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Billie Eilish - Happier than ever

Billie Eilish- Happier than ever

Interscope / Universal
VÖ: 30.07.2021

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 6/10

Kometenhaft

"Things I once enjoyed just keep me employed now." Wer will Billie Eilish das Sentiment verdenken, das sie im Opener ihres wahlweise gespannt oder befürchtend erwarteten zweiten Albums äußert. Ihr Aufstieg zu einer eigenwilligen Jugend-Ikone ist in seiner Rasanz bemerkenswert – schon bevor auffällt, dass die Dame noch nicht mal geboren war, als die Anschläge vom 11. September passierten. "Happier than ever" ist als Titel natürlich gleichermaßen Statement und ironische Brechung. Eilish lässt sich jedenfalls wenig beirren und hätte ein kompakteres, zugänglicheres Album abliefern können. Stattdessen beschäftigt sie sich in deutlich realitätsbezogeneren Lyrics mit ihrer Rolle als Sprachrohr einer Generation und Symbolfigur, die sie ein Stück weit zurückweist. Natürlich nicht im Stil eines "Self portrait" oder "In utero". Aber doch mit einer gewissen Bestimmtheit.

Das fängt damit an, dass diese knappe Stunde deutlich das Tempo rausnimmt, auch wenn bereits "When we all fall asleep, where do we go?" im Nachhinein gar nicht so viel Material für wippende Füße bereithielt. Auf "Happier than ever" stechen die wenigen energischen Momente meist besonders positiv heraus. "I didn't change my number" löst das angesprochene "Getting older" mit Hundekläffen und knisterndem Elektropop ab. Die Singles "NDA" und "Therefore I am" bilden eine fulminante Doppelspitze mit Beats, die ganz entfernt schon mal Nine Inch Nails' "Closer" gehört haben. Während letztgenannter Song schlagfertig dem ollen Descartes ein wenig grüne Farbe in den Bart sprüht, gerät "NDA" besonders atmosphärisch. "Had a pretty boy over but he couldn't stay / On his way out I made him sign an NDA" stichelt Eilish noch, bevor eine Autotune-Breitseite die Falltür betätigt: "You couldn't save me but you can't let me go."

Größtes Highlight ist der eiskalte, sexuell aufgeladene Beat von "Oxytocin", der zu Eilishs distanziert gehauchtem "I wanna do bad things to you" passt wie die implizit besungenen Körperteile im Rausch des titelgebenden Hormons ineinander. Da blitzt das Stroboksop auch im heimischen Wohnzimmer auf. Einzig seltsam gerät die zweite Hälfte des an sich spannenden Titeltracks, die plötzlich in einen übersteuerten Rocksong mündet und die gewollte Karthasis in einem Meer aus Verzerrung verpufft. Das alles heißt zudem nicht, dass die zahlreichen ruhigen Songs keine Kraft besitzen. Sie sorgen vor allem für einen flächendeckenden Vibe, in welchem sich die zunächst unscheinbare Ballade "Your power" zu einem berührenden Stück über eine toxische Beziehung mit hohem Altersunterschied entfaltet und das schon letztes Jahr großartige "My future" als Retro-Kammerpop brilliert – und hier die Blaupause für viele weitere Rückgriffe ist. Schade höchstens, dass das zurecht hochgelobte "Everything I wanted" nicht den Weg auf die Platte gefunden hat.

Dort wartet immerhin noch am Ende das wundervolle, akustische "Male fantasy", das auch eine Phoebe Bridgers wohl nicht von der Bettkante gestoßen hätte. Und dass "Billie bossa nova" erfolgreich eine eigentlich längst abgesagte Musikrichtung in ein Popalbum verpackt, muss mit diesen Zeilen gefeiert werden: "I'm not sentimental / But there's something 'bout the way you look tonight / Makes me wanna take a picture / Make a movie with you that we have to hide." Überhaupt ist "Happier than ever" um einiges expliziter und direkter geworden, sei es bei den Themen Sex und Liebe oder in der Reaktion auf Eilishs öffentliche Wahrnehmung. Da mag die Spoken-Word-Einlage "Not my responsibility" gegen das allgegenwärtige Bodyshaming trotz guter Absichten etwas gestelzt wirken, aber der Ambient-Hintergund sowie die Weiterverarbeitung im beatgetriebenen Nachfolger "Overheated" sind schon wieder klasse.

Das Haar in der Suppe? "Happier than ever" will etwas zu viel sein und eine Entschlackung in der Mitte bei den sedierten "Halley's comet" und "Everybody dies" hätte die Platte auf ein noch höheres Niveau gehoben. Trotzdem halten Eilish und ihr Bruder Finneas, die weiterhin vorwiegend im Tandem arbeiten, die Balance zwischen dem Beibehalten der Trademarks des Debüts und der Spiegelung der vergangenen Jahre samt Entwicklung in neue Richtungen. Keine übermäßigen Zugeständnisse, keine Verweigerungen – stattdessen ein ganzer Blumenstrauß an Ideen und tollen Kompositionen, den Eilish unter den Bedingungen eines nie vorhersehbaren Wirbels um ihre Person hervorgezaubert hat. "I'm in love with my future / Can't wait to meet her." Wir auch nicht, Billie.

(Felix Heinecker)

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Highlights

  • I didn't change my number
  • My future
  • Oxytocin
  • NDA
  • Male fantasy

Tracklist

  1. Getting older
  2. I didn't change my number
  3. Billie bossa nova
  4. My future
  5. Oxytocin
  6. Goldwing
  7. Lost cause
  8. Halley's comet
  9. Not my responsibility
  10. Overheated
  11. Everybody dies
  12. Your power
  13. NDA
  14. Therefore I am
  15. Happier than ever
  16. Male fantasy

Gesamtspielzeit: 56:16 min.

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User Beitrag

Felix H

Mitglied der Plattentests.de-Chefredaktion

Postings: 7830

Registriert seit 26.02.2016

2021-10-30 13:19:47 Uhr
Also die Story zu den Foo Fighters stimmt dann endgültig nicht mehr, wenn man die Hintergründe zu deren Debüt kennt. Aber das ist auch wirklich nicht das Thema jetzt.

Bona

Postings: 108

Registriert seit 20.10.2019

2021-10-30 13:07:31 Uhr
Welchen Willen?

Also du glaubst da kommt der Herr Universal ins Electric Lady Studio und diktiert dem Grohl was er zu singen und zu spielen hat?

Sind wir jetzt endgültig bei Verschwörungen gelandet?

Z4

Postings: 319

Registriert seit 28.10.2021

2021-10-30 13:01:15 Uhr
Melodrama war kein Flop, das kam halt raus als Spotify extrem viel mehr Marktanteil hatte als vorher. Und ich seh auch nicht, dass In Utero oder das 2. von Billie Eilish geflopt ist, das sind ja auch alles keine Popstars im klassischen Sinne, die wie ein Kino-Blockbuster extreme Werbekosten wieder einspielen müssen, sondern bei diesen Künstlern mehr oder weniger ein Selbstläufer, wenn die Qualität der Musik gut ist.

Und In Utero war so ein lärmiges Anti-Album, vielleicht wollte die Plattenfirma da irgendwas, aber die Band und der Produzent haben sich da auf jeden Fall nicht dran gehalten falls es ein Marketingkonzept gab. :D Aber ihren Willen haben sie dann ja mit Nickelba... äh den Foo Fighters bekommen.

Bona

Postings: 108

Registriert seit 20.10.2019

2021-10-30 12:29:49 Uhr
Ich finde auch es wird jetzt ganz schönes Gelatsche...

In Utero ein Flop, ist klar. Im Gegensatz zu Nevermind vielleicht, aber sonst?
Alles nach Dark Side Of The Moon muss ja dann auch ein Flop gewesen sein, alles nach Thriller floppte usw.
Was sind das nur für sinnfreie Vergleiche um einen Künstler durch die Blume abzuwerten.

"Na ja, wenn man seine Künstlerpersönlichkeit über eine Andersartigkeit und Trueness aufbaut, ist es denke ich angebracht, das zu hinterfragen."

Was gibt's da zu hinterfragen? Nimm dem Bono die Sonnenbrille mal besser noch weg, nicht das er dich versucht zu täuschen mit seinem Brillenblick...

Kidd, eine Seite vorher hast du Usern unterstellt sie schwurbeln und handeln sektenähnlich. Wenn du einmal drüber bist Dinge zu hinterfragen, fang da an, denn du schwurbelst Dir Dinge zusammen...

VelvetCell

Postings: 4145

Registriert seit 14.06.2013

2021-10-30 11:11:11 Uhr
Aber, aber! Nevermind hat das doppelte verkauft!

In Utero ist ein Flop. Die Plattenfirma wollte damit damals eine erwachsenere Käuferschicht erreichen und ist krachend gescheitert.
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