Listen


Banner, 120 x 600, mit Claim

Lingua Ignota - Sinner get ready

Lingua Ignota- Sinner get ready

Sargent House / Cargo
VÖ: 06.08.2021

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 8/10

Die Schmerzensbrecherin

Klare Ansage gefällig? Um solche war Kristin Hayter alias Lingua Ignota noch nie verlegen. Erst recht nicht auf ihrem monströsen Album "CALIGULA", mit dem es die klassisch ausgebildete Musikerin aus Pennsylvania so bitterernst meinte, dass sie sich für alle Titel explizit Großbuchstaben ausbat. Adäquate Beschreibungsebene für die höllischen Flüche und religiös gefärbten Rachetiraden, in denen Hayter tyrannische Machtmenschen, pardon, -männer und toxische Gewalttäter in Grund und Boden verdammte – zu malmendem Drone-Doom mit lebendig verpflanzter Neoklassik. Da nimmt es nicht wunder, dass der Coverschriftzug auf ihrem Oberkörper kein Make-Up-Effekt, sondern ein leibhaftiges Tattoo ist. Für etwas mehr Schmerz auf dieser Welt. Und diese Frau warnt nun: "Sinner get ready"? Distanzier! Bereu! Büß! In Großbuchstaben, versteht sich.

Da wird es die mehr oder weniger reuigen Sünder zumindest ein wenig beruhigen, dass sich Hayter auf ihrem vierten Longplayer vergleichsweise milde und manchmal fast esoterisch gibt. Was aber vielleicht nur daran liegt, dass ein langwieriges Rückenleiden die 35-Jährige zwischenzeitlich außer Gefecht setzte. An die Stelle von mit brachialer Bösartigkeit durchexerzierten Vergeltungsfantasien tritt eine zusehends luftige Filigranität – Power-Noise und erschreckendes Gecrunche raus, gravitätische Kontemplation und Harmonien rein. Weswegen "The order of the spiritual virgins" dieses Album eher behutsam einleitet denn offensiv aufreißt. Aber Vorsicht: Es ist nur eine Frage der Zeit, bis der erste bassige Klavier-Akkord unheilvoll über das Stück hineinbricht und alles mit sich reißt. Und schon öffnet sich der bodenlose Schlund von "Sinner get ready".

Lingua Ignota verhält sich also weiterhin zu Hildegard von Bingen wie König Herodes zu Johannes dem Täufer, obwohl auch Anna von Hausswolff die triumphale Kirchenorgel von "I who bend the tall grasses" kaum feierlicher hinbekommen hätte. Doch das Verderben nimmt seinen Lauf: Nach kurzer Zeit verfällt Hayter in aufgebrachtes Zürnen, fleht um himmlische Sensen und spuckt heiser Verwünschungen in die mit Percussion-Geklingel gesättigte Luft, sodass der Begriff Gottesfurcht in diesen mit F-Wörtern durchsetzten Anrufungen eine neue, bedrohliche Dimension erhält. Neben dem atonalen Schaben von "Many hands" die deutlichste Reminiszenz an den Vorgänger und an Sightless Pit, Hayters Projekt mit Musikern von The Body und Full Of Hell – ehe sie nicht nur endgültig alle Hoffnung, sondern auch alle Industrial-Hüllen fallen lässt.

Im Grunde ihres geschundenen Herzens bleibt Hayter nämlich eine Virtuosin. Zum Beispiel im Klagelied "Pennsylvania furnace", das sie bis auf ihren sublimen Gesang und ein versonnenes Piano nahezu komplett leerräumt, auf dass der Zorn Gottes über alle kommen möge, die dieses Prachtstück mit der schnöden Bezeichnung "Ballade" abzutun wagen. Ebenso gespenstisch trauern Künstlerin und Instrument in "Perpetual flame of Centralia" um die ob unterirdisch lodernder Kohleflöze unbewohnbare Geisterstadt und bitten die Streicherwüsten von "Repent now confess now" zum jüngsten Standgericht. Dazu rauschen Gospelchöre und Andeutungen spiritueller Traditionals durch, "Man is like a spring flower" probt einen letzten lärmigen Aufstand. Dann schweigt ein Album, das weniger verwüstet als "CALIGULA" – aber ähnlich tief beeindruckt.

(Thomas Pilgrim)

Bei Amazon bestellen / Preis prüfen für CD, Vinyl und Download
Bei JPC bestellen / Preis prüfen für CD und Vinyl

Bestellen bei Amazon / JPC

Highlights

  • The order of the spiritual virgins
  • I who bend the tall grasses
  • Pennsylvania furnace

Tracklist

  1. The order of the spiritual virgins
  2. I who bend the tall grasses
  3. Many hands
  4. Pennsylvania furnace
  5. Repent now confess now
  6. The sacred linament of judgment
  7. Perpetual flame of Centralia
  8. Man is like a spring flower
  9. The solitary brethren of Ephrata

Gesamtspielzeit: 55:55 min.

Album/Rezension im Forum kommentieren (auch ohne Anmeldung möglich)

Einmal am Tag per Mail benachrichtigt werden über neue Beiträge in diesem Thread

Um Nachrichten zu posten, musst Du Dich hier einloggen.

Du bist noch nicht registriert? Das kannst Du hier schnell erledigen. Oder noch einfacher:

Du kannst auch hier eine Nachricht erfassen und erhältst dann in einem weiteren Schritt direkt die Möglichkeit, Dich zu registrieren.
Benutzername:
Deine Nachricht:
Forums-Thread ausklappen
(Neueste fünf Beiträge)
User Beitrag

Walenta

Postings: 283

Registriert seit 14.06.2013

2021-10-14 13:27:09 Uhr
Hab den von dir erwähnten Part über Marshall auch gerade gelesen...(dachte bis eben, die wären noch zusammen):

https://i.redd.it/qhozj5vf8at71.jpg

Klaus

Postings: 3801

Registriert seit 22.08.2019

2021-10-14 11:44:22 Uhr
Läuft gerade mal wieder. Obwohl es musikalisch gar nicht so "brutal" ist, ist es dank der Atmosphäre wohl das kaputteste Album des Jahres.

Ansonsten hat sie gerade geäußert, dass es wohl dem Frontmann von Daughters, Alexis Marshall gewidmet ist - und zwar nicht im Guten; sie bezeichnet ihn als "abuser".

Klaus

Postings: 3801

Registriert seit 22.08.2019

2021-08-16 16:33:14 Uhr
Auch die Tage gehört.

Sehr kaputt das Ganze. Ihre Stimme ist mir, wie beim letzten Album, manchmal etwas zu übertrieben. Die Atmosphäre hier ist allerdings sehr, sehr krass.

Der Untergeher

User und News-Scout

Postings: 1652

Registriert seit 04.12.2015

2021-08-16 16:31:09 Uhr
+1

Triumph of Our Tired Eyes

Postings: 59

Registriert seit 14.06.2013

2021-08-16 14:57:42 Uhr
Schliesse mich Eliminator Jr. an. Die Eigenständigkeit sowie die unvorhersehbaren Songstrukturen sind wohl die beiden Punkte, die mich am meisten begeistern.
Zum kompletten Thread

Hinterlasse uns eine Nachricht, warum Du diesen Post melden möchtest.

Bestellen bei Amazon

Weitere Rezensionen im Plattentests.de-Archiv

Threads im Plattentests.de-Forum

Anhören bei Spotify