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Charli Adams - Bullseye

Charli Adams- Bullseye

Color Study
VÖ: 16.07.2021

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 6/10

Freischwimmer

Es dauert nur wenige Sekunden, bis sich auf Charli Adams' Debütalbum "Bullseye" ein Gefühl des Wiedererkennens einstellt. Die bedrückte und doch kecke Phrasierung in der Stimme, die den Nachthimmel reflektierenden Gitarren: Der Einfluss Phoebe Bridgers' auf eine ganze Generation junger Songwriterinnen ist unüberhörbar und kommt auch hier zur Geltung. Dazu der selbstironische Titel "Emo lullaby" – nur echt mit weinendem Smiley :`( – der auf eine Zeit selbstgebastelter Emojis verweist und dabei auch so etwas wie eine ergreifende, nostalgische Verwundbarkeit sprechen lässt. Charli Adams stammt aus Alabama, dem tiefen Süden der USA, blickt inzwischen aus der Musikmetropole Nashville mit Distanz dorthin und ist froh, religiösen Eifer und Auftritte als Cheerleader nur noch aus der Erinnerung zu kennen. So ist "Bullseye" auch eine persönliche Emanzipationsgeschichte geworden und darin weniger ambivalent als Julien Bakers Umgang mit ihrer konservativen Sozialisation.

Schnell offenbart sich, dass Adams bei allen anfänglichen Ähnlichkeiten andere Akzente setzt, als es die komplexen Erzählungen und emotionalen Vivisektionen ihrer folkigen Prägung vermuten lassen. Schon ihre Ansprache ist direkt und unverblümt: "I remember when I was thirteen / Man, that shit was heavy / I'm relearning how to breathe at the age of twenty-three." Und auch musikalisch bewegt sich "Bullseye" rasch mit Freude durch die Genres, ohne Berührungsängste, auch mal poppig oder seicht zu klingen. Die erste Single "Cheer captain" wirkt, als wäre der Pop-Punk, der in den 90er-Jahren auf dem Walkman den Weg durch die Schulkorridore begleitet hat, durch das Prisma einer Indie-Songwriterin verlangsamt und gefiltert worden. Adams entwickelt dabei in wenigen Zeilen ihr zentrales Thema: warum die endlose Bedürftigkeit nach Anerkennung durch die falschen Leute, warum das immergleiche Schema, zum "people pleaser" werden zu wollen? Regelmäßig thematisiert "Bullseye" Szenarien der Zurückweisung, sozialen Unsicherheit und Scham, doch geschieht dies mit einer Lebensfreude und Verspieltheit, die zu rufen scheinen: Hier schwimmt sich jemand frei.

"Didn't make it" pendelt zwischen 80er-Pop mit Hall und Taylor Swifts melodieseligen Reflektionen und entpuppt sich als angenehm subtiler, verlegener Ohrwurm. Und das Duo aus "Get high with my friends" und "Jokes on you" zieht es vollends auf die Tanzfläche, wo sich Selbstbehauptung eben auch erlernen lässt. Wenn Dua Lipa häufiger mal in Indie-Diskos verkehrt hätte, wäre vielleicht etwas Ähnliches entstanden. Zwischendurch streut Adams immer wieder Balladen ein, deren Grandeur mitunter die Grenze zum Kitsch ignoriert – das ist aber nicht weiter schlimm, sondern legt vielmehr Zeugnis über ihren spielerischen Eklektizismus ab: "Headspace", ein Duett mit Country-Crooner Ruston Kelly, kontrastiert das Pathos seiner emporschwebenden Refrains mit den harten, suggestiven Schnitten seines Textes: "Said you fell in love in school / With a girl straight from a dream /So you sat there on the playground /Took too much amphetamine."

Auch wenn nicht jeder Song gleichermaßen zündet und sich Adams' Pop-Sensibilität bisweilen gefährlich nah am glattgebügelten Hitradio der 00er-Jahre orientiert, ist "Bullseye" stets ein äußerst abwechslungsreiches und dank Adams' mutiger und offener Erzählung durchaus vielschichtiges Debüt geworden. Dafür sorgt auch das überzeugende Abschlusstrio: "Remember Cloverland" wartet mit heiteren Synthies aus Arcade-Videospielen auf, im abschließenden Titeltrack preschen gar einmal die Gitarren nach vorne. Dazwischen liegt das ruhige "Seventeen again" mit seinen wunderschönen Harmonien und einprägsamen Bildern: "I could get a quick job / Selling roses on Fridays outside the nightclub", spekuliert Adams und verliert sich dann in den Hintergrund eines verwehten Chores: "I'm an echo." "Bullseye" hingegen ist mehr als das: ein unverfrorenes Potpourri disparater Einflüssse, nämlich vor allem der Ausdruck einer Künstlerin, die ganz offenbar genau die Musik macht, die sie machen will. "People pleaser" einmal anders gedacht.

(Viktor Fritzenkötter)

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Highlights

  • Didn't make it
  • Seventeen again (feat. Novo Amor)
  • Bullseye

Tracklist

  1. Emo lullaby :´(
  2. Cheer captain
  3. Didn't make it
  4. Headspace (feat. Ruston Kelly)
  5. Get high with my friends
  6. Joke's on you (I don't want to)
  7. Maybe could have loved (feat. Nightly)
  8. Brother with me
  9. Remember Cloverland
  10. Seventeen again (feat. Novo Amor)
  11. Bullseye

Gesamtspielzeit: 38:16 min.

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(Neueste fünf Beiträge)
User Beitrag

Saschek

Postings: 81

Registriert seit 23.07.2018

2021-07-22 16:57:25 Uhr
Bin hier auch eher für die 6/10. Mir fehlt ein bisschen das eigene. Tatsächlich klingt vieles wie etwas, das man so oder so ähnlich schon von anderen, nur besser gehört hat. Ein ganz kleines bisschen zu konturlos für meinen Geschmack. Vor allem Hinblick darauf, dass Clairos wesentlich erfindungsreicheres Sling hier ebenfalls eine 7/10 bekommen hat. Naja - wat willste machen. :)

Croefield

Postings: 1550

Registriert seit 13.01.2014

2021-07-22 12:41:36 Uhr
"Cheer Captain" hat mich auf Charli Adams aufmerksam gemacht und ist sicherlich einer der Songs des Jahres für mich. Dieses laidbackige Pop-Punk-Ästhetische angereichert mit offenen und treffsicheren Texten erfreut mich zutiefst.
Auf Albumlänge wird dann noch relativ viel ausprobiert, gerade der Mittelteil ist mir dann auch etwas zu kitschig und ist auch musikalisch nicht so gut ausgewogen.
Aber wie passend in der Rezension geschrieben ist das Schlusstrio dann qualitativ nochmal deutlich höher.
Für mich aktuell wohl eine 6/10 (ich hätte mir vielleicht nochetwas mehr Gitarren gewünscht, deswegen auch die klaren Highlights "Cheer Captain" und "Bullseye"). Ich bin auf jeden Fall gespannt, was sie noch so machen wird.

Armin

Plattentests.de-Chef

Postings: 20640

Registriert seit 08.01.2012

2021-07-21 21:12:25 Uhr - Newsbeitrag
Frisch rezensiert.

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