-Solo-Songs bzw. seiner Stimme widersprichst du meinem Text doch eigentlich nicht groß oder übersehe ich was? :) "June's a river" finde ich auch sehr schön, aber man kann ja nicht immer alle Songs in einem Review erwähnen.
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