Listen


Banner, 120 x 600, mit Claim

Dave - We're all alone in this together

Dave- We're all alone in this together

Neighbourhood / Caroline / Universal
VÖ: 23.07.2021

Unsere Bewertung: 8/10

Eure Ø-Bewertung: 6/10

Am offenen Herzen

In jeder noch so intimen Geschichte kann eine ganze Gesellschaft nachhallen. Dave weiß das aus erster Hand: "Psychodrama", das Debütalbum des damals erst 20-Jährigen Londoners, erzählte in Form einer fingierten Therapiesitzung von den mentalen Konsequenzen einer Kindheit als schwarzer, armer Junge mit einer alleinerziehenden Mutter und einem Bruder im Gefängnis – und erfuhr eine überwältigende Resonanz. Die Platte erreichte Platz eins der UK-Charts, erntete große Musikpreise und Kritikerlob und machte David Orobosa Omoregie spätestens mit einer Brit-Award-Performance, in der er Boris Johnson live als Rassisten bezeichnete, zum nationalen Ereignis. Dave artikulierte den von politischen Machtträgern oft willentlich überhörten Schmerz seiner Generation und erinnerte daran, dass HipHop in seinen Ursprüngen genau dafür gedacht war. Der Nachfolger "We're all alone in this together" scheint sich der daraus gewachsenen Verantwortung bewusst zu sein, da es den erzählerischen Fokus merklich ausweitet. Doch mit seiner im aktuellen Rap-Kosmos unerreichten emotionalen Wucht und textlichen Klasse schultert der immer noch erst 23-Jährige jeden Druck mühelos.

Angesichts seiner Rolle als Stimme der Stimmlosen und seines cineastischen Conscious-HipHops fiele es leicht, Dave als den britischen Nachfolger Kendrick Lamars zu bezeichnen. Die entsprechenden Ambitionen sind vom Opener an präsent. Quasi-Titeltrack "We're all alone" beginnt mit schweren Drums und doppelzüngigem Gepose, ehe das charakteristische Klavierspiel des klassisch geschulten Pianisten das Ruder übernimmt und er am offenen Herzen operiert: "I got a message from a kid on Sunday mornin' / Said he don't know what to do and that he's thinkin' of killin' himself." Doch Dave wirkt weniger verkopft als sein amerikanischer Bruder im Geiste. Seine weit gespannten Narrative verlieren nie die Bodenhaftung, die Produktion – an der unter anderem James Blake beteiligt war – ist abwechslungsreich, aber immer im Hintergrund. Tracks wie das kühl klappernde "Verdansk" oder das melodische "Twenty to one" kommen mit nicht mehr als rudimentärsten Beats samt Piano-Loops und der einnehmenden Wortmagie des Mercury-Prize-Gewinners aus. In "Law of attraction" lehnt er sich sogar entspannt zurück, um mit Snoh Aalegra ein ganz sich selbst genügendes R'n'B-Liebeslied zu singen.

Generell versteht es das Album wunderbar, seine teils tief an die Nieren gehenden Spannungen an den richtigen Stellen aufzulösen. "Three rivers" heißt eines der Kernstücke, dessen Lyrics man am liebsten gleich in ein Schulbuch drucken würde. Von klagevollen Streichern unterstützt verknüpft Dave den Windrush-Skandal mit anderen Erfahrungen britischer Immigrant*innen zu einem bewegenden Unrechtsmosaik. Am Ende ergreift jedoch sein Buddy und Oscar-Gewinner Daniel Kaluuya das Wort, um seiner Hautfarbe mit Stolz statt Scham zu begegnen. Was darauf folgt, ist die musikalische Entsprechung dieses Statements: Mit beschwingtem Afro-Pop sowie Features von WizKid und Boj feiern "System" und "Lazarus" Nigeria – das Herkunftsland von Daves Eltern – und dessen Musikszene. Zuvor hat bereits die Leadsingle "Clash" gemeinsam mit Stormzy die Politik zugunsten dieses düster-minimalistischen Bangers auf Namedropping beschränkt.

Bei aller Klasse dieser kleinen Hits sind es allerdings die Songs jenseits der sieben Minuten, die den nachhaltigsten Eindruck hinterlassen. "In the fire" versammelt andere UK-Rap-Größen wie Ghetts oder Giggs, während das darunterliegende, fragmentierte Gospel-Sample an Kanye Wests Peak erinnert. "Both sides of a smile" veranstaltet akustisches Theater auf Höchstniveau, indem es in einer nie still stehenden Drei-Akt-Struktur eine gescheiterte Beziehung nachzeichnet. Co-Produzent Blake tritt hier auch vors Mikro, doch der größte Gänsehautmoment gehört Newcomerin ShaSimone, wenn sie sich vom zweistimmigen Parallel-Rap löst und selbst ins Rampenlicht stellt. Getoppt wird dies nur noch von "Heart attack", das ein gesellschaftliches Panorama um Gewaltverbrechen und Armut ins Autobiografische verengt: "I was in intensive care when I was born, mummy fell down the stairs / Whether I was gonna live or not was somethin' uncertain / I used the word 'fell', with the commas inverted." Das eh schon reduzierte Instrumental um eine einsame Gitarre verstummt, Dave verliert sich in seinem Flow und am Schluss berichtet seine Mutter selbst unter Tränen von ihrer Leidenszeit. Es schnürt komplett die Kehle zu.

Was soll danach noch kommen? Die Frage bezieht sich weniger auf den Closer "Survivor's guilt" mit seinem skelettalen Klopfen und den unkreditierten Vocals von Jorja Smith, sondern mehr auf das große "Danach". In jenem Schlussstück reflektiert Dave, noch nicht genug für alle, besonders für schwarze Frauen, getan zu haben, und gelobt Besserung. Er weiß, dass er nicht mehr nur für sich textet, und versucht, dieser Bürde mit größtem Willen nachzukommen. Kollege Kendrick konnte nach "To pimp a butterfly" nur noch das Verweigerungsalbum "Damn" sowie den "Black Panther"-Soundtrack herausbringen und befindet sich seitdem im unbestimmten Hiatus. Auch für Dave wird der Druck nach dem zweiten über die Musik hinaus Wellen schlagenden Meisterwerk in Folge nur noch weiter steigen – und den jungen Mann aus Brixton hoffentlich nicht zerbrechen.

(Marvin Tyczkowski)

Bei Amazon bestellen / Preis prüfen für CD, Vinyl und Download
Bei JPC bestellen / Preis prüfen für CD und Vinyl

Bestellen bei Amazon / JPC

Highlights

  • In the fire
  • Three rivers
  • Both sides of a smile (feat. James Blake)
  • Heart attack

Tracklist

  1. We're all alone
  2. Verdansk
  3. Clash (feat. Stormzy)
  4. In the fire
  5. Three rivers
  6. System (feat. WizKid)
  7. Lazarus (feat. Boj)
  8. Law of attraction (feat. Snoh Aalegra)
  9. Both sides of a smile (feat. James Blake)
  10. Twenty to one
  11. Heart attack
  12. Survivor's guilt

Gesamtspielzeit: 60:00 min.

Album/Rezension im Forum kommentieren (auch ohne Anmeldung möglich)

Einmal am Tag per Mail benachrichtigt werden über neue Beiträge in diesem Thread

Um Nachrichten zu posten, musst Du Dich hier einloggen.

Du bist noch nicht registriert? Das kannst Du hier schnell erledigen. Oder noch einfacher:

Du kannst auch hier eine Nachricht erfassen und erhältst dann in einem weiteren Schritt direkt die Möglichkeit, Dich zu registrieren.
Benutzername:
Deine Nachricht:
Forums-Thread ausklappen
(Neueste fünf Beiträge)
User Beitrag

Kai

Postings: 1180

Registriert seit 25.02.2014

2021-08-11 10:53:54 Uhr
Ich habs jetzt auch 2-3 mal durch und find es alles andere als schlecht.

Ja, die Lyrics sind stark aber gleichzeitig find ich das recht häufige N-Wort dropping etwas viel.
Auch einige der Beats wollen mir nicht richtig gefallen.
System, Lazarus und Law of attraction sind für mich maximal 6/10 die ein gutes Album leider deutlich abwerten.

Highlights sind aber auf jeden Fall die längeren Tracks.
Ohne diese schwache Mitte würde ich bei der 8/10 mitgehen, so bleib ich bei 7/10

Francois

Postings: 169

Registriert seit 26.11.2019

2021-08-07 14:09:03 Uhr
Gestern 2-3x durchgehört…
Ich bin jetzt nicht der große hip Hop Fan. Manche lobeshymnen finde ich überzogen (butterfly Album von Kendrick zB)

Aber dieses Album haut mich um… selbst in den ersten 3 Songs sind mind 2 Highlights - aber In the Fire ist grandios.
Und auch die Nummer mit James Blake. Generell trifft die Rezension alles perfekt.
Meisterwerk

MopedTobias (Marvin)

Mitglied der Plattentests.de-Schlussredaktion

Postings: 17616

Registriert seit 10.09.2013

2021-08-07 01:30:01 Uhr
Jau, ist mir auch schon aufgefallen, danke. Wird korrigiert.

Kai

Postings: 1180

Registriert seit 25.02.2014

2021-08-07 00:22:30 Uhr
Im Text ist am Ende der Hyperlink kaputt. Hier fehlt ein "<" und hinten auch noch ein bisschen was.

kenny23

Postings: 221

Registriert seit 07.11.2013

2021-08-06 22:48:19 Uhr
Oh doch! Und was für eines!!! Danke dass das 2. Album nicht so wie das grandiose Debüt ignoriert wird, sondern angemessen honoriert wird.
Zum kompletten Thread

Hinterlasse uns eine Nachricht, warum Du diesen Post melden möchtest.

Bestellen bei Amazon

Anhören bei Spotify