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Willow - Lately I feel everything

Willow- Lately I feel everything

MSFTS / Roc Nation / Universal
VÖ: 16.07.2021

Unsere Bewertung: 6/10

Eure Ø-Bewertung: 6/10

Und dann hörten wir die Smiths

Wer erinnert sich noch an das cineastische Desaster, als Hollywood-Baron Will Smith seinen Sohn Jaden in M. Night Shyamalans "After Earth" gecastet hat und dieser den ohnehin nur mauen Film mit der Ausstrahlung einer kaputten Glühbirne nicht gerade veredeln konnte? Und das war noch, bevor derselbe mit wirren Tweets wie "How can mirrors be real if our eyes aren't real?" und selbstbefeuerten Gerüchten über eine schwule Romanze mit Tyler, The Creator seinen Ruf als Trash-Ikone weiter zementierte. Schwesterchen Willow hingegen hat eine relativ weiße Weste, wenn es um mediale Fauxpas geht (ihre mit zehn Jahren veröffentlichte Single "Whip my hair" mal ausgenommen), und gilt als gute Musikerin, die sich mühelos verschiedene Stile zu eigen machen kann. Nach smoothem R&B hat nun aber auch bei ihr die spätpubertäre Trotzphase ein bisschen verzögert eingesetzt: Ja, Willow Smith hat den Punk entdeckt. Ein Anruf bei Travis Barker und diverse Songwriting-Sessions mit professioneller Hilfe von Tyler Cole später will "Lately I feel everything" nun 2000er-Pop-Punk wieder salonfähig und für die Generation TikTok schmackhaft machen. Der Nepotismus-Aufschrei ist wie erwartet gewaltig, an Riot-Grrrl-Symbolik hat sich neulich schon Olivia Rodrigo verhoben (sowie sich medienwirksam mit Courtney Love gebattelt) und sowieso und überhaupt. Wie soll sowas gutgehen?

Entwarnung: Es geht. Im Falle der Single "Transparent soul" mit Rückendeckung von Barker und starker Hook sogar auf äußerst gelungene Weise. Riffs, Breaks – alles sitzt da, wo es hingehört. "Lipstick" liebäugelt gar ein bisschen mit ballernden Trip-Hop-Strukturen, und Smiths Stimme ist tatsächlich stark – allen Altersgenoss*innen, die erst am Anfang ihrer musikalischen Sozialisation stehen, sei hier nahegelegt, direkt bei Portisheads "Machine gun" weiterzuhören. Eine Art Post-Punk-Sound mit ordentlich Reverb kredenzt "Naïve" und funktioniert als Semi-Ballade ausgesprochen gut, weil Smith sich auch hier gesanglich so richtig reinhängt. In "Come home" gesellt sich Ayla Tesler-Mabe unterstützend dazu, und gemeinsam gelingt beiden ein amtliches Rock-Stück, an dem sich nicht rummäkeln lässt – diese Kombo ist überzeugender als die Rap-Einlage von Tierra Whack in "Xtra". Das Album als Ganzes hat es sich den Pop-Punk-Ankündigungen zum Trotz zwischen verschiedenen Genre-Stühlen am gemütlichsten gemacht.

Das Nonplusultra geladener Gäste stellt allerdings selbstredend Avril Lavigne dar, die zu "Grow" weitermacht, wo sie einst mit "Let go" aufgehört hatte – so als seien Chad Kroeger und die paar Alben Langweiler-Gebrauchspop nie geschehen. Der Song selbst ist zwar nur ganz nett, aber hey, Networking ist das A und O, wenn man es in der Musikindustrie zu etwas bringen will: Willow Smith hat Potenzial als Rock-Sängerin, das steht außer Frage, und sie weiß um die richtigen Vorbilder. So richtig durchgezogen wird das Konzept auf "Lately I feel everything" dann aber doch nicht: "Don't save me" oder "4ever" sind eben nur Pop-Fingerübungen, die alibimäßig zwischendurch ein bisschen in die Saiten hauen. Die etwas abgründigere Seite steht Willow aber auch innerhalb ihrer Gitarrenmusik gut zu Gesicht.

It runs in the family: Schon Mama Jada Pinkett-Smith ist in den frühen 2000ern mit ihrer Crossover-Kapelle Wicked Wisdom durch die Gegend getingelt, und der Apfel fällt bei Willow nicht weit vom Stamm. Abschließend aber noch eine Empfehlung: Zusätzlich zur normalen Edition liefert Smith auf Streaming-Portalen auch eine zensierte, kinderfreundliche Variante des Albums. Das halbminütige Quasi-Acapella "F**k you" in dieser zu hören, ist nichts weniger als zum Totlachen, wird der "Song" doch praktisch zur Hälfte "weggepiept". Lustiger als so mancher Comedy-Versuch des Familienoberhaupts! Die Smiths haben definitiv schon Schlimmeres auf die Menschheit losgelassen.

(Ralf Hoff)

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Highlights

  • Transparent soul (feat. Travis Barker)
  • Naïve
  • Lipstick

Tracklist

  1. Transparent soul (feat. Travis Barker)
  2. F**k you
  3. Gaslight (feat. Travis Barker)
  4. Don't save me
  5. Naïve
  6. Lipstick
  7. Come home (feat. Ayla Tesler-Mabe)
  8. 4ever
  9. Xtra (feat. Tierra Whack)
  10. Grow (Willow & Avril Lavigne feat. Travis Barker)
  11. Breakout (feat. Cherry Glazerr)

Gesamtspielzeit: 26:09 min.

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(Neueste fünf Beiträge)
User Beitrag

Ralph mit F

Postings: 183

Registriert seit 10.03.2021

2021-07-22 13:32:13 Uhr
Seh ich ganz genau so, deswegen die durchaus anständige 6 :)

Croefield

Postings: 1625

Registriert seit 13.01.2014

2021-07-22 13:16:22 Uhr
"Transparent Soul" ist super. Generell: dieses Pop-Punk-Revival (Travis Barker hat da ja wirklich ÜBERALL seine Finger im Spiel) taugt mir irgendwie. Klar, das ist einfach aktuell ein Trend, der wahrscheinlich schnell wieder von was anderem überholt wird, aber ich finde das trotzdem positiv, dass zumindest kurzfristig wieder ein paar Gitarren auch in der breiten Öffentlichkeit (und vielleicht ja auch in der TikTok-Generation) vertreten sind.

"Naive" ist auch noch ganz gut. "Grow" klingt halt wie ein Avril Lavigne-Song. Das ist jetzt nicht unbedingt positiv gemeint.

Kann man sich auf jeden Fall anhören, aber ist insgesamt doch etwas halbherzig und aufgesetzt. Aber es gibt aktuell auf jeden Fall Schlimmeres.

Armin

Plattentests.de-Chef

Postings: 21511

Registriert seit 08.01.2012

2021-07-21 21:15:13 Uhr - Newsbeitrag
Frisch rezensiert.

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