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Ider - Shame

Ider- Shame

Self-released
VÖ: 06.08.2021

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 8/10

Wir-Maschine

"Die Zukunft der Gurke liegt in ihrer Zerteilung", hat Roland Barthes mal geschrieben. Zum Glück sind Ider keine Gurken, weswegen sie ob ihrer Unzertrennlichkeit nicht schwarzsehen müssen. Die Einheit der beiden in London ansässigen Besties visualisieren bereits ihre Albumcover: Auf ihrem Debüt "Emotional education" posieren sie wie ein vierarmiges Wesen und auch der Nachfolger "Shame" zeigt Megan Markwick und Lily Somerville aufeinander in einer Ecke sitzliegend. Obwohl sie nun schon knapp zehn Jahre zusammenleben und fast genauso lange gemeinsam Musik machen, haben sie immer noch nicht genug voneinander. Daran änderte auch ein Berlin-Aufenthalt Anfang 2020 nichts, der sich aus offensichtlichen Gründen länger als geplant hinzog. Ganz im Gegenteil beflügelte die geteilte Isolation die Inspiration für Platte Nummer zwei. Noch immer winden sich die – na klar – eng umschlungenen Gesangsharmonien um zurückhaltend-eingängige Pop-Gerüste, doch neue perkussive Texturen und andere Einflüsse frischen die Achtziger-Ästhetik des Vorgängers auf. Das Ganze veröffentlichen Markwick und Somerville dann auch noch alleine, nachdem sie sich von ihrem vorigen Label kurzerhand getrennt hatten. Ider brauchen eben niemand anderen außer sich selbst.

Zumindest die meiste Zeit über. Der Opener "Cross yourself" kreist um das Thema Religion, sucht nach spirituellen Konstrukten, die einem im Irrgarten der Existenz die Richtung weisen – nur, um dem ollen Glauben doch mit wortgewandtem Augenzwinkern die Gegenwartstauglichkeit abzusprechen: "We need something physical, but faith is still invisible / Can't find it on Instagram and I'm still fucking miserable." Dass jener Song mit seinen verzerrten Samples, den Synth-Orgeln und dem schweren Beat eine der offensichtlichsten Singles darstellt, zeigt, dass "Shame" nicht gerade ein Album voller offensichtlicher Singles ist. Einzig das grandiose und ebenfalls vorab veröffentlichte "Bored" ließe sich bedenkenlos als solche bezeichnen: Sprechgesang über Kopfnicker-Scheppern, ein schwebender Refrain und im Hintergrund brutzelnde Gitarren formen einen vielschichtigen Hit. Kamen einem zuvor Acts wie Carly Rae Jepsen oder Haim als Referenzen in den Sinn, klingen die neuen Ider am ehesten wie eine wärmere Version ihrer Landsfrau Låpsley. Trotz der mit nur acht Tracks in einer guten halben Stunde knapp bemessenen Bühnenzeit lassen die Britinnen ihren Stücken zumeist einen großzügigen Entfaltungsraum – und gönnen sich mit "Waiting 17 03" sogar ein transzendental verschlepptes Interlude.

Genau in dieser Unaufdringlichkeit entwickelt die Platte ihre große Klasse. Vor allem "Knocked up" beweist, dass ein wunderbarer Popsong keine markanten Hooks braucht, sondern nur zwei perfekt verzahnte Stimmen, die sich von einem Piano-Loop treiben lassen und am Schluss in den Himmel emporsteigen. Auch die schwelgerische Downtempo-Hypnose "Obsessed" badet in ihren Melodien und will gar nicht mehr daraus auftauchen. "Midland's guilt" setzt einen ähnlich atmosphärischen Schlusspunkt mit Klavier und geschmackvoll eingesetztem Autotune, dessen Entfremdungseffekt die aus Staffordshire stammende Somerville zur Ausleuchtung ihrer regionalen Doppel-Identität nutzt. Es ist einer der wenigen Momente in Iders Schaffen, denen eine der beiden Frauen einen stärkeren Stempel als die andere aufdrückt. Ihre Einheit stört das freilich nicht. Mit der neugewonnenen Selbstbestimmung erhält das aus zwei verschmolzenen Stimmen geformte Wesen nur noch mehr Kontur – wie eine von allen Fesseln gelöste, zweiköpfige Hydra, die sich in voller Pracht vor einem aufbäumt. Roland Barthes, dieser große Deuter aller möglichen Zeichen und Symbole, hätte dazu sicher auch einiges zu sagen gehabt. Ihm zu Ehren schneiden wir unsere Gurken für den heutigen Salat besonders klein.

(Marvin Tyczkowski)

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Highlights

  • Knocked up
  • Obsessed
  • Bored

Tracklist

  1. Cross yourself
  2. Cbb to b sad
  3. Knocked up
  4. Obsessed
  5. Bored
  6. Waiting 17 03
  7. Embarrassed
  8. Midland's guilt

Gesamtspielzeit: 31:51 min.

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Armin

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2021-08-06 21:08:26 Uhr - Newsbeitrag
Frisch rezensiert.

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